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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Liverollenspiel Die Schandtat der Schankmaid

 ·  Ganze Familien verkleiden sich als Ritter und spielen ein Wochenende lang Mittelalter. „Larp“ wird in Deutschland immer beliebter, nur weiß kaum jemand davon.

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© Janina Dörmann Schön, wenn die Erwachsenen endlich mal mitspielen - und es genauso ernst meinen wie die Kinder.

Weißer Rauch steigt hoch in den Himmel und mischt sich mit dem Grau der Wolken. Es riecht nach Feuer und gegrilltem Fleisch. Zelte sind auf einer Lichtung mitten im dunklen Wald irgendwo in Norddeutschland aufgeschlagen worden. Eine Gruppe Menschen steht auf einer Wiese und schaut einem glatzköpfigen Mann in brauner Kutte bei einem merkwürdigen Schauspiel zu: Er stemmt einen Baumstamm, stützt ihn mit den Oberschenkeln ab und schleudert ihn dann mit einem archaischen Schrei von sich. Die Zuschauer klatschen. Dabei rasseln und klirren sie. Denn sie tragen Kettenhemden oder wallende Gewänder, die mit Glöckchen und Kettchen verziert sind.

Als wir diese Szenerie mit unseren Kindern betreten, bleibt ihnen vor Staunen der Mund offen stehen. So etwas haben sie noch nicht gesehen. Sie sind aus der Zeit gefallen und im tiefsten Mittelalter gelandet. Ein ganzes Wochenende lang treffen sich hier Menschen zu einer Art Mittelaltercampen. Sie nennen es „Larp“, was für „Live Action Role Playing“ steht. Jeder, der hierherkommt, legt sich einen mittelalterlichen Namen und einen Charakter zu, den er das Wochenende über nicht mehr ablegt. Thomas aus Braunschweig ist Kleriker, Anja aus Münster Kräuterhexe und Alex aus Berlin gibt den Alchemisten. Sie alle sind Schauspieler und Zuschauer zugleich, und ihre Bühne ist das gesamte Areal rund um die Feuerstelle. Gerade machen die Schauspieler Pause oder auch nicht, denn der graubraune Haferschleim, den die „Larper“ essen, sieht stark nach einer mittelalterlichen Requisite aus. Wir sind froh, schon gefrühstückt zu haben.

Das Nutella-Glas ist zu gegenwärtig

„Larp“ kommt ursprünglich aus England. Schon seit etwa zwanzig Jahren gibt es die Rollenspielgruppen auch in Deutschland, und wer in die Szene eintaucht, kann jedes Wochenende irgendwo auf eine Veranstaltung gehen; manchmal treffen sich sogar mehrere Tausend Menschen zum Zeitspiel. Und es werden immer mehr. Da viele „Larper“ jetzt selbst Kinder haben, gibt es zudem inzwischen Feste für die ganze Familie. Trotzdem ist dieses Phänomen erstaunlich unbekannt. Für alle, die nicht zur Szene gehören, ist es eine unsichtbare Parallelwelt. Eine Erklärung dafür finden wir, als uns eine Frau mit verschämten Lachen sagt, dass sie es tunlichst vermeide, anderen von ihrem Hobby zu erzählen. Und bei ihrer Arbeit sei das Thema völlig tabu. Schließlich sei sie stellvertretende Amtsleiterin und dort der Seriosität verpflichtet.

Die „Larper“ zelebrieren ihre Mittelalterpartys, zu denen sie auch gerne Gäste einladen, mit einer manchmal etwas befremdenden Ernsthaftigkeit. Als wir ein Foto von einer Familie beim Frühstück machen wollen, räumen sie hektisch ein Nutella-Glas und eine Orangensafttüte vom Tisch. Dieser Anblick wäre doch zu „OT-lastig“, erklären sie uns. „OT“ heißt „out time“, und „Larper“ mögen es überhaupt nicht, wenn ein Gegenstand aus der Gegenwart das Ambiente stört. Ein Rollenspieler achtet sogar so penibel auf ein mittelalterliches Erscheinungsbild, dass er für seine Bierflasche eine kleine Mönchskutte aus braunem Filz genäht hat, in der der neuzeitliche Schandfleck verschwindet. Inzwischen sehen auch unsere Kinder aus, als gingen sie zu einer mittelalterlichen Geburtstagsparty. Der Große ist ein Edelmann, die Mittlere eine Schankmaid und die Kleinste ein Burgfräulein. Ärgerlicherweise spielt das Wetter seine Rolle schlecht, und der Nieselregen setzt sich in feinen Tropfen auf den roten Samt, das braune Fell und den grünen Filz unserer Kostümierung. Wasserdichte Regenjacken und Gummistiefel wären jetzt keine schlechte Idee, doch die sind nicht zeitgemäß und daher verpönt. Eine Schar Kinder spielt Fangen um die Zelte, auch sie in kleine Umhänge gekleidet. Einzig die bunten Winterjacken, die sie darunter gegen die Kälte tragen, entlarven sie als Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Der Vergiftete hustet Wackelpudding

Plötzlich kommt Leben in die träge Mittelalterstimmung: Ein Jüngling läuft über den Platz, stolpert und landet mit dem Gesicht im nassen Dreck. Ein dicker Ritter mit orangefarbener Kutte und schwarzen Wappen auf der Brust kommt herbeigelaufen und ruft nach einem Medikus. Als der Mann auf dem Boden anfängt, zu husten und dabei Blut spuckt, fängt unsere Tochter an zu weinen. Unser Sohn schimpft, die sollen jetzt mal aufhören mit dem Humbug, und fragt böse, warum denn niemand einen Rettungswagen rufe. Rettungswagen gebe es nicht, bekommt er lapidar zur Antwort. Der Mann spuckt noch mehr Blut und hustet, als habe er Tuberkulose im Endstadium. Jetzt wissen auch wir nicht mehr, was Spiel ist und was Wirklichkeit, und schieben die Kinder betreten weiter. Verwirrt verlangen wir bei der Spielleitung nach einer Erklärung.

Das war ein Plot, den einzelne Darsteller zwischendurch nach Lust und Laune einstreuen. Der Mann wurde von der Schankmaid vergiftet. Das gespuckte Blut war Himbeerwackelpudding, den der Akteur bis zu seinem wirkungsvollen Sturz in seinen Backentaschen hortete. Unsere Kinder trauen ihren Ohren nicht. Was ihnen hier geboten wird, übertrifft ihre kühnsten Träume. In Rollenspielen sind doch eigentlich sie die Experten. Seit Jahren streunen sie durch den heimischen Garten, verschanzen sich im Baumhaus und spielen Ritter, die ihre Burg verteidigen müssen. Doch hier finden ihre Phantasien eine Plattform. Und das Beste daran ist: Die Erwachsenen spielen auch noch mit. Das wertet ihre Spiele in ihren Augen ungeheuer auf, denn wenn gestandene Papas durch den Dreck pirschen und dabei ein Schaumstoffschwert schwingen, kann das kein alberner Kinderkram sein. Während die Welt unserer Kinder hier ins rechte Licht gerückt wird, gerät unser Weltbild allerdings ein wenig aus den Fugen. Kopfschüttelnd beobachten wir, wie der Medikus mit schlecht gespieltem Entsetzen den Kleriker anfleht, für den Vergifteten zu beten, da er nichts mehr für ihn tun könne. Treffen wir hier auf lauter Kindsköpfe, die sich weigern, erwachsen zu werden? Oder verfügen diese Menschen über die seltene Gabe, sich ein Stück kindliche Unbeschwertheit zu bewahren?

Helden im Hinterzimmer der Realität

Eine Antwort bekommen wir, als wir uns fröstelnd in die Taverne flüchten, eine schwarze Jurte, in dessen Mitte ein Feuer brennt. Außer uns wollen sich noch andere wärmen, darunter ein Faun mit aufgeklebten, spitzen Hörnern und freiem Oberkörper. Obwohl seine Ausstattung mit dem Wetter nicht kompatibel ist, weigert er sich, etwas überzuziehen. Rolle ist Rolle. Am Feuer sitzen auch zwei Männer, der eine mit Vollbart, der andere mit rotem Wams. Beide trinken Met und löffeln etwas, das wir lieber nicht identifizieren wollen. Ebenso seltsam wie ihr Essen ist ihre Unterhaltung, und so können wir nicht anders, als ihnen zu lauschen. Der Bärtige fragt den Wamsträger, woher er komme, woraufhin der antwortet, er komme von einer Insel. Ob die Insel am Meer oder in den Bergen liege, will der Bärtige jetzt wissen. Wir können unser Stirnrunzeln nicht verbergen, und so erklärt uns der Bärtige seine einfältigen Fragen. Er sei im wirklichen Leben Lehrer und spiele hier den Dorfdeppen, weil es ihn gereizt habe, einmal ganz anders zu sein als sonst.

Einmal aus seinem normalen Leben schlüpfen und sich ein Wochenende lang nicht um Konventionen kümmern: das ist der Grund für viele Menschen, hierherzukommen und Mittelalter zu spielen. Ein Mann ist mehr als sechshundert Kilometer gefahren, um mit dabei zu sein. Jetzt schleppt er in einem braunen Oberteil, das er sich selbst aus einem Kartoffelsack geschneidert hat, eine Steinplatte. Die wiegt fünfzig Kilo, und wer es schafft, sie am längsten im Kreis herumzutragen, hat gewonnen. Der Mann im Kartoffelsack lässt das Monstrum nach zwölf Runden fallen und wird von seinem Publikum bejubelt. Im wirklichen Leben ist er kein Herkules, sondern Sozialpädagoge, sein Mitstreiter, der nur elf Runden geschafft hat, arbeitet als Wirtschaftsingenieur. Um im Beruf zu bestehen, müssten sie auch jeden Tag einen Konkurrenzkampf um die beste Leistung austragen, im wirklichen Leben sei dieser Kampf nur ungleich komplizierter. Hier, im Hinterzimmer der Realität, ist es so einfach, ein Held zu sein.

Völlig aus der Puste liegt der Steinschlepper auf der Wiese und erholt sich von der Strapaze. Er sieht glücklich aus, und wir überlegen, ob wir nicht auch unsere Kräfte unter Beweis stellen sollen. Wir trauen uns dann doch nicht, verstehen aber nun ein bisschen besser, warum diese Menschen „Larp“ so lieben. Wir allerdings hätten uns an ihrer Stelle eine Epoche für unsere Alltagsflucht ausgesucht, in der das Essen besser, die Kleider komfortabler und die Manieren gepflegter waren.

Information: „Larp“-Veranstaltungen werden in Deutschland überwiegend von Vereinen und privaten Initiatoren organisiert. Eine Übersicht über die geplanten Rollenspiele findet man im Internet unter anderem unter www.larpkalender.de. Der Preis für ein Wochenende variiert zwischen 35 und 150 Euro pro Person.

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