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Kulturhauptstadt Valletta : Die Litanei des kleinen Glücks

  • -Aktualisiert am

Blick von der Grand Harbor Marina Bild: Picture-Alliance

Bingo! Wer auf und ab durch Valletta wandert, stößt auf geheimnisvolle Grabplatten, Superyachten, Unmengen von Gold und diskussionsfreudige Männer. Am besten erklärt das alles ein Malteserritter von heute.

          Wenn die ersten Sonnenstrahlen in der Straße der Republik die ockerfarbenen Mauern der Paläste aufleuchten lassen, nur das Absatzklappern einer eiligen Verkäuferin die Stille durchbricht und die Touristen noch fern sind, fällt es gar nicht schwer, sich einen ähnlichen Morgen vor vierhundert Jahren in Valletta vorzustellen.

          In einer Gasse schreit klagend ein Esel und findet kein Ende. Durch die Straße zieht der Duft von frischem Brot, vor der Bäckerei sammelt sich schweigend eine Handvoll pockennarbiger Bettler, denn die ersten zweihundert Brötchen muss jeder Bäcker gratis an Arme verteilen. Zwei Ritter mit schwingenden schwarzen Mänteln eilen zur Frühmesse in der Kirche St. John’s, die Brust mit dem achtzackigen Kreuz des Johanniter-Ordens stolz herausgedrückt. Und Richtung Hospital rumpelt ein Karren, beladen mit Eis aus Sizilien, mit dem Angehörige ebendieses Ordens die Wunden verletzter Soldaten kühlen werden. Die katholischen Johanniter, die man auch bald Malteser nennt, sind die Herren der Stadt. Kaiser Karl V. hatte der im elften Jahrhundert gegründeten Vereinigung 1530 Malta als neuen Sitz überlassen, nachdem die Türken sie aus Rhodos vertrieben hatten. Als Pacht war ein Malteser Falke jährlich abzuliefern.

          Ein betrunkener Ritter aus Bayern

          Das Bild dieses Morgens ist ein freundliches und friedliches. Es ist das Bild, das Dane Munro zeichnet, und der Neunundfünfzigjährige sollte es wissen. Denn er hat lange über die Geschichte Vallettas geforscht und ist selbst einer jener berühmten Ritter, einer von etwa einhundert auf Malta und dreizehntausend auf der ganzen Welt. Man muss sich um die Gemeinschaft verdient gemacht haben, um als Ritter vorgeschlagen zu werden. Nur ein oder zwei Menschen pro Jahr wird diese Ehre auf Malta zuteil. Danes Verdienst war es, zehn Jahre lang die Grabplatten in St. John’s untersucht und ein grundlegendes Werk darüber geschrieben zu haben. In seinem Ehrenamt hilft er mit, Wallfahrten nach Lourdes zu organisieren, entlassene Strafgefangene zu betreuen oder Hunde für Blinde zu kaufen.

          Dane Munro ist stolz auf seinen Titel. Er liebt seinen Orden und ist überaus loyal. Doch wie steht er zu Piraterie und zum Sklavenhandel, mit dem der Orden einst auch sein Geld verdiente? Das habe es wohl gegeben, sagt er, aber nur, um die 1,25 Millionen christlichen Sklaven in Nordafrika freizukaufen. Geradezu amüsiert lauert er auf Kritik – um sie sofort wortgewaltig zu parieren. Hat sich ein fast tausend Jahre alter Orden mit aus der Zeit gefallenen Hierarchien und überkommenen Ritualen nicht längst überlebt? „Was ist schlecht an einer konservativen, kollektiven Gemeinschaft? Es kann ja nicht nur linke Gewerkschaften geben.“

          Blick auf Vittoriosa

          Dabei stammt das Bild, das er zeichnet, aus der Frühzeit der Stadt, um das Jahr 1600, als die Ritter noch als disziplinierte Herren geachtet wurden, die ihr Gelübde „Armut, Gehorsam, Keuschheit“ ernst nahmen. Ein paar Generationen später sieht ein früher Morgen in Valletta ganz anders aus. Hohläugige Prostituierte stehen übernächtigt an den Ecken, ein betrunkener Ritter aus Bayern ist mit einem spanischen Kollegen in Streit geraten, am Ende des Tages werden sie sich duellieren, auch wenn das streng verboten ist.

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