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Letzte Orte : Mein Tod in Rom

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Das „Boscolo Exedra“ an der Piazza Repubblica

Ich drehte den Kopf nach links. Da, auf dem Teppich vor dem Bad, diese dunklen Schatten - waren das etwa Blutflecken? Warum hatten Hotelzimmer überhaupt Teppiche? Und wie oft wurden die hygienisch einwandfrei tiefengereinigt? Nein, das wollte ich lieber nicht wissen. Ich stand auf und schaute nach draußen. Regen. Starenschwärme malten Muster an den Himmel. Um den Najaden-Brunnen auf der Piazza Repubblica brandete der Verkehr. Die Diokletiansthermen nebenan schienen geschlossen. Warum auch in die Bäder gehen? Da drin konnte es auch nicht nasser sein als draußen. Es prasselte, schüttete und goss. Dass Rom, besonders im Winter, eine Totenstadt war, dass ich selbst nur knapp dem Tod entgehen sollte, das konnte ich da noch nicht wissen. Als Hotelgast war man ja sowieso immer unwissend. Man weiß nie, was als Nächstes kommt: ein Anruf? Der Zimmerservice? Feueralarm? Der Tod?

Ich starrte zurück

Mit dem Mafiaboss Soprano starb auch der Schauspieler James Gandolfini. Der kam mit der Rolle des Titelhelden der Mafia-Familienserie zu Weltruhm. Mit Hingabe und Verve spielte er Tony Soprano, den Clanchef und Familienvater, einen gestressten Helden der Moderne, geplagt von Panikattacken, rivalisierenden Gangstern und pubertierenden Kindern. Soprano war freundlich und fies, charmant und schamlos, warmherzig und brutal zugleich, er war Ehemann, Vater, Freund, Killer und Beschützer. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass „Die Sopranos“ zur besten TV-Serie aller Zeiten gewählt wurden. Sie trat den weltweiten Serienboom seit 1999 erst los.

Ich schaute ein paar Folgen „Sopranos“ auf dem Laptop und dämmerte dann weg. Unruhiger Schlaf. Schiebe- und Rumpelgeräusche von oben. Es hörte sich an, als wohnte ich unter einem Rangierbahnhof - dabei war ich im obersten Stockwerk. Poltergeister? Ich träumte von Tony, von Schießereien, von alten Kumpelinos, die Betonsandalen verpasst bekamen. Sein Geist war also noch im Zimmer. Kein Wunder, er hatte ja nie persönlich ausgecheckt.

Als ich erwachte, fühlte ich mich hundeelend. Mir war zum Sterben zumute. Irgendwie war wohl Tonys Ungeist in mich gefahren, ich war auf einem schrägen Todestrip. Plötzlich wurde mir klar, dass Rom gefährlich war, dass die Stadt mir nach dem Leben trachtete. Tony war ihr wohl nicht genug. Schon das Frühstück überlebte ich nur knapp. Man wollte mich mit Muffins morden. Mit einem kriminell dicken, fetten und vor allem süchtigmachenden Schokomuffin, einer Atombombe aus halbfester Schokolade. Aber nicht mit mir! Anstatt den zweiten aufzuessen, packte ich ihn heimlich ein und verließ den Frühstücksraum rückwärts, damit ich alles im Blick hatte. Die Gäste starrten mich an. Ich starrte zurück.

Die Tür war schon wieder zu - verdammt

Weil es noch immer wie aus Kübeln goss, ging ich wieder aufs Zimmer und las in Wolfgang Koeppens „Der Tod in Rom“. Ein echter Gute-Laune-Schmöker. Der Erzähler wanderte durch Ruinen, delektierte sich am Anblick der „sinnlos gewordenen, nichts mehr tragenden Säulen“ und stellte fest: „Der Tod wirft sein unsichtbares Netz über die Stadt.“ Ich ging raus in den Regen. Allmählich bereute ich meinen kranken Plan, ein Sterbezimmer bewohnen zu wollen. Ich musste Tonys Geist wieder loswerden. Aber wie?

Der große Gandolfini in seiner größten Rolle: Tony Soprano

Wenn hier einer weiterwusste, dann ja wohl Goethe. Der kannte sich aus, er hatte auf alles eine Antwort, sogar in Rom. Ich ging den Corso hinunter zur Piazza del Popolo und klingelte am Haus Nummer 19 - Goethes Wohnung. Mir wurde geöffnet, er war also da. Doch als ich mich gerade darauf eingroovte, dem Olympier endlich persönlich zu begegnen, kam der nächste Schicksalsschlag. „Goethe ist tot“, murmelte die Dame am Eingang.

„Wie bitte? Wollt ihr mich verarschen? Erst neulich hab’ ich doch noch ein Buch von ihm gelesen!“, schrie ich. Doch mein Klagen verhallte ungehört im Treppenhaus der Casa di Goethe. Die Tür war schon wieder zu. Verdammt. Wahrscheinlich ist er am Regen zugrunde gegangen. Im Winter 1786 war der Italienreisende in Rom und notierte: „Heute nacht fiel ein entsetzlicher Regenguß mit Donner und Blitzen, nun regnet es fort und ist immer warm dabei.“

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