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© Andrea Diener

Weltuntergang mit Pfefferminztee

Von ANDREA DIENER

20. Mai 2017 · Nach wilden Jahrzehnten als Künstler- und Schmugglerhochburg fiel Tanger dem Vergessen anheim. Doch jetzt putzt sich die marokkanische Stadt wieder heraus – und bleibt doch, was sie immer gewesen ist.

„An die Riviera kann jeder“, sagte die Schriftstellerin Gertrude Stein im Jahr 1931 zu Paul Bowles, als er die hochberühmte Schriftstellerin in ihrem Haus in Südfrankreich besuchte. „Sie sollten sich etwas Besseres vornehmen“, fügte sie hinzu, „warum fahren Sie nicht nach Tanger?“ Stein hielt Bowles für unbegabt und riet ihm, erst einmal etwas von der Welt zu sehen. Paul Bowles wiederum verlor keine Zeit. Eine Woche später befand sich der junge amerikanische Autor und Komponist an Bord eines Schiffes und steuerte auf die weiße Stadt zu, die von ihren Hügeln aus die Straße von Gibraltar überblickt.

© Picture-Alliance Paul Bowles in den Sechziger Jahren

Damals sah Tanger noch ganz anders aus, kleiner, beschaulicher, ruhiger und dabei viel internationaler als heute. Im Süden Wüste, im Norden Meer, dazwischen diese Insel namens Tanger, auf der alles strandete, was heimatlos war. Die Hafenstadt war von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre hinein eine internationale Freihandelszone, „Interzone“ genannt, in der vieles durchging, was anderswo verpönt oder verboten war: Homosexualität und unsteter Lebenswandel, Drogen und Prostitution. Viele kamen, weil ihnen die Polizei irgendeines Landes nachstellte. Und solange man nichts an die große Glocke hängte, wurde man in den verwinkelten Gassen der Medina mit den schmuddeligen Bars, den Bordellen und dunklen Ecken geduldet.

Bowles verliebte sich sofort – und wie das bei lebenslangen Lieben so ist, schwang auch hier bald Wehmut über die Tatsache mit, dass nicht alles so bleiben konnte, wie es einmal gewesen war. Er kehrte immer wieder nach Tanger zurück und ließ sich schließlich 1947 mit seiner Frau Jane, ebenfalls Schriftstellerin, dort nieder, er alterte und starb im Jahr 1999 in seinem Haus in einer Stadt, die er bald nicht wiedererkennen sollte, die an den Rändern unschön wucherte, von der er dennoch nicht loskam und durch die er sich später wegen eines Hüftleidens kaum noch bewegen konnte.

Wer Spuren von Bowles sucht, der wird am ehesten in der American Legation fündig, der alten amerikanischen Gesandtschaft, dem einzigen im Ausland stehenden Gebäude, das als amerikanisches Baudenkmal eingestuft ist. Der marokkanische Sultan Mulai Muhammad war das erste Landesoberhaupt, das die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannte, und verständlicherweise führte das im Anschluss zu ziemlich freundlichen diplomatischen Verbindungen. Er schenkte dem jungen Staatsgebilde ein Haus in der Altstadt von Tanger, in dem 1821 eine diplomatische Vertretung eingerichtet wurde. Heute ist die American Legation vor allem Museum und Forschungseinrichtung. Ein Besuch lohnt sich wegen des lauschigen Innenhofes, aber vor allem der Fotos, Gemälde, der Möbel und Handschriften wegen.

Außerdem kennt sich Direktor John Davison ziemlich gut mit Bowles und den Poeten der Beatgeneration aus. In welchen Bars am Petit Socco, dem kleinen Platz in der Medina, sie ihre Zeit verbrachten und wie die Bartender hießen, wer mit wem bekannt war und das traurige Schicksal von Bowles’ Ehefrau Jane, die psychische Probleme hatte, alkoholabhängig war und in einer Nervenheilanstalt in Spanien starb. Tanger und sein Umland prägten Bowles’ Romane und Erzählungen. Er schrieb hier und in den einsamen Sahara-Hotels weiter im Süden seinen ersten Roman, „Himmel über der Wüste“, später verfilmt von Bernardo Bertolucci mit John Malkovich und Debra Winger in den Hauptrollen. Das Buch wurde ein Bestseller, Bowles berühmt. Nach ihm kamen in den fünfziger Jahren auch Tennessee Williams in die Stadt, Truman Capote und sein Erzfeind Gore Vidal. Und vor allem William S. Burroughs, eine wichtige Figur der Beatgeneration, der sich hoffnungslos in einem halluzinogenen Großwerk verzettelte. Er verließ kaum sein Hotelzimmer Nummer neun im Tanger Inn, schrieb Seite um Seite voll, duschte selten, nahm aber umso öfter diverse Opiate zu sich, deren Beschaffung in der Stadt kein Problem darstellte. Das Angebot an Strichern war ebenso reichlich wie die monatlichen Geldzuweisungen seiner Eltern, dank derer er komfortabel leben konnte. Er verachtete die Ausländer, und die Einheimischen verachtete er erst recht. Immerhin: Tanger mochte er.

© Andrea Diener Blick zum Gran Socco, dem Hauptplatz, Obstverkäufer auf dem Hügel über der Stadt, Abendliches Picknick an den Phönizischen Gräbern

„In Tanger gibt es diese Weltuntergangsstimmung, das Böse ist hier Laissez-faire“, schrieb Burroughs an seinen Freund Allen Ginsberg und malte ihm in den folgenden Zeilen des Briefes ein apokalyptisches Szenario dauerdelirierender, von Barhockern kippender, sich in die Ecke erbrechender Amerikaner aus. Also reiste Ginsberg, damals gerade in einer buddhistischen Phase, auch gleich nach Tanger, um sich diesen Höllenschlund mit eigenen Augen anzusehen. Das freute Burroughs’ – der mittlerweile auf Haschischmarmelade umgestiegen war, die seinen Geist etwas schonender benebelte – sehr, denn er war in Ginsberg verliebt. Ginsberg brachte jedoch lieber seinen Freund Peter Orlovsky mit, was bei Burroughs zu schlimmen Eifersuchtsschüben führte. Zwischendurch war auch Jack Kerouac da, langweilte sich aber eher, trotz des eigentlich doch recht interessanten Trubels um ihn herum.

Immerhin hatte das Grüppchen einiges zu tun, nämlich das Papierchaos in Burroughs verwahrlostem Hotelzimmer zu ordnen und zu einem Roman zusammenzustoppeln, der erst „Interzone“ heißen sollte, dann aber unter dem Titel „Naked Lunch“ veröffentlicht wurde. Das, was da im gemeinsamen Schichtdienst entstand, war ein dissoziatives Patchwork aus Szenen und Orten, nichtlinear, kollektiv und ein postmoderner Meilenstein der amerikanischen Literatur.

© Andrea Diener Teestube mit Musik in der Medina

Die Interzone wurde 1956 aufgelöst, denn Marokko wurde unabhängig. Einige Jahre bestand Tangers wirtschaftliche Unabhängigkeit weiter, die Stadt war deutlich wohlhabender als der Rest des Landes. Gründe, in die Stadt zu reisen, gab es noch immer. Patricia Highsmith und Marguerite Yourcenar gehören nun zu den Besuchern, Barbara Hutton und Yves Saint Laurent hatten hier Häuser. In den sechziger Jahren kamen die Hippies und die Musiker. Man traf sich gern im Café Hafa, westlich der Medina an der Küste gelegen. Das Café ist inzwischen an die hundert Jahre alt. An das kleine, unauffällige Gebäude wurden immer mehr Terrassen aus weißem Kalkstein angebaut, die sich labyrinthisch an den Felsen schmiegen. Die Beatles und die Stones waren hier, die Intellektuellen und die Spione, heute fällt die Stadtjugend zum abendlichen Pfefferminztee ein, den die Kellner in Tragegestellen treppauf und treppab schleppen, um Kacheltische und Plastikstühle herum. Man blickt aufs Meer und dahinter auf Europa, das erstaunlich nah ist. Und doch ging Tanger in den vergangenen Jahrzehnten irgendwie vergessen.

Das ändert sich gerade, die Stadt berappelt sich wieder – auch dank des Königs Mohammed VI., der seit 1999 im Amt ist und beschloss, den ärmlichen, von seinem Vater lange vernachlässigten Norden aufzupäppeln. Im neuen Jahrtausend bekam die Küste einen neuen Hafen verpasst, eine Schnellzugtrasse nach Casablanca ist in Planung, am Strand entstanden Resorts und Clubs, die Ufer wurden begrünt, und an der alten Stadtmauer wird eifrig gewerkelt. Man hat nur wenig Mühe, ein kleines, feines, aber dennoch bezahlbares Hotel zu finden, und Cafés gibt es an allen Ecken. Das marokkanische Essen ist ohnehin hervorragend. Eigentlich gibt es ziemlich viele Gründe, Tanger in die Liste europanaher Stadtreiseziele aufzunehmen. Kaum ist die Stimme des Imams, der das Abendgebet verkündet, in den weißen Gassen der Kasbah verklungen, hören wir Klänge von vibrierenden Saiten und Trommeln. „Here tea and good music“ steht auf einem Schild, und sofort möchte man in das weißgekalkte Haus gehen, sich auf eines der bunten Polster setzen, Tee trinken und der arabischen Geige zuhören, denn was braucht man schon mehr? Weder wirkt die Dschellaba des Kellners wie ein Kostüm noch die Musikdarbietung wie eine touristische Veranstaltung, das Ganze hat eine angenehme Selbstverständlichkeit, der man sich gern hingibt und die vielen, berühmten Ausländer einmal kurz vergisst.

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© Dust to Digital/ Youtube

Der wichtigste Bestandteil in der Volkskultur Marokkos ist seine Musik“, schreibt Paul Bowles in einem Reisebericht über das Rif-Gebirge. „In einem Land wie diesem, wo fast vollständiger Analphabetismus immer die Regel gewesen ist, fällt die geschriebene Literatur naturgemäß nicht ins Gewicht.“ Bowles bekam ein Stipendium der Rockefeller Foundation, lieh sich einen VW-Käfer und fuhr sechs Monate lang durch das nahe Gebirge, um die traditionelle Musik der Bevölkerung aufzunehmen. Heute befinden sich seine Tonaufnahmen in der Library of Congress, es ist ein reicher Schatz. Und tatsächlich herrscht an Musik bis heute kein Mangel. Oben auf dem pinienbestandenen Hügel der Stadt steht ein Orangenverkäufer, neben ihm unweigerlich ein kleines Plastikradio, aus dem arabische Popmusik tönt. Beim Essen, im Café, überall kann man Glück haben und auf Musikbegleitung stoßen. Auch in Younis’ Kulturcafé „Tanger Moments“ an der Rue Nasiria sitzt in einem Raum auf halber Höhe ein junger Mann mit Gitarre, und ein Mädchen klatscht dazu.

Es ist ein Glück, dass wir Younis treffen, der eigentlich Geschäftsmann ist und so lässig elegant gekleidet, dass er als Norditaliener durchgehen könnte. Wenn er keine Geschäfte macht, ist er in seinem Café in einem dieser verschachtelten, engen Altstadthäuser zu finden, das voller Bilder hängt, und in jeder Nische steht ein Buch. Natürlich gibt es Pfefferminztee. Als Junge traf Younis Paul Bowles, der einen tiefen Eindruck auf ihn machte – im Gegensatz zu den „Beats“, die sich mehr für Kif als für irgendetwas anderes interessierten, sagt er. Bowles war eben kein Gelegenheitsreisender, er interessierte sich ernsthaft für die Kultur Marokkos. Er lernte Arabisch und übersetzte die Bücher lokaler Schriftsteller und Erzähler, die oft erst durch Bowles Anerkennung fanden. Etwa Mohamed Choukri, der aus einer bäuerlichen Berber-Familie stammte und im Gefängnis Lesen und Schreiben lernte. Seine Autobiographie „Das nackte Brot“, die schonungslos von Sex, Gewalt und Missbrauch in den ärmsten Familien Marokkos erzählt, wurde zu einem internationalen Erfolg, blieb auf Arabisch aber in vielen Ländern seiner Drastik wegen lange verboten. Es ist kein Wunder, dass das Buch von Tanger aus um die Welt ging. Wenn es heute noch solche Freiräume in dieser Stadt gibt, dann zählt die Dachterrasse von Younis Café sicherlich dazu.

Die Gassen der Medina winden und winkeln sich, sie führen einen bergauf und bergab um die verschachtelten Häuser herum, vorbei an eisernen Fenstergittern und massiven Holztüren. Immer wieder bieten sich überraschende Ausblicke, Fenster in den hohen Mauern oder Terrassen, und fast immer blickt man aufs Meer. In den Straßen liegen morgens bunte Garnrollen, denn die Schneider haben bis tief in die Nacht gearbeitet. Im ältesten Teil, der Kasbah, sind die Häuser teuer und begehrt, hier finden sich die schicksten Hotels und Restaurants. Alle paar Meter trifft man auf ein Tor oder eine Ansicht, die Matisse einst gemalt hat.

  • © Andrea Diener Café Baba, eines von Paul Bowles' Stammcafés in der Medina von Tanger.
  • © Andrea Diener Im Café Hafa trafen sich Schriftstseller, Lokalgrößen und die Rolling Stones mit Blick auf Spanien.
  • © Andrea Diener Straße zur American Legation mitten in der Medina
  • © Andrea Diener Gran Socco, der Hauptplatz von Tanger
  • © Andrea Diener Der Leuchtturm am Kap Spartel bewacht den Eingang zur Straße von Gibraltar

Das älteste Luxushotel am Rande der Medina ist das Continental. Es hat eindeutig schon bessere Tage gesehen, alles wirkt ein wenig abgeblättert, überall hängen kopierte Hinweiszettel in Klarsichthüllen, doch die Terrasse mit dem schmiedeeisernen Geländer, die über die Stadtmauer auf den Hafen hinaus blickt, ist eine der schönsten der Stadt. Gleich neben der Rezeption – man lässt uns gerne ein wenig die Prominentengalerie bestaunen – befindet sich „Jimmy’s Bazaar“, eine finstere Höhle voller Kunsthandwerk, Silberschmuck, Töpfereien und Kleinmöbel. Das Wichtigste ist aber, dass Jimmy da ist, denn Jimmy kennt Gott und die Welt. Wenn in Tanger ein Film gedreht wurde, dann stieg man im Continental ab, oder man drehte gleich hier. Jimmy kennt John Malkovich, Timothy Dalton und Ian Fleming, denn selbstredend war die Stadt auch schon James-Bond-Kulisse – gleich zweimal, „Der Hauch des Todes“ und „Spectre“ wurden hier gedreht.

Wir müssen ein bisschen auf Jimmy warten, aber so ist das in Tanger, man nimmt die Uhrzeiten eher als Richtwert, und bevor nicht jeder ein Glas Tee vor sich stehen hat, geht ohnehin nichts. Dann rührt sich doch etwas, und ein korrekt gekleideter älterer Herr in Mantel und wollener Schirmmütze tritt aus dem Dunkel, das ist Jimmy, und er erzählt gern. Paul Bowles kam ab und zu zum Tee ins Hotel, berichtet Jimmy, aber meistens saß er doch am Petit Socco im Café Central und war immer für einen schmutzigen Witz zu haben. Aber sehr still sei der Schriftsteller gewesen, er habe mehr zugehört als geredet. „Für mich war er ein Star“, sagt Jimmy, „24 Karat Gold! Er hat den Namen Tanger groß gemacht.“ In den vergangenen Jahren habe sich die Stadt sehr verbessert, sagt Jimmy auch, sauberer und grüner sei es hier jetzt. Und viel größer als damals. Aber trotz allem sei Tanger immer noch Tanger.

„Ich war hier immer ein Ausländer und versuche auch gar nicht, etwas anderes zu sein“, sagte Bowles einmal in einem Interview, aber er machte das Beste daraus. Und vielleicht machte Tanger auch das Beste aus ihm.

Der Weg nach Tanger Literatur: Paul Bowles schrieb unter anderem über Tanger, Marokko und die Wüste in „Taufe der Einsamkeit. Reiseberichte 1950-1972“. Erschienen 2010 bei Liebeskind. Bowles' Tanger-Roman „So mag er fallen“ ist nur noch antiquarisch erhältlich. Eine Auswahl der von Bowles aufgenommenen Rif-Musik erschien 2016 in üppiger Ausstattung unter dem Titel „Music of Morocco: Recorded by Paul Bowles 1959“ bei dem Label „Dust to Digital“.

F.A.Z.

Allgemeine Informationen bei der marokkanischen Fremdenverkehrszentrale unter www.visittanger.com oder www.visitmorocco.com/de.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.05.2017 13:49 Uhr