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Am höchsten Berg von Ecuador : Der Eismann vom Chimborazo

  • -Aktualisiert am

Der Koloss am Äquator: gewaltige 6310 Meter misst der Vulkan Chimborazo in der ecuadorianischen Provinz Riobamba. Bild: AFP

Der Hielero, der Guide und der Sitz der Götter: Mit Baltazar Ushca und Marco Cruz unterwegs in den Bergen Ecuadors.

          Samstag Vormittag in einer verkehrsberuhigten Nebenstraße mitten in Riobamba, der zweihundertausend Einwohner zählenden Provinzhauptstadt am Fuß des Chimborazo, dem mit 6267 Metern höchsten Berg Ecuadors. Es ist Markttag. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen zu sein – und noch dazu die Menschen aus den Dörfern drumherum. Señora Rosa, eine Frau in den Fünfzigern, dunkle Haare, Dauerwelle, ist eine der wenigen, die in Riobamba eiskalte Säfte anbietet – mit Eis von den Gletschern des Chimborazo. Die einen kommen, weil ihre Kinder die süßen Säfte trinken wollen, die anderen, weil die Säfte sie an ihre Kindheit erinnern, und wieder andere, weil die Säfte von Señora Rosa ganz besonders sind. Sie hat alle Hände voll zu tun.

          Blaubeeren, Karotten, Kokosmilch, Baumtomaten, Orangen und Ananas hat sie im Angebot. Sie verarbeitet nur frisches Obst und Gemüse. Kein Konzentrat, keine Geschmacksverstärker. Die Zubereitung ist denkbar einfach. Zwei Hände voll Blaubeeren in den Standmixer, Deckel drauf. Eingeschaltet. Nach wenigen Sekunden sind die Früchte in Brei verwandelt. Dann holt sie das Eis. Vor ihrem Stand hat sie es weithin sichtbar auf einem Schemel aufgestellt. Jeder soll den dicken Eisbrocken sehen.

          Heiliger Berg, heilige Kommunion

          Mit einem kleinen Hobel schabt sie Flöckchen ab. Für ein größeres Stück hackt sie mit einem Stößel auf das Eis. Kleine Eisstückchen fliegen herum. Größere Teile, die abfallen, gibt sie in ein Glas. Dann folgt der Saft. Wie Eisberge ragen ein paar Spitzen aus dem breiigen Dunkelrot. „Lasst es euch schmecken“, sagt sie. Wir ziehen am Strohhalm, und schon breitet sich süßer, musiger Saft im Mund aus. Herrlich! Dass aber das Eis einen besonderen Geschmack hätte, können wir nicht feststellen. Aber darum geht es auch nicht. Die Einheimischen schätzen das Eis des Chimborazo, weil sie in der Tradition der Indigenas den Berg als heilig verehren. Für viele Menschen ist das Eis so etwas wie eine heilige Kommunion.

          Das Eis vom Chimborazo hat immer Saison. Denn Jahreszeiten gibt es am Fuß des Chimborazo, wenige hundert Kilometer südlich des Äquators, nicht. Nur die Schulferien sorgen für eine kleine Delle im Absatz. In den Ferien braucht Señora Rosa nur drei, während der Schulzeit fünf Brocken Eis pro Woche.

          Ein Relikt aus der Vergangenheit

          Wie lange es die frischen Fruchtsäfte mit Eis vom Chimborazo noch geben wird, ist nicht sicher. Nicht, weil der Klimawandel auch in Ecuador die Gletscher zum Schmelzen bringt und der Ascheregen des Vulkans Tungurahua die Gletscherschmelze am Chimborazo beschleunigt. Eis gibt es genug. Wie lange Señora Rosa ihre Säfte mit dem Gletschereis noch verkaufen kann, hängt von Baltazar Ushca ab. Er ist Hielero. Er holt das Eis von den Hängen des Vulkans. Er ist der Einzige, der das noch tut. Vor einem Vierteljahrhundert gab es noch mehrere Dutzend seines Berufs. Und wenn die Nachfrage besonders groß war, machten sie sich sogar zweimal am Tag auf den Weg. Das Eis ersetzte Kühlschränke und Gefriertruhen. Bis nach Guayaquil an der Küste wurde es mit dem Zug gebracht, um Fisch und Meeresfrüchte frisch zu halten. Doch zum Kühlen braucht das Eis heute niemand mehr.

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