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© Fabian von Poser

Lichtung und Wahrheit

Von FABIAN VON POSER

24. Januar 2017 · Der Lobéké-Nationalpark im Südosten Kameruns ist eine verborgene Welt, in die nur wenige Touristen vordringen – dafür tun es Holzdiebe und Wilderer.

In einem einsamen Waldstück im Kongobecken straucheln wir durch das Unterholz. Vor mir Martin Ntemgbet, ein Ranger aus Kamerun, dahinter Matthias, der Fotograf. Es ist Nacht bei Tag. Die Blätter wölben sich über uns wie in einem Tunnel. Am Himmel zucken Blitze, doch wir können sie durch das Blätterdach nicht sehen. Auf dem nassen Waldboden rutschen die Schuhe wie auf Schmierseife; trotz der Dunkelheit flattern Schmetterlinge um Blüten, sirren Insekten davon. Wir formen Blätter zu Bechern, schöpfen damit Trinkwasser aus einem Bach und tänzeln über den Waldboden, um uns die kriegslüsternen Treiberameisen vom Leib zu halten. Manchmal schliddern wir im Zwielicht Abhänge herab, um uns im nächsten Moment an Ästen und Lianen wieder hochzuziehen.

© Fabian von Poser Schmetterlinge zieren sich nicht so mit ihrer Präsenz.

Schritt für Schritt tastet sich Ntemgbet voran. Immer öfter krabbeln, kriechen und robben wir über den Waldboden, weil das Unterholz dichter wird. Mehrere Stunden geht das so. Dann hält Ntemgbet inne und presst den Zeigefinger auf die Lippen. Durch die Blätter ist sie gut zu erkennen: Aus dem dichten Grün des Regenwalds schält sich eine 500 Meter lange Lichtung, die die Einheimischen Ndangaye nennen. Ein paar von der Feuchtigkeit zerfressene Stufen später sitzen wir auf einem acht Meter hohen Holzverschlag. Als sich unsere Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, sehen wir in der Ferne Waldbüffel, Pinselohrschweine und Sitatunga-Antilopen. Die Sitatungas, jede Sichtung ist für Afrikakenner ein Genuss, knien fast im Sumpf, denn sie lieben es feucht. Was für eine Bühne!

Der 2179 Quadratkilometer große Lobéké-Nationalpark im Südosten Kameruns ist Teil des Kongobeckens, nach dem Amazonas das zweitgrößte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde. Die unzugängliche Urzeitlandschaft ist die Heimat Hunderter Tier- und Pflanzenarten, die es nirgendwo sonst auf der Erde gibt. Zahlreiche Lichtungen, sogenannte Bais, übersäen den Regenwald. Die bekannteste ist die Dzanga Bai in der benachbarten Zentralafrikanischen Republik, doch auch in Kamerun gibt es einige dieser Lichtungen. Manche Tiere legen Hunderte Kilometer zurück, um dorthin zu gelangen.

Auf dem Hochsitz beginnt das Warten. Wir kauern auf der wackeligen Plattform und durchfurchen die Lichtung mit unseren Ferngläsern wie mit einem Rechen. Zum Glück hat die Empore ein Dach, denn es regnet in Strömen. Am Himmel hängen bauschige pinkfarbene Ungetüme, die Sturzbäche auf uns herablassen. Dann entdeckt Ntemgbet etwas. Es ist zu nah, um es durch das Fernglas zu betrachten: ein grauer Fleck am Waldrand direkt vor uns. Ein ausgewachsener Silberrücken – 250 Kilo Muskeln und Knochen. Der Gorilla sitzt auf dem Waldboden, die Arme auf die Knie gestützt. Hin und wieder greift er mit der Rechten nach einer Waldblume und stopft sie sich in den Mund. Sehr lässig.

© Fabian von Poser „Gorilla gorilla gorilla“ ist der wissenschaftliche Name für diesen Westlichen Flachlandgorilla. Ob man ihn auf der Lichtung zu sehen bekommt, ist Glückssache.

„Manchmal“, sagt Ntemgbet, „manchmal sehen wir Gorillas, Waldelefanten, Pinselohrschweine, Bongos und Sitatungas gleichzeitig auf der Lichtung.“ Die Tiere kommen in solch großer Zahl gerade hierher, weil sie ohne die mineralienreichen Senken oft nicht überleben könnten. Auf den kargen Böden des Regenwaldes sind die meisten Nährstoffe in Pflanzen gebunden. Aber viele Pflanzen schützen sich durch einen hohen Gehalt an Tanninen, giftigen Alkaloiden und schwerverdaulichen Substanzen davor, gefressen zu werden. Auf den Lichtungen finden die Tiere nun Stoffe, die Gifte in ihren Mägen neutralisieren. Sie sind ihre Dschungelapotheke.

Auf den ersten Blick ist der Lobéké-Nationalpark, seines Zeichens Teil des länderübergreifenden Parc Trinational de la Sangha, der 2012 von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt wurde, ein Garten Eden. An keinem anderen Ort Afrikas finden sich so viele Tier- und Pflanzenarten wie hier. Die Kongoregenwälder beherbergen 215 Schmetterlingsarten, mehr als 1000 Vogel- und 10 000 Pflanzenspezies. Der Park zählt eine der größten Dichten an Waldelefanten und Flachlandgorillas in ganz Afrika. Im Lobéké leben noch 13 weitere Primatenarten, darunter Schimpansen, Große Weißnasenmeerkatzen und Grauwangenmangaben, insgesamt sind es 400 Säugetierarten.

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Doch das Paradies ist in Gefahr, durch die politischen Dauerkrisen in den angrenzenden Ländern. In der Zentralafrikanischen Republik erschossen Wilderer im Mai 2013 beispielsweise 26 Waldelefanten, um mit den Erlösen aus dem Elfenbein Waffen zu kaufen. Auch für Gorillas ist das Leben im Park gefährlich, denn ihr Fleisch gilt in wohlhabenden Gesellschaftskreisen Afrikas als Delikatesse.

Laut WWF kann schon ein einziger Wilderer in einem Jahr mehr als dreißig Gorillas töten, außerdem bedroht das Ebolavirus die Gorillabestände und löschte sie in bestimmten Regionen Afrikas fast aus. Alle vier Unterarten befinden sich inzwischen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN.

Auch Abholzung ist ein Problem. Immer tiefer dringt der Mensch in den Wald vor, baut Pisten, Siedlungen, Felder, Minen. Bereits Anfang der neunziger Jahre schlug der WWF Alarm, aber nach wie vor verlassen jeden Tag Hunderte mit Tropenholz beladene Lastwagen das Kongobecken in Richtung der Hafenstadt Duala. Seit mehr als zehn Jahren setzt sich der WWF mit seinem „Jengi-Projekt“, das Schutzzonen in vier Grenzländern umfasst, im Süden Kameruns für eine Beteiligung der lokalen Bevölkerung an der Parkverwaltung und gegen Holzdiebe ein. Grenzübergreifende Patrouillen versuchen in dem unwegsamen Gelände für Ordnung zu sorgen. Gänzlich stoppen können die Ranger den Holzeinschlag genauso wenig wie die Tiere vor Wilderern schützen.

Eine aktuelle Studie des WWF zeigt zudem einen beträchtlichen Rückgang der Elefantenpopulation in der Region: um fünfzig Prozent seit 2002. Die Tiere haben Wilderer keinesfalls nur wegen der mächtigen Stoßzähne im Visier. Eine fast ebenso große Bedeutung hat das Fleisch. Ein Kilo Elefantenfleisch bringt bis zu zehn Euro ein – viel Geld in einer der ärmsten Regionen Afrikas. „Die Wilderei hat massive Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem“, sagt Immo Fischer vom WWF Deutschland. Es gebe zahlreiche Baumarten, deren Samen erst keimen, nachdem sie durch den Magen eines Elefanten gewandert sind. „Geschieht das nicht mehr, verschwinden sie langfristig, und der gesamte Wald verändert sich.“

Für den Erhalt der Natur kämpft heute auch Martin Ntemgbet. Seit 2012 arbeitet der Ranger im Park als Eco-Guide, aber das war nicht immer so, sein Leben erfuhr erst vor wenigen Jahren eine Wendung: 34 Jahre lang stellte Ntemgbet den Tieren des Waldes nach. Er verzehrte Affen, Ducker, Waldschweine und ja, auch Gorillafleisch. Er konnte alle Fährten lesen und spürte, wenn ein Tier in der Nähe war. Man hätte ihn alleine irgendwo im Kongobecken aussetzen können, und er hätte gewusst, was zu tun ist.

© Fabian von Poser Es geht um Wasser: Ein Einheimischer trinkt Wasser aus einem Baumstamm. Der Eisvogel ist immer da zu finden, wo es sich in Mulden sammelt.

Heute stapeln sich in seinem Büro in Mambele Kisten voller Prospekte. An den Wänden hängen Fotos von Waldelefanten und Flachlandgorillas – er wurde vom Wilderer zum Ranger, gerade wegen seiner Kenntnisse über den Wald. Ntemgbet ist den Wilderern nicht gram: „Sie jagen, um zu überleben.“ Im gleichen Atemzug erklärt er aber, dass es ihr Ziel sei, den Einheimischen durch Beschäftigung im Tourismus eine Alternative zur Wilderei zu bieten. „Wir müssen ihnen klarmachen, dass es sich lohnt, die Natur zu schützen.“ Durch den Tourismus könnten die Tiere des Kongobeckens ihr Überleben quasi selbst finanzieren, ist Martin Ntemgbet überzeugt. Keine leichte Aufgabe, denn diesen Park besuchen nicht mehr als ein paar hundert Touristen im Jahr. Das liegt vor allem an der mangelnden Infrastruktur: Jenseits von Kameruns Hauptstadt Jaunde gibt es außer Wald nicht viel. Durch den unwegsamen Südosten winden sich vom Tropenregen ausgespülte Pisten, es gibt keine beschilderten Wildbeobachtungspfade, nicht eine einzige brauchbare Unterkunft, und schon gar keine Luxus-Lodge.

Tierbeobachtung im Regenwald ist eine Geduldsprobe. Stunde um Stunde kauern wir auf der Empore am Rand der Lichtung und warten auf Elefanten. Nur das Schnarchen des Rangers unterbricht die Stille. Am Nachmittag ist Ntemgbet im Schutz seiner Hutkrempe eingenickt; eigentlich kein Wunder, denn er hatte die ganze Nacht in seinem Schlafsack vor den Zelten gewacht. Als er jetzt aufwacht, grummelt der Ranger beim Blick in unsere enttäuschten Gesichter: „Das ist Wildlife.“ Auch deswegen seien die Lichtungen im Wald so wichtig: „In Ostafrika siehst du einen Elefanten auf drei Kilometer Entfernung, bei uns nicht einmal auf drei Meter.“ Diese Orte seien ideal, um die Tiere zu beobachten. Weniger für Menschen wie wir es sind, Touristen, als für Forscher.

© Fabian von Poser Eine Fliege auf einer Stinkmorchel.

Als der Regen nachlässt, wabert Nebel über der Lichtung. Plötzlich mahnt Ntemgbet zur Stille. Es dauert einen Augenblick, dann treten zweihundert Meter von uns entfernt vier Elefanten auf die Lichtung: eine Kuh, ein Bulle, zwei Kälber. Sie heben die Rüssel, wittern, prüfen. Für ein paar Sekunden harren sie aus. Die Auslöser unserer Kameras klackern im schnellen Stakkato. Doch nach wenigen Sekunden ist der Zauber schon wieder vorbei – die Tiere haben sich in Luft aufgelöst. Waren es die Zigaretten, das Mückenspray, Parfüm? „Irgendetwas an euch hat sie gestört“, sagt der Ranger, und wahrscheinlich hat er recht. Der Mensch hat hier nichts zu suchen. Immerhin können wir aber eine Erkenntnis mit nach Hause nehmen: Trotz aller menschlichen Zudringlichkeiten gibt es diese scheuen Tiere noch.

Der Weg nach Kamerun

Anreise Mit Brussels Airlines (www.brusselsairlines.com) je nach Jahreszeit ab 540 Euro in achteinhalb Stunden über Brüssel nach Jaunde. Auch Air France (www.airfrance.de) und Turkish Airlines (www.turkishairlines.com) fliegen Kamerun an.

Einreise Für die Einreise ist ein Visum erforderlich, das für 120 Euro bei der Botschaft der Republik Kamerun in Berlin, Tel. 0 30/ 89 06 80 90, www.ambacam.de, beantragt werden kann.

Beste Reisezeit Für den Regenwald in der Trockenzeit zwischen November und Mai

Gesundheit Für die Einreise vorgeschrieben ist eine Gelbfieberimpfung. Empfehlenswert sind auch Prophylaxe gegen Malaria, Hepatitis A und B sowie die Dreifachimpfung gegen Polio, Diphtherie und Tetanus. Auf Mückenschutz und Trinkwasserhygiene achten!

Sicherheit Das Auswärtige Amt (www.auswaertiges-amt.de) rät von Reisen in abgelegene Regionen des Landes ab. Damit gemeint sind vor allem der Nordwesten, wo es immer wieder Übergriffe der Terrormiliz Boko Haram aus dem benachbarten Nigeria gibt, und das Grenzgebiet zur Zentralafrikanischen Republik. Der Lobéké-Nationalpark gilt als sicher.

Pauschalangebote Der Dresdner Erlebnisreiseveranstalter Diamir (www.diamir.de) hat die 15-tägige Expeditionsreise „Kamerun und Zentralafrika – in die Tiefen des Regenwaldes“ ab 4580 Euro pro Person im Programm. Inbegriffen sind zwei Nächte im Lobéké-Nationalpark und vier Nächte nahe der berühmten Dzanga-Sangha-Waldlichtung in der Zentralafrikanischen Republik.

Weitere Auskünfte Cameroon Tourist Information Board, c/o Löwen Touristik, Kölner Landstraße 429, 40589 Düsseldorf, Tel. 02 11/ 13 06 01 02, www.loewentouristik.com.

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 24.01.2017 11:13 Uhr