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Letzte Orte : Mein Tod in Rom

  • -Aktualisiert am

Suite 449 – unser Autor beim Sit-up mit der Kamera Bild: Oliver Maria Schmitt

James Gandolfini, der Tony Soprano spielte, starb voriges Jahr in einem Hotel an der Piazza Repubblica. Seither versuche ich, in Suite 449 zu übernachten.

          Ich starrte an die Decke und konnte mein Glück kaum fassen: Ich hatte tatsächlich Zimmer 449 bekommen! Später sollte ich es noch bereuen. Als hätte sie das geahnt, war die Dame an der Rezeption des Nobelhotels „Boscolo Exedra“ in Rom auch alles andere als kooperativ.

          „Ich kann Ihnen ein gleichwertiges Zimmer anbieten.“
          „Ich möchte aber kein gleichwertiges. Ich möchte die 449.“
          „Die ist leider schon reserviert.“
          „Dann geben Sie doch dieser Person, die reserviert hat, das gleichwertige Zimmer. Und mir die 449.“


          Jetzt merkte die Rezeptionistin, dass sie es mit einem Problemgast zu tun hatte, und gab mir das Zimmer. Als ich die Tür zur 449 aufschloss und meinen nassen Regenschirm in die Badewanne legte, erschauderte ich. Heute war Mittwoch, und es war ebenfalls ein Mittwoch, als es in diesem Zimmer geschah: Tony Soprano, der sympathischste Mafiaboss aller Zeiten, starb in diesem Raum.

          Am 19. Juni letzten Jahres brach er hier mit einem schweren Herzinfarkt zusammen. Seitdem hatte ich versucht, an Zimmer 449 ranzukommen. Doch es war immer ausgebucht. Manche Menschen haben merkwürdige Ziele im Leben. Ich habe immer davon geträumt, mal in einem Hotelzimmer zu übernachten, in dem ein berühmter Mensch starb. Und obwohl ich schon häufig drauf und dran war - geklappt hat es bislang nie.

          Zu teuer oder nicht zugänglich

          In Los Angeles hätte ich um ein Haar im Hotel „Chateau Marmont“ eingecheckt, um in eben jenem Bungalow zu wohnen, in dem der Schauspieler John Belushi starb. Allerdings passte der Preis von 2200 Dollar nicht zu meinem Budget. Im legendären New Yorker Hotel „Chelsea“, in dem schon Salvador Dalí, Dylan Thomas, Jimi Hendrix und Janis Joplin wohnten, schaffte ich es nur bis ins Zimmer 101.

          Die Nummer 100, wo der Punkrocker Sid Vicious seine Geliebte Nancy Spungen erstach und im Jahr darauf an einer Überdosis Heroin starb, war leider belegt. Apropos 100: In Weimar, wo ich im Traditionshotel „Elephant“ ebenfalls schon mal in Zimmer 100 wohnen wollte - Hitlers Lieblingszimmer - hatte ich auch Pech, weil dort gerade Udo Lindenberg logierte.

          In Genf wollte ich im berühmten „Beau Rivage“ einchecken, um in Zimmer 317 in der berüchtigten Barschel-Badewanne zu übernachten - was die Hotelleitung aber nicht zuließ. Und das Zimmer 343 im „Beverly Hilton“ bei Los Angeles ist seit dem Tod von Whitney Houston dortselbst vor zwei Jahren noch immer nicht zugänglich. Da war man in Rom weitaus fixer: Tony Sopranos Sterbezimmer wurde schon am nächsten Tag wieder vergeben.

          Es prasselte, schüttete und goss

          Warum sollte man auch ein Zimmer nicht mehr vermieten, nur weil es der letzte Gast mit den Füßen voran verließ? Schon das Einchecken in ein Hotel ist doch wie ein kleiner Tod. Das Zuhause ist das Diesseits - und das Hotelzimmer ein Jenseits auf Zeit. Man wohnt irgendwo, ist aber nicht zu Hause. Ein Freund sagte mir, was ich mache, das nenne man wohl Thanatourismus - wenn es einen zu ehemaligen Unglückszielen zog, zu Bombenabwurfstätten, Konzentrationslagern oder Unfallstellen. Eine diffuse Mischung aus Neu- und Sensationsgier, aus Grusel und Überlebensdusel triebe die Reisenden da hin. Doch mich interessierte sein Geschwätz nicht. Gestorben wird schließlich immer und überall. Sogar auf Kreuzfahrtschiffen. An Bord eines solchen beobachtete ich einmal, wie im Hafen beim Beladen auch vier Särge aufgenommen wurden. Als ich den Ersten Offizier darauf ansprach, meinte er, darin würden dann die Passagiere befördert, die das Ziel nicht mehr lebend erreichten. Bei dreitausend Rentnern an Bord und einer Woche Fahrzeit brauche man mindestens ein bis zwei Särge. Dass also fern der Heimat gestorben wird, ist völlig normal: Oscar Wilde, Bobby Farrell von Boney M., Dirk Bach - sie alle waren Hotelgäste bis zuletzt.

          Das „Boscolo Exedra“ an der Piazza Repubblica

          Ich drehte den Kopf nach links. Da, auf dem Teppich vor dem Bad, diese dunklen Schatten - waren das etwa Blutflecken? Warum hatten Hotelzimmer überhaupt Teppiche? Und wie oft wurden die hygienisch einwandfrei tiefengereinigt? Nein, das wollte ich lieber nicht wissen. Ich stand auf und schaute nach draußen. Regen. Starenschwärme malten Muster an den Himmel. Um den Najaden-Brunnen auf der Piazza Repubblica brandete der Verkehr. Die Diokletiansthermen nebenan schienen geschlossen. Warum auch in die Bäder gehen? Da drin konnte es auch nicht nasser sein als draußen. Es prasselte, schüttete und goss. Dass Rom, besonders im Winter, eine Totenstadt war, dass ich selbst nur knapp dem Tod entgehen sollte, das konnte ich da noch nicht wissen. Als Hotelgast war man ja sowieso immer unwissend. Man weiß nie, was als Nächstes kommt: ein Anruf? Der Zimmerservice? Feueralarm? Der Tod?

          Ich starrte zurück

          Mit dem Mafiaboss Soprano starb auch der Schauspieler James Gandolfini. Der kam mit der Rolle des Titelhelden der Mafia-Familienserie zu Weltruhm. Mit Hingabe und Verve spielte er Tony Soprano, den Clanchef und Familienvater, einen gestressten Helden der Moderne, geplagt von Panikattacken, rivalisierenden Gangstern und pubertierenden Kindern. Soprano war freundlich und fies, charmant und schamlos, warmherzig und brutal zugleich, er war Ehemann, Vater, Freund, Killer und Beschützer. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass „Die Sopranos“ zur besten TV-Serie aller Zeiten gewählt wurden. Sie trat den weltweiten Serienboom seit 1999 erst los.

          Ich schaute ein paar Folgen „Sopranos“ auf dem Laptop und dämmerte dann weg. Unruhiger Schlaf. Schiebe- und Rumpelgeräusche von oben. Es hörte sich an, als wohnte ich unter einem Rangierbahnhof - dabei war ich im obersten Stockwerk. Poltergeister? Ich träumte von Tony, von Schießereien, von alten Kumpelinos, die Betonsandalen verpasst bekamen. Sein Geist war also noch im Zimmer. Kein Wunder, er hatte ja nie persönlich ausgecheckt.

          Als ich erwachte, fühlte ich mich hundeelend. Mir war zum Sterben zumute. Irgendwie war wohl Tonys Ungeist in mich gefahren, ich war auf einem schrägen Todestrip. Plötzlich wurde mir klar, dass Rom gefährlich war, dass die Stadt mir nach dem Leben trachtete. Tony war ihr wohl nicht genug. Schon das Frühstück überlebte ich nur knapp. Man wollte mich mit Muffins morden. Mit einem kriminell dicken, fetten und vor allem süchtigmachenden Schokomuffin, einer Atombombe aus halbfester Schokolade. Aber nicht mit mir! Anstatt den zweiten aufzuessen, packte ich ihn heimlich ein und verließ den Frühstücksraum rückwärts, damit ich alles im Blick hatte. Die Gäste starrten mich an. Ich starrte zurück.

          Die Tür war schon wieder zu - verdammt

          Weil es noch immer wie aus Kübeln goss, ging ich wieder aufs Zimmer und las in Wolfgang Koeppens „Der Tod in Rom“. Ein echter Gute-Laune-Schmöker. Der Erzähler wanderte durch Ruinen, delektierte sich am Anblick der „sinnlos gewordenen, nichts mehr tragenden Säulen“ und stellte fest: „Der Tod wirft sein unsichtbares Netz über die Stadt.“ Ich ging raus in den Regen. Allmählich bereute ich meinen kranken Plan, ein Sterbezimmer bewohnen zu wollen. Ich musste Tonys Geist wieder loswerden. Aber wie?

          Der große Gandolfini in seiner größten Rolle: Tony Soprano

          Wenn hier einer weiterwusste, dann ja wohl Goethe. Der kannte sich aus, er hatte auf alles eine Antwort, sogar in Rom. Ich ging den Corso hinunter zur Piazza del Popolo und klingelte am Haus Nummer 19 - Goethes Wohnung. Mir wurde geöffnet, er war also da. Doch als ich mich gerade darauf eingroovte, dem Olympier endlich persönlich zu begegnen, kam der nächste Schicksalsschlag. „Goethe ist tot“, murmelte die Dame am Eingang.

          „Wie bitte? Wollt ihr mich verarschen? Erst neulich hab’ ich doch noch ein Buch von ihm gelesen!“, schrie ich. Doch mein Klagen verhallte ungehört im Treppenhaus der Casa di Goethe. Die Tür war schon wieder zu. Verdammt. Wahrscheinlich ist er am Regen zugrunde gegangen. Im Winter 1786 war der Italienreisende in Rom und notierte: „Heute nacht fiel ein entsetzlicher Regenguß mit Donner und Blitzen, nun regnet es fort und ist immer warm dabei.“

          Sogar die Leuchter waren aus Knochen

          Ich war orientierungslos, benötigte die Hilfe eines Experten. Auf der Piazza Navona traf ich unter einem Regenschirm Alessandro Patrizi. Der dunkelblonde Mittzwanziger bot Stadtführungen jenseits des touristischen Trubels an, er wollte nicht mal Geld dafür. Nur eine gute Bewertung auf Tripadvisor. Gefälligkeit gegen Gefälligkeit - das kam mir vertraut vor. Ob die Mafia in Rom eigentlich ein Problem sei, wollte ich wissen. „Die Mafia, wie du sie dir vorstellst, gibt es gar nicht“, sagte er, während wir über Pfützen und Rinnsale sprangen. Das seien einfach Leute, die auf kriminelle Weise versuchten, Geld zu verdienen. „Es ist eher die Frage, wo der Staat aufhört und wo die Mafia anfängt.“

          Dann zeigte mir Alessandro barocke Brunnenbecken aus antiken Sarkophagen, Beinhäuser und Ruinenfelder. Wie hatte Rolf Dieter Brinkmann in „Rom, Blicke“ geschrieben? „Rom ist, das habe ich schnell begriffen, eine Toten-Stadt; vollgestopft mit Särgen und Zerfall und Gräbern.“ Gleich hinter dem Kapitol befand sich ein riesiges Trümmerfeld, für das man sogar noch Eintritt bezahlen musste. Obwohl dort seit zweitausend Jahren keiner mehr aufgeräumt hat. Alessandro zeigte mir den Umbilicus urbis, den Nabel der Welt. Dort berührten sich Oberwelt und Unterwelt. Ich starrte hinunter in den Abgrund und begann zu taumeln. Im letzten Moment zog mich Alessandro weg, und wir stapften weiter durch den Regen. „In Rom regnet es mehr als in London, vor allem im Herbst und Winter“, sagte er und hob die Faust drohend gegen die Starenschwärme, die immer wieder den ohnehin schon grauen Himmel verdunkelten. „Tagsüber holen sie sich die reifen Oliven auf dem Lande, zum Schlafen fliegen sie am Abend wieder in die Stadt, dort haben sie keine natürlichen Feinde.“ Eine Pest seien sie und schissen alles voll.

          Wenn ich in Rom stürbe, sagte Alessandro, dann würde ich wahrscheinlich auf dem Campo Santo Teutonico begraben werden, dem Deutschen Friedhof direkt neben dem Petersdom. Wir gingen sofort hin, ich wollte mir eine Grabstelle aussuchen. Die Schweizer Gardisten ließen uns aber nicht durch. Also gingen wir zur Kapuzinergruft an der Via Veneto. Sämtliche Räume waren vollständig mit Schädeln, Knochen und Skelettresten ausgelegt. Sogar die Leuchter waren aus Knochen gemacht. Auch dort war für mich kein Platz mehr.

          Wenn das kein Zeichen war!

          „Du könntest es noch draußen bei den Katakomben probieren, da müsste noch was frei sein“, sagte Alessandro, als wir uns verabschiedeten. „Und nimm dir ’ne Vespa, die Busfahrer streiken, und die Metro ist überschwemmt.“

          Der Mann beim Motorroller-Verleih gab mir Überlebenstipps: „Hier gibst du Gas, und da ist die Hupe.“ Wie man bremse, wollte er mir nicht zeigen. Er sah mir tief in die Augen: „Du musst immer weiter fahren. Wenn du Angst zeigst, bringen sie dich um.“ Ich schloss die Augen und fuhr los. „Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen“, dichtete Luther, und dem hatte Rom auch übel mitgespielt. Als dicke, mit Wasser vollgesogene Hummel taumelte und schlingerte ich durch den Verkehr, während die anderen Vespas wie kleine gefährliche Wespen an mir vorbeizogen. Mit der Vespa bei Dunkelheit und Regen auf der glitschigen und holprigen, zweitausend Jahre alten Via Appia entlangzuschlingern - alleine das war schon eine beeindruckende Nahtod-Erfahrung. Als ich völlig durchnässt bei den Calixtus-Katakomben ankam, war dort schon alles zu. Klarer Fall: Wegen Überfüllung geschlossen.

          Wenn das kein Zeichen war! Auf einmal spürte ich, dass ich leben, dass ich nicht so enden wollte wie Tony. Ich fühlte Lebenslust. „Ich wische mir den Arsch aus mit deinen Gefühlen“, sagt Tony in einer „Sopranos“-Folge. Höchste Zeit, den Typ endlich loszuwerden. Ich musste wieder zurück ins Hotel und auschecken. Raus aus Zimmer 449, raus aus Rom. Zurück ins Leben. Sobald der Regen etwas nachlässt, nahm ich mir vor, dann fahre ich los.

          Stirb an einem anderen Tag: Der Weg nach Rom

          Unterkunft: Das Zimmer 449 im Luxushotel „Boscolo Exedra“ an der Piazza Repubblica kostet ab 365 Euro, kann aber nicht mit Zimmernummer reserviert werden (www.exedra-roma.boscolohotels.com/de). Nur wenige Meter entfernt, in der Via Palermo, liegt das 2013 eröffnete Vier-Sterne-Hotel „Dei Borgia“. Ruhige Lage, charmant und wesentlich preiswerter, ab 150 Euro, über Olimar, Buchungen im Reisebüro oder direkt, Tel. 02 21/20 59 04 90, www.olimar.de. Das Hotel reserviert auch eine Vespa für 60 Euro am Tag.

          Stadtführung: Alessandro Patrizi bietet unter www.venividivisit.org originelle Stadtrundgänge für 8 Euro/Person an, an manchen Samstagen auch eine kostenlose Free Walking Tour. Nur nach Voranmeldung unter venividivisit@gmail.com. Die Reise wurde zum Teil von Olimar-Reisen unterstützt.

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