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Madagaskar : Und Gott strafte den unersättlichen Baobab

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Die Baobab-Allee - der älteste Baum ist über achthundert Jahre alt. Bild: Franz Lerchenmüller

Kaum ein Tourist verirrt sich in Madagaskars Westen, trotz der Naturwunder und der freundlichen Menschen. Mit den Ahnen sollte man sich allerdings gutstellen.

          Der Himmel weint. Das ist eigentlich für diese Jahreszeit nicht vorgesehen, die Regenperiode sollte erst später beginnen. Doch vorgestern, sagt Steuermann Legai, sei in Miandrivazo der angesehene Geschäftsmann Rabuba gestorben, gerade einmal fünfzig Jahre alt. Jetzt trauert die Erde, trauern die Ahnen im Jenseits, und so wundert es niemanden, dass heute ein sanfter Regen niedergeht. Tabakfelder, Grasdachhütten, die steile Abbruchkante des Ufers, aus der Schilfwurzeln baumeln wie weiße Kabel - alles ist in mildes Grau getaucht. Die Passagiere auf der "Lakanabe" nehmen es gelassen. Die Menschen am Ufer winken ja trotzdem meist freudig und so lange, bis das Boot außer Sicht ist. Weiße Lemuren schwingen sich auch jetzt in den Jackfruchtbäumen geradezu tollkühn fünf, sechs Meter weit von Ast zu Ast. Und die Zebu-Frikadellen mit Reis, die Köchin Baku auftischt, und das kalte "Three Horses"-Bier sorgen außerdem für gute Stimmung.

          Gelegenheit, Gelassenheit zu lernen, hatten wir schon einige Male an diesem Tag. Gleich zu Beginn erfuhren wir, dass es an Bord keine Toilette gebe, sondern alle zwei, drei Stunden eine Pinkelpause an Land. Kurz darauf, hundert Meter nach dem Ablegen, blieb das Schiff im gerade einmal knietiefen Fluss Tsiribihina stecken. Eine Dreiviertelstunde lang schoben und drehten und zogen die sechs jungen Männer der Besatzung das flache Eisenboot über Schlamm und knirschenden Sand und lachten dabei: "Moramora", immer schön mit der Ruhe! Dann warf der Steuermann den Motor wieder an und manövrierte vorsichtig über das flache Gewässer - um gleich darauf gegen einen dicken Ast am Ufer zu donnern, so dass eine der tragenden Eisenstützen sich beulte. Kapitän Fafa, der Mitbesitzer der "Lakanabe", besah sich den Schaden kurz, schüttelte den Kopf, und schon machte sein Stirnrunzeln wieder dem gewohnt strahlenden Lächeln Platz.

          Ob Kokoshühnchen oder Zebu-Frikadelle: Baku kocht alles frisch in der winzigen Bordküche.

          Köchin Baku serviert Zebu-Schaschlik und flambierte Bananen

          Auf Unwägbarkeiten haben wir uns also inzwischen eingestellt bei unserer Tour abseits der gängigen Touristenrouten. Üblicherweise besuchen Ausländer auf Madagaskar die Königstadt Ambohimanga, den Markt am Bahnhof von Antananarivo, die Strände auf Nosy Be und mindestens einen der vielen Nationalparks. Uns aber zieht es in den weniger bekannten und bereisten Westen der Insel. Zwei Tage und zwei Nächte wird die Flussfahrt bis nach Belo Tsiribihina dauern. Abends macht das Schiff an einer Sandbank fest. In einem geschäftigen Durcheinander bauen die Männer Zelte auf und schleppen Matratzen hin und her, und am Ende wundern wir effizienzgewohnten Europäer uns nicht wenig, wenn sich tatsächlich alle Taschen und Schlafsäcke dort finden, wo sie sein sollen.

          Baku und ihre Helferin Niry servieren aus der winzigen Küche Zebu-Schaschlik und flambierte Bananen. An Bord kreist eine Flasche Rum, am Horizont spucken ferne Buschfeuer rotglühende Lohe. Und Reiseführer Zulu, gelernter Sportlehrer, erzählt von dem großen Fest, zu dem die sechsundsiebzig Angehörigen seiner Familie alle paar Jahre aus aller Welt anreisen, um die Ahnen aus ihren Gräbern zu holen, sie in neue Seidentücher zu wickeln, einmal durchs Dorf zu tragen und dann wieder zu begraben. Mit den Ahnen, dämmert es den Reisenden, sollte man es sich besser nicht verderben auf Madagaskar.

          Die Naturbadewanne mit Wasserfall ersetzt die Dusche

          Allmählich weitet sich der Fluss. Das Schiff tuckert im Zickzack über das Wasser, immer auf der Suche nach der Fahrrinne. Manchmal treiben kleine Inseln aus Wasserhyazinthen vorbei, ein Eisvogel schießt blauglitzernd über den Fluss, in rotgebänderten Felswänden hängen Kolonien von Flughunden wie schwarze Schimmelflecken. Immer mal wieder stecken am Ufer kleine, dunkle Menschen hellgrüne Setzlinge in Reisfelder oder halten neugierig ihren Zebu-Karren an. Fast alle winken: "Ich sehe dich", heißt das, "ich bin freundlich. Zeig mir, dass du mich auch wahrnimmst." Bei einer Familie, die einen Lemur als Haustier hält, deckt die Köchin sich frisch ein: Freilaufende Hühner, garantiert biologisch ernährt, und offenbar sehr weit herumgekommen, immer zu Fuß, mutmaßen wir, als die Veteranen mittags unsere Kiefer strapazieren.

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