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Veröffentlicht: 02.08.2016, 16:49 Uhr

Mietwagen Mietwagen für Zeitreisen

Urlaub bedeutet oft: hässliche Mietwagen. Doch jetzt kann man sich günstig schöne Oldtimer mieten und in eine andere Epoche fahren. Zwei Selbstversuche in Paris

von und Ralph Martin
© Niklas Maak Nie wieder hässliche Mietwagen: Dieses Cabrio von 1974 kann man in Paris für 110 Euro am Tag fahren.

Rive Droite im Peugeot 304

Wer in den Urlaub fährt, probiert ein anderes, besseres Leben aus. Man lebt nicht in einer überteuerten Wohnung in Frankfurt, Berlin oder Göttingen, sondern in einem alten Haus am Meer. Man grillt Fisch, statt sich am Bahnhof schnell ein mattes Mettwurstsandwich zu kaufen, man rast nicht mit einem zu heißen Pappbecher ins Büro, sondern sitzt vier Stunden im Café und schaut der Zeit beim Zerfallen zu. Alles sieht besser aus: die Kleidung leichter, die Menschen gebräunter, das Ferienhaus zauberhaft - und das Einzige, was wie ein böser Gruß aus dem trüben Alltag ins Bild rollt, ist der Mietwagen.

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Wenn man kein Vermögen ausgeben will, bekommt man meist nur die allertristesten Mietwagen, graue, eierförmige Plastikkugeln, die die Ästhetik des Lieblos-Praktischen und Sparzwanghaften mit in die Ferien bringen. Nun gibt es Leute, denen der Mietwagen vollkommen egal ist (so wie es Leute gibt, denen es vollkommen egal ist, was sie anziehen oder wie sie wohnen oder was auf ihrem Teller landet). Für all diejenigen aber, die nicht aus einem reizenden Ferienhaus auf einen zauberhaften Markt in einem Auto fahren wollen, das aussieht, als sei es aus den gelben Hälften einer Überraschungseierkapsel zusammengeklebt worden, und für alle, die finden, dass man, wenn man in einem gemieteten Śkoda Fabia über eine Küstenstraße fährt, auch gleich zu Hause bleiben kann, gibt es in Frankreich (und vermehrt auch in Deutschland) eine Lösung. Sie heißt Drivy.de beziehungsweise Drivy.fr, dahinter verbirgt sich eine Internetplattform, auf der private Anbieter ihre eigenen Wagen tageweise vermieten können. Den Preis bestimmen die Vermieter selbst, mit enthalten ist eine Vollkaskoversicherung der Allianz für Fahrer und Auto.

Ente, Spinne, Käfer oder Manta?

In Paris kann man sich für 157 Euro am Tag die legendäre Citroën DS mieten. Wer wie die Nonne aus dem Louis-de-Funès-Film die Hänge bei Saint-Tropez hinunterdonnern will, bekommt in Fréjus für 110 Euro pro Tag eine knallrote Ente, zum gleichen Preis gäbe es aber auch einen BMW 2002 von 1974. Wer in Paris sein Wochenend-Date beeindrucken will, bekommt für 125 Euro einen Fiat Spider Europa, in Berlin gibt es einen Opel Manta für 70 Euro, in Köln ein Käfer Cabrio für 110 Euro, in Trouville kostet das 20 Euro mehr.

Wenn jemand unbedingt der Meinung ist, man könne in Antibes unmöglich anders als in einem fetten Range Rover Sport vorfahren, kann sich auch den ausleihen - für 100 Euro am Tag. Für das Doppelte darf man eine Stunde in einem Citroën von 1930 herumknattern. Wer von Bordeaux aus ans Meer fahren will, bekommt dort einen Renault 4, das Auto mit der herrlichen Revolverschaltung und den rennwagenartigen Schiebefenstern, schon für 22 Euro am Tag, und die legendäre, türlose Plastik-Strand-Ente Mehari von Citroën für 35 Euro.

Das ist billiger als der billigste Mietwagen. Ja, man hat keine Airbags - kann aber dafür etwas anderes: Seit es Drivy gibt, fährt man nicht nur nach Cannes, Bordeaux oder Paris: Man fährt auch in eine andere Zeit, ins Bordeaux der fünfziger, ins Paris der späten sechziger Jahre; der Oldtimer ist sozusagen auch ein Vehikel zur Fiktionalisierung des eigenen Lebens.

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