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Letzte Orte : Mein Tod in Rom

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Sogar die Leuchter waren aus Knochen

Ich war orientierungslos, benötigte die Hilfe eines Experten. Auf der Piazza Navona traf ich unter einem Regenschirm Alessandro Patrizi. Der dunkelblonde Mittzwanziger bot Stadtführungen jenseits des touristischen Trubels an, er wollte nicht mal Geld dafür. Nur eine gute Bewertung auf Tripadvisor. Gefälligkeit gegen Gefälligkeit - das kam mir vertraut vor. Ob die Mafia in Rom eigentlich ein Problem sei, wollte ich wissen. „Die Mafia, wie du sie dir vorstellst, gibt es gar nicht“, sagte er, während wir über Pfützen und Rinnsale sprangen. Das seien einfach Leute, die auf kriminelle Weise versuchten, Geld zu verdienen. „Es ist eher die Frage, wo der Staat aufhört und wo die Mafia anfängt.“

Dann zeigte mir Alessandro barocke Brunnenbecken aus antiken Sarkophagen, Beinhäuser und Ruinenfelder. Wie hatte Rolf Dieter Brinkmann in „Rom, Blicke“ geschrieben? „Rom ist, das habe ich schnell begriffen, eine Toten-Stadt; vollgestopft mit Särgen und Zerfall und Gräbern.“ Gleich hinter dem Kapitol befand sich ein riesiges Trümmerfeld, für das man sogar noch Eintritt bezahlen musste. Obwohl dort seit zweitausend Jahren keiner mehr aufgeräumt hat. Alessandro zeigte mir den Umbilicus urbis, den Nabel der Welt. Dort berührten sich Oberwelt und Unterwelt. Ich starrte hinunter in den Abgrund und begann zu taumeln. Im letzten Moment zog mich Alessandro weg, und wir stapften weiter durch den Regen. „In Rom regnet es mehr als in London, vor allem im Herbst und Winter“, sagte er und hob die Faust drohend gegen die Starenschwärme, die immer wieder den ohnehin schon grauen Himmel verdunkelten. „Tagsüber holen sie sich die reifen Oliven auf dem Lande, zum Schlafen fliegen sie am Abend wieder in die Stadt, dort haben sie keine natürlichen Feinde.“ Eine Pest seien sie und schissen alles voll.

Wenn ich in Rom stürbe, sagte Alessandro, dann würde ich wahrscheinlich auf dem Campo Santo Teutonico begraben werden, dem Deutschen Friedhof direkt neben dem Petersdom. Wir gingen sofort hin, ich wollte mir eine Grabstelle aussuchen. Die Schweizer Gardisten ließen uns aber nicht durch. Also gingen wir zur Kapuzinergruft an der Via Veneto. Sämtliche Räume waren vollständig mit Schädeln, Knochen und Skelettresten ausgelegt. Sogar die Leuchter waren aus Knochen gemacht. Auch dort war für mich kein Platz mehr.

Wenn das kein Zeichen war!

„Du könntest es noch draußen bei den Katakomben probieren, da müsste noch was frei sein“, sagte Alessandro, als wir uns verabschiedeten. „Und nimm dir ’ne Vespa, die Busfahrer streiken, und die Metro ist überschwemmt.“

Der Mann beim Motorroller-Verleih gab mir Überlebenstipps: „Hier gibst du Gas, und da ist die Hupe.“ Wie man bremse, wollte er mir nicht zeigen. Er sah mir tief in die Augen: „Du musst immer weiter fahren. Wenn du Angst zeigst, bringen sie dich um.“ Ich schloss die Augen und fuhr los. „Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen“, dichtete Luther, und dem hatte Rom auch übel mitgespielt. Als dicke, mit Wasser vollgesogene Hummel taumelte und schlingerte ich durch den Verkehr, während die anderen Vespas wie kleine gefährliche Wespen an mir vorbeizogen. Mit der Vespa bei Dunkelheit und Regen auf der glitschigen und holprigen, zweitausend Jahre alten Via Appia entlangzuschlingern - alleine das war schon eine beeindruckende Nahtod-Erfahrung. Als ich völlig durchnässt bei den Calixtus-Katakomben ankam, war dort schon alles zu. Klarer Fall: Wegen Überfüllung geschlossen.

Wenn das kein Zeichen war! Auf einmal spürte ich, dass ich leben, dass ich nicht so enden wollte wie Tony. Ich fühlte Lebenslust. „Ich wische mir den Arsch aus mit deinen Gefühlen“, sagt Tony in einer „Sopranos“-Folge. Höchste Zeit, den Typ endlich loszuwerden. Ich musste wieder zurück ins Hotel und auschecken. Raus aus Zimmer 449, raus aus Rom. Zurück ins Leben. Sobald der Regen etwas nachlässt, nahm ich mir vor, dann fahre ich los.

Stirb an einem anderen Tag: Der Weg nach Rom

Unterkunft: Das Zimmer 449 im Luxushotel „Boscolo Exedra“ an der Piazza Repubblica kostet ab 365 Euro, kann aber nicht mit Zimmernummer reserviert werden (www.exedra-roma.boscolohotels.com/de). Nur wenige Meter entfernt, in der Via Palermo, liegt das 2013 eröffnete Vier-Sterne-Hotel „Dei Borgia“. Ruhige Lage, charmant und wesentlich preiswerter, ab 150 Euro, über Olimar, Buchungen im Reisebüro oder direkt, Tel. 02 21/20 59 04 90, www.olimar.de. Das Hotel reserviert auch eine Vespa für 60 Euro am Tag.

Stadtführung: Alessandro Patrizi bietet unter www.venividivisit.org originelle Stadtrundgänge für 8 Euro/Person an, an manchen Samstagen auch eine kostenlose Free Walking Tour. Nur nach Voranmeldung unter venividivisit@gmail.com. Die Reise wurde zum Teil von Olimar-Reisen unterstützt.

Quelle: F.A.S.

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