http://www.faz.net/-gxh-70kos

Liverollenspiel : Die Schandtat der Schankmaid

  • -Aktualisiert am

Schön, wenn die Erwachsenen endlich mal mitspielen - und es genauso ernst meinen wie die Kinder. Bild: Janina Dörmann

Ganze Familien verkleiden sich als Ritter und spielen ein Wochenende lang Mittelalter. „Larp“ wird in Deutschland immer beliebter, nur weiß kaum jemand davon.

          Weißer Rauch steigt hoch in den Himmel und mischt sich mit dem Grau der Wolken. Es riecht nach Feuer und gegrilltem Fleisch. Zelte sind auf einer Lichtung mitten im dunklen Wald irgendwo in Norddeutschland aufgeschlagen worden. Eine Gruppe Menschen steht auf einer Wiese und schaut einem glatzköpfigen Mann in brauner Kutte bei einem merkwürdigen Schauspiel zu: Er stemmt einen Baumstamm, stützt ihn mit den Oberschenkeln ab und schleudert ihn dann mit einem archaischen Schrei von sich. Die Zuschauer klatschen. Dabei rasseln und klirren sie. Denn sie tragen Kettenhemden oder wallende Gewänder, die mit Glöckchen und Kettchen verziert sind.

          Als wir diese Szenerie mit unseren Kindern betreten, bleibt ihnen vor Staunen der Mund offen stehen. So etwas haben sie noch nicht gesehen. Sie sind aus der Zeit gefallen und im tiefsten Mittelalter gelandet. Ein ganzes Wochenende lang treffen sich hier Menschen zu einer Art Mittelaltercampen. Sie nennen es „Larp“, was für „Live Action Role Playing“ steht. Jeder, der hierherkommt, legt sich einen mittelalterlichen Namen und einen Charakter zu, den er das Wochenende über nicht mehr ablegt. Thomas aus Braunschweig ist Kleriker, Anja aus Münster Kräuterhexe und Alex aus Berlin gibt den Alchemisten. Sie alle sind Schauspieler und Zuschauer zugleich, und ihre Bühne ist das gesamte Areal rund um die Feuerstelle. Gerade machen die Schauspieler Pause oder auch nicht, denn der graubraune Haferschleim, den die „Larper“ essen, sieht stark nach einer mittelalterlichen Requisite aus. Wir sind froh, schon gefrühstückt zu haben.

          Das Nutella-Glas ist zu gegenwärtig

          „Larp“ kommt ursprünglich aus England. Schon seit etwa zwanzig Jahren gibt es die Rollenspielgruppen auch in Deutschland, und wer in die Szene eintaucht, kann jedes Wochenende irgendwo auf eine Veranstaltung gehen; manchmal treffen sich sogar mehrere Tausend Menschen zum Zeitspiel. Und es werden immer mehr. Da viele „Larper“ jetzt selbst Kinder haben, gibt es zudem inzwischen Feste für die ganze Familie. Trotzdem ist dieses Phänomen erstaunlich unbekannt. Für alle, die nicht zur Szene gehören, ist es eine unsichtbare Parallelwelt. Eine Erklärung dafür finden wir, als uns eine Frau mit verschämten Lachen sagt, dass sie es tunlichst vermeide, anderen von ihrem Hobby zu erzählen. Und bei ihrer Arbeit sei das Thema völlig tabu. Schließlich sei sie stellvertretende Amtsleiterin und dort der Seriosität verpflichtet.

          Die „Larper“ zelebrieren ihre Mittelalterpartys, zu denen sie auch gerne Gäste einladen, mit einer manchmal etwas befremdenden Ernsthaftigkeit. Als wir ein Foto von einer Familie beim Frühstück machen wollen, räumen sie hektisch ein Nutella-Glas und eine Orangensafttüte vom Tisch. Dieser Anblick wäre doch zu „OT-lastig“, erklären sie uns. „OT“ heißt „out time“, und „Larper“ mögen es überhaupt nicht, wenn ein Gegenstand aus der Gegenwart das Ambiente stört. Ein Rollenspieler achtet sogar so penibel auf ein mittelalterliches Erscheinungsbild, dass er für seine Bierflasche eine kleine Mönchskutte aus braunem Filz genäht hat, in der der neuzeitliche Schandfleck verschwindet. Inzwischen sehen auch unsere Kinder aus, als gingen sie zu einer mittelalterlichen Geburtstagsparty. Der Große ist ein Edelmann, die Mittlere eine Schankmaid und die Kleinste ein Burgfräulein. Ärgerlicherweise spielt das Wetter seine Rolle schlecht, und der Nieselregen setzt sich in feinen Tropfen auf den roten Samt, das braune Fell und den grünen Filz unserer Kostümierung. Wasserdichte Regenjacken und Gummistiefel wären jetzt keine schlechte Idee, doch die sind nicht zeitgemäß und daher verpönt. Eine Schar Kinder spielt Fangen um die Zelte, auch sie in kleine Umhänge gekleidet. Einzig die bunten Winterjacken, die sie darunter gegen die Kälte tragen, entlarven sie als Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

          Der Vergiftete hustet Wackelpudding

          Plötzlich kommt Leben in die träge Mittelalterstimmung: Ein Jüngling läuft über den Platz, stolpert und landet mit dem Gesicht im nassen Dreck. Ein dicker Ritter mit orangefarbener Kutte und schwarzen Wappen auf der Brust kommt herbeigelaufen und ruft nach einem Medikus. Als der Mann auf dem Boden anfängt, zu husten und dabei Blut spuckt, fängt unsere Tochter an zu weinen. Unser Sohn schimpft, die sollen jetzt mal aufhören mit dem Humbug, und fragt böse, warum denn niemand einen Rettungswagen rufe. Rettungswagen gebe es nicht, bekommt er lapidar zur Antwort. Der Mann spuckt noch mehr Blut und hustet, als habe er Tuberkulose im Endstadium. Jetzt wissen auch wir nicht mehr, was Spiel ist und was Wirklichkeit, und schieben die Kinder betreten weiter. Verwirrt verlangen wir bei der Spielleitung nach einer Erklärung.

          Weitere Themen

          Gabriel besorgt um Stabilität des Libanon Video-Seite öffnen

          „Spiel mit dem Feuer“ : Gabriel besorgt um Stabilität des Libanon

          Nach Gesprächen mit seinem libanesischen Amtskollegen in Berlin sagte Gabriel am Donnerstag, der Libanon dürfe nach den Erfolgen der letzten Jahre nicht wieder destabilisiert werden. Der Außenminister rief die Länder der Region dazu auf, „das Spiel mit dem Feuer“ einzustellen.

          Topmeldungen

          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?
          Unter dem Namen „DJ D-Sol“ legt David Solomon ungefähr einmal im Monat elektronische Musik auf.

          Manager David Solomon : Der DJ von Goldman Sachs

          David Solomon ist einer der wichtigsten Manager der amerikanischen Großbank. Daneben hat er aber noch eine ganz andere Leidenschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.