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Literarisches Paris : Der Nabel des Zentrums des Universums

  • -Aktualisiert am

An seinem Ofen wärmten sich die Intellektuellen: Das Café de Flore. Bild: Rob Kieffer

Das Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés war in der Nachkriegszeit der intellektuelle Mittelpunkt Europas. Und die Spuren sind bis heute sichtbar.

          Das Café, in dem wir auf roten Lederbänken sitzen, war einmal die berühmteste Schreibstube der Welt. Literaten, Philosophen und Maler gingen hier ein und aus. Um 1913 hatte Guillaume Apollinaire die Redaktion seiner Zeitschrift „Les Soirées de Paris“ ins Café de Flore verpflanzt. Anfang der dreißiger Jahre kritzelte Jacques Prévert Zeilen seiner späteren Gedichtsammlung „Paroles“ auf die Papiertischdecken – zu einer Zeit, als Paris ein brummender literarischer Bienenstock war, in dem die dichtenden Protagonisten bisweilen mehr durch Extravaganzen und Pikanterien auf sich aufmerksam machten als durch ihr Œuvre.

          Und heute geben sich hier Schlagzeilenklienten wie Modezar Karl Lagerfeld oder Schauspielerin Charlotte Gainsbourg die Klinke in die Hand. Sie stören sich weder am Geschirrgeschepper in dem engen Café noch am hautnahen Ballett der Küsschen-links-Küsschen-rechts austeilenden Kellner. Nichteingeweihte hadern derweil mit den Insider-Finessen der Speisekarte. Wer ahnt schon, dass das nach der Textilschöpferin benannte „Club-Sandwich Sonia Rykiel“ zwar mit Hähnchenbrust, Speck und Tomaten garniert ist, aber ohne Brötchen auskommt?

          Die Leibspeise von Sartre und de Beauvoir

          Ein herumwirbelnder Kellner mit schwarzer Fliege und bis auf die Füße fallender Schürze bringt uns Pouilly-Fumé-Hauswein und einen dampfenden Teller. Wir haben „Welsh rarebit“ bestellt, einen Toast mit geschmolzenem Cheddar-Käse. Er war die Leibspeise von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, das aneinandergeschmiedete Intellektuellenpaar, das nicht nur dem Café de Flore, sondern dem ganzen umliegenden Saint-Germain-des-Prés in den Nachkriegsjahren zu psychedelischer Popularität verhalf.

          Seine frivolen Tage hat das Viertel längst hinter sich, Designerboutiquen bestimmen nun das Bild.

          Unweigerlich führt eine Erkundung des Viertels zu den Spuren, die diese beiden einflussreichen Denker in Restaurants, Brasserien und Amüsierschuppen hinterlassen haben. An deren abgeschabten Holztischen streckten Sartre und seine Lebensgefährtin und Muse Beauvoir in bester Pariser Freigeisttradition ihre hellen Köpfe zusammen, um verwegene philosophische Theorien wie den Existentialismus zu entwickeln.

          Das Flore war die Schaltstelle dieser alkohol- und tabakgeschwängerten Sinnierlabors – aus einem banalen Grund: Während der Nazi-Okkupation gab es in der Wirtsstube einen funktionierenden, gusseisernen Ofen, während es in den kargen Hotelzimmern, die Sartre und Beauvoir – unruhig wie Nomaden – im Monatsrhythmus wechselten, wegen der Kohlenrationierung ungemütlich kalt war. Wie im heute noch geöffneten, anekdotenbehafteten Hôtel La Louisiane an der Rue de Seine, der Pariser Variante der Künstlerabsteige Hotel Chelsea in New York, logierte das Schriftstellertandem übrigens zeitlebens in getrennten Räumen, was allerlei Nebenliebschaften sehr förderlich war.

          Lotterie in der Brasserie Lipp

          Zum Umsatz des Café de Flore trugen Sartre und Beauvoir kaum bei. Der Philosoph genoss lieber selbstgestopfte Tabakpfeifen als teure Getränke, und seine Gefährtin konnte stundenlang schreibend bei einem einzigen erkalteten Kaffee ausharren. Das knauserige Konsumieren ging dem Patron Paul Boubal, hartgesottener Provinzler aus dem Aveyron, auf die Nerven. Wenn er seine beiden Stammgäste deswegen angrantelte, zogen diese beleidigt zur Konkurrenz, der Brasserie Lipp gleich vis-à-vis. Wir betreten diese weitere literarische Traditionsadresse, mit dem überschäumenden Humpen als Fassadenleuchtreklame und den Fayence-Wänden im Innern – und müssen Lotterie spielen.

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