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Island : Im Schatten des Vulkans

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Die geballte Kraft von Tektonik und Vulkanismus zeigt sich auf den Westmänner-Inseln an jeder beliebigen Stelle. Bild: Torsten Heydrich

Alles wie immer - und doch alles neu: Auf den Westmänner-Inseln hat man sich mit der Katastrophe arrangiert. Ein Besuch auf Heimæy.

          Eldfell, immer wieder der Eldfell. An ihm kommt man nicht vorbei. Von allen Seiten schiebt er sich ins Bild, ein kratzbürstiger Berg, über und über mit rotbraunen Steinen bedeckt. Mehrere Wege ziehen hinauf zum Gipfelgrat mit seinem Gewirr aus scharfkantigen Lavabrocken. Hier oben, an einem der höchsten Punkte der Insel Heimæy, möchte man nicht im Nebel stecken, das könnte gefährlich werden. Und auch sonst ist dem Eldfell nicht zu trauen, das weiß man auf den Westmänner-Inseln. Wenn er zu fauchen und poltern beginnt, sollte man laufen und sich schnellstens in Sicherheit bringen.

          „Eigentlich mag ich gar nicht mehr über den Eldfell reden“, sagt Helga Hallbergsdóttir. Wenn es nach ihr ginge, würde sie den Eldfell ignorieren und die Erinnerung an die verstörenden Bilder am liebsten ein für alle Mal wegpacken. Aber der Alltag im Volkskundemuseum von Heimæy will es anders. Zweimal täglich setzt Helga die Volcano-Show in Gang. Die vielfach preisgekrönte Dokumentation mit dem Titel „Days of Destruction“ zeigt den Eldfell als Vulkan des Grauens. Sein Ausbruch am 23. Januar 1973 war eine der aufsehenerregendsten Naturkatastrophen, die Island im zwanzigsten Jahrhundert erlebt hat. Fünf Monate lang versuchten drei-, manchmal auch vierhundert Männer gegen den Lavastrom anzugehen und zumindest einen Teil der Insel zu retten. Erlebnisse, an die sich kaum jemand gern erinnert. Wieso also ständig darüber reden? Weil die Touristen kommen und mit ihnen die Fragen.

          Flugplatz mitten auf der Weide

          Die Westmänner-Inseln liegen auf einem submarinen Vulkansystem vor der Südküste Islands: fünfzehn Eilande, durch eine Vielzahl von Eruptionen aus dem Meer gehoben. Steile Riffe, felsige Abstürze und schwarze Basalthöhlen, die Nistplätze für Basstölpel, Sturmschwalben und Tordalken. Ein paar prallgrüne Hügel, ab und zu die Hütten von Jägern, die den Papageientauchern nachstellten, ehe sie das Jagdverbot in die Heimlichkeit trieb. Eier und Fleisch gibt es nur noch unter der Hand.

          Heimæy ist die einzige ganzjährig bewohnte Insel des Archipels. Ein Stück Klein-Island: das Flugfeld mitten auf der Weide, das propere Städtchen Vestmannaeyjar mit seinem Hafen, die Fischfabrik, ein paar Hotels, Privatpensionen und Cafés, das Rathaus, das Kino, die Kirchen, zwei Museen. Wenn die Fähren anlegen, fluten die Touristen über den Kai, die meisten in festen Schuhen und regendichten Outdoor-Jacken. Zweihundert Meter ist der Eldfell hoch, nicht schwer zu besteigen. Den ganzen Tag über sieht man Wanderer nach oben stapfen. Der Feuerberg, wie der Vulkan auch heißt, ist die Hauptattraktion von Heimæy geblieben. In den Läden liegen die Bildbände und DVDs, in den Lokalen hängen die Fotos der verwüsteten Insel neben den Vitrinen mit dem Blaubeerkuchen und den Schinkensandwiches. Die Katastrophe bringt Geld. Sie spaltet die Gemeinschaft.

          Eine Hommage an den Feuerriesen

          Wer die Gefahr sucht, ist immer in Gefahr. Das weiß man in Island. Auch auf Heimæy hat man immer schon im Schatten der Vulkane gelebt und sich in deren Launen geschickt. Und so bleibt man gelassen, als Seeleute am Morgen des 14. November 1963 starken Schwefelgeruch wahrnehmen und bemerken, dass das Meer etwas wärmer ist als sonst. Wenig später steigen erste Rauchsäulen auf. Ein brennendes Boot? Die Asche, die nun in den Himmel schießt, alarmiert Geologen und Küstenwache. Kurz darauf steht der Befund: Ein submariner Vulkan ist ausgebrochen. Schon in der darauffolgenden Nacht sind dreißig Kilometer südlich von Heimæy die Umrisse einer Erhebung zu erkennen. Sie bekommt einen Namen, Surtsey, eine Hommage an den Feuerriesen Surt aus der nordischen Mythologie. Mehr als drei Jahre lang beobachtet man, wie der Vulkan braust und birst und schließlich das zweitgrößte Eiland der Westmänner-Inseln zurücklässt. Ein fruchtbares Experimentierfeld für Biologen und nur für sie zu betreten. Fortan observieren sie, wie sich auf einem Stück Ödland Leben ansiedelt: Moose und Flechten, der gemeine Regenwurm, hundertdreißig Arten von Fliegen.

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