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Zeitenwende für Kuba : Götterdämmerung im Tropensozialismus

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Hoffnungszeichen: Die anachronistische amerikanische Kuba-Politik scheint beendet zu sein. Wie lange wird der Anachronismus von Fidel Castros Revolution noch existieren? Bild: Volker Mehnert

Vor wenigen Tagen hat Präsident Obama einen radikalen Kurswechsel der amerikanischen Kuba-Politik verkündet. In Havanna brach Jubel aus. Doch für Triumphgeheul gibt es keinen Anlass in einer Stadt, die zwischen nervöser Wartestellung und zaghaften Experimenten schwankt.

          Noch findet Sportunterricht in Havanna bisweilen auf dem Prachtboulevard des Stadtzentrums statt. Lehrer und Schüler der Escuela Primaria Emma Rosa Chuy bevölkern ganz selbstverständlich den Paseo del Prado, spielen zwischen flanierenden Touristen Fußball, machen Staffelläufe oder üben Tanzschritte. Die Schule selbst residiert direkt am Paseo in einer Bürgervilla aus dem neunzehnten Jahrhundert, die freilich schon auf die Übernahme durch eine Anwaltskanzlei zu warten scheint. Früher oder später werden die Schüler hier verschwinden. Nebenan in der Altstadt leben die Ärmsten der Armen in herrschaftlichen Häusern und monumentalen Kolonialpalästen. Allerdings sind die einst prachtvollen Gebäude hoffnungslos überbelegt und in erbärmlichem Zustand – mit schadhaften Dächern, bröckelnden Fassaden, oft ohne fließend Wasser und sanitäre Anlagen. Die Stockwerke dieser „solares“ sind durch hölzerne Zwischendecken halbiert. Dutzende Familien teilen sich die parzellierten Salons, die Wäsche trocknet auf schmiedeeisernen Balkonbrüstungen, und alle Bewohner nutzen die Innenhöfe kollektiv zum Schwatzen und Feiern.

          Inzwischen jedoch wundern sich manche Mieter, wenn sie aus dem Fenster schauen. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft der verkommenen Gebäudezeilen findet man auf einmal perfekt restaurierte Kolonialhäuser, in denen sich Luxushotels, teure Geschäfte oder Galerien einquartiert haben. So können die Gäste im Hotel Telégrafo am Parque Central die Hausfrauen des gegenüberliegenden „solar“ beim Kochen, Putzen und Fernsehen beobachten. Und die Einheimischen blicken geradewegs in eine Welt hinein, die für sie so nah und dennoch vollkommen unerreichbar ist.

          Morbider Charme des sozialistischen Scheiterns

          Im Jahr sechsundfünfzig nach der kubanischen Revolution schmort Havanna unter tropischer Sonne in einem wirtschaftlichen, sozialen und baulichen Wirrwarr. Die Stadt ist zugleich Ruine, Baustelle und architektonisches Kleinod, ernsthaft kulturbeflissen und touristisch ausgeschlachtet, Armenhaus und Beute für raschen Reichtum. Vieles ist in radikalem Verfall und rasantem Vergehen begriffen, manches vollkommen kaputt, und dazwischen ist einiges glanzvoll auferstanden. Seit die Unesco Habana Vieja 1982 zum Weltkulturerbe erklärt hat, pumpt die Organisation enorme Summen zur Sanierung in das koloniale Herz der kubanischen Hauptstadt. Was das bewirkt, zeigt eine Fotowand auf der Plaza Vieja, die den einst ruinösen Zustand der angrenzenden Gebäude dokumentiert und mit den jetzt fabelhaft restaurierten Häusern und Palästen vergleicht. Angesichts der Runderneuerungen auf der Plaza Vieja, der Plaza de Armas oder der Plaza de la Catedral sprechen Kritiker bereits von sterilen, historisierenden Kulissen und sanierten Gehegen, aus denen die angestammte Bevölkerung verdrängt wird. Ein unbewohntes touristisches Getto ist Havannas Altstadt aber ganz und gar nicht, kann es aufgrund ihrer schieren Größe auch niemals werden. Die Restaurierung der zweihundertfünfzig Häuserblocks und mehr als dreitausend Gebäude wird selbst unter günstigen Umständen Jahrzehnte dauern.

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