19.08.2004 · Der zunehmende Verkehrslärm zerstreut viele Bärenfamilien in Kroatien. Ein "Bärenwaisenhaus" wurde gegründet. Um die Aufzuchtstation wächst eine Idylle. Man hofft auf Touristen.
Von Karl-Peter Schwarz, KuterevoLange Zeit lebten der Bär und der Mensch einträchtig in der Höhle - bis einer der beiden auf den Gedanken kam, dort ein Feuer anzuzünden. Das war das erste jener Mißverständnisse, die das Zusammenleben zwischen Bär und Mensch seither belasten.
Im Wald oberhalb von Kuterevo war ein ausgewachsener Bär mit der Hinterpfote in eine Falle geraten. Sie war nicht für ihn bestimmt gewesen, sondern für einen der rund 150 kroatischen Wölfe, deren Verhalten von Zoologen der Universität Zagreb erforscht wird. Wölfe haben zu Fallen ein recht entspanntes Verhältnis. Sie mögen sie zwar nicht, fügen sich jedoch ihrem Schicksal, legen sich nieder und warten, bis sie von den Forschern markiert und wieder freigelassen werden.
"Das zweite große Mißverständnis war das Rad"
Bären hingegen reagieren panisch: Dieser muß sich stundenlang verzweifelt bemüht haben, der Falle zu entkommen, denn als ihn die Forscher fanden und Ivan Crnkovic-Pavenka und seinen Assistenten, den holländischen Schiffsbauer Roy van Zadel, zu Hilfe riefen, zitterte er vor Angst und Erschöpfung. Da half es dann nichts mehr, daß Roy sich für die Falle und gleich auch für alles andere entschuldigte, was Menschen den Bären antun und angetan haben. Der Bär mußte betäubt werden, bevor man ihn von der Falle befreien konnte.
"Das zweite große Mißverständnis nach dem Feuer", sagt Crnkovic, "war das Rad." Ein Bär legt Wert auf Distanz, er fühlt sich nur wohl, wenn der Mensch zu ihm einen Abstand von etwa fünfzig Metern einhält. Der beräderte Mensch aber nähert sich ihm mit einer Geschwindigkeit, die den stärksten Bären überfordert. Eine Bärenmutter, die mit ihren Kleinen die Straße überquert, reagiert voller Angst auf ein Auto, sie flüchtet, die Gruppe löst sich auf. "Oft verirren sich dann die Kleinen", erzählt Crnkovic. "Auf diese Weise werden mehr Bärenkinder zu Waisen als durch Jagd oder Wilderei."
Eine "genetische Oase“
Zu den Forstwegen und Landstraßen kommen neuerdings Autobahnen, die Lebens- und Wanderungsräume der Bären auf dem Balkan begrenzen. Im Norden des Velebit riegelt die Autobahn Rijeka-Zagreb die kroatischen Bärenwälder von den slowenischen ab, im Osten die Autobahn Zagreb-Split von den bosnischen. Eine weitere Autobahn von Rijeka nach Split auf den Bergen über der Adria-Küste wird den Lebensraum auf dem Velebit noch einmal verkleinern. Zwar wurden teure Brücken errichtet, die den Bärenwechsel ermöglichen sollen, aber in welchem Ausmaß sie genützt werden, ist bislang nicht untersucht worden.
Bärenpopulationen stabilisieren sich durch Wanderung, ohne genetische Erneuerung sterben sie aus. Der Velebit sei eine "genetische Oase", erklärt Crnkovic, weil er großräumige Migration zulasse, obwohl die Korridore nach Slowenien und Bosnien nicht mehr offen seien. Zuletzt war während des Jugoslawienkrieges eine starke Abwanderung aus den umkämpften bosnischen Habitaten, darunter Titos ehemaligem Bärenjagdrevier Bugojno, über den Velebit nach Slowenien verzeichnet worden.
Steigende Wahrscheinlichkeit von „Null-Begegnungen“
Den Bärenbestand in Kroatien schätzen Naturschützer auf 600, die Jäger auf 1000. Bis vor wenigen Jahren zog die Bärenjagd noch zahlreiche Jäger aus dem Ausland an. Anders als bei den Wölfen, die seit 1995 geschützt sind, ist der Abschuß von Bären noch erlaubt, auf massiven Druck der EU hin wurde jedoch 2002 ein Ausfuhrverbot für Bären-Jagdtrophäen verhängt, was das Interesse rasch versiegen ließ. Heute stellt die zunehmende Erschließung des Velebit durch die Anlage von Forstwegen und Straßen schon eine weit größere Gefährdung dar als Jagd und Wilderei.
Mit der intensiveren Nutzung der artenreichen Naturlandschaft des Velebit steigt die Wahrscheinlichkeit abstandloser Begegnungen zwischen Bär und Mensch, der "Null-Begegnungen". Von den Wäldern auf den Höhen über Kuterevo streunen Bären immer wieder bis an den Rand der Streusiedlung, oft auf der Suche nach Wasser, manchmal aus purer Neugier. Eine Bärin zeigt sich sogar fast jeden Morgen auf einer Wiese über dem Dorf.
Die Forstarbeiter wiederum dringen oft tief in die Bärenwälder ein, wo es nicht selten zu unliebsamen Begegnungen kommt. Ein Bär läßt sich nämlich leicht überraschen. Sein Gesichtsfeld ist eng, er muß sich aufrichten, um weiter sehen zu können. Zudem hört er in die Tiefe, das heißt, er nimmt vor allem Bodengeräusche wahr. "Null-Begegnungen" sind ihm genauso unangenehm wie dem Menschen. Sie können böse enden. Die Leute von Kuterevo sind bärenerprobt. Aber wie soll sich der unerfahrene Wanderer verhalten?
Am besten mit alten genagelten Bergschuhen unterwegs sein
Crnkovic rät erstens davon ab, sich allein auf den Weg zu machen. Zweitens sollte man sich, ohne zu lärmen, durch Reden oder Singen ("dreistimmig hat es der Bär am liebsten") bemerkbar machen. Drittens sollte man mit einem Stock wandern, um bei jedem Schritt Bodengeräusche zu erzeugen, die Bären - aber auch Schlangen - als Warnsignale aufnehmen können. Am besten sei geschützt, wer noch mit alten genagelten Bergschuhen unterwegs ist, die besser zu hören sind als weichsohlige Wanderschuhe.
Falls es dennoch zu einer Begegnung kommt, dürfe man keinesfalls auf Bärenkinder zugehen. Auch Wegrennen sei nicht ratsam, denn das mache Bären erst neugierig. Man könne aber langsam weggehen, stehenbleiben, ja sogar mit den Armen fuchteln, alles sei "irgendwie richtig", denn auf authentische Emotionen reagiere der Bär nicht grundsätzlich negativ. Allerdings gebe es auch "Problembären", wie es problematische Menschen gebe, von denen man auch nicht gleich auf die ganze Gattung schließe.
Das "Bärenwaisenhaus" des Sozialpädagogen
Crnkovic glaubt an das Gute im Bären wie im Menschen. Er wollte einmal Priester werden, ging 1968 nach Deutschland, wo er sich zum Sozialpädagogen ausbilden ließ und mehrere Heime leitete, "Problemmenschen" eingeschlossen. Erst vor vier Jahren hat er seinen Beruf an den Nagel gehängt und ist in seine Heimat zurückgekehrt. Am Rande des Dorfes hat er mit Hilfe von Nachbarn die ersten beiden großen Gehege für sein "Bärenwaisenhaus" gebaut, das derzeit von fünf Bären bewohnt wird. Ein drittes Gehege wird vorbereitet.
Crnkovic hat vor, von der staatlichen Forstverwaltung 100 Hektar für einen "Bärenpark" zu pachten, um die großgewordenen Bärenwaisen unterbringen zu können - sie einfach freizulassen würde nur die Zahl der potentiell gefährlichen "Problembären" erhöhen. Eine Forschungsstation und ein "Bären-Lehrpfad" sollen entstehen.
Um sein Vorhaben zu verwirklichen, ist Crnkovic auf private Sponsoren angewiesen, die in Kroatien schwer zu finden sind. Ein Geschäftsmann ist er nicht, aber seine Idee, rund um die "Ressource Bär" die Dorfgemeinschaften von Kuterevo, Krasno und Kosinj in einem "3 K" genannten Erschließungs- und Nutzungsprojekt zusammenzuschließen und ihnen im "sanften Tourismus" eine wirtschaftliche Grundlage zu schaffen, hat auch in Zagreb Aufmerksamkeit hervorgerufen. Immer wieder kommen Schulklassen nach Kuterevo, Präsident Stipe Mesic hat die mittlerweile im ganzen Land bekannte Bärenstation sogar schon mehrmals besucht.
Wie in einer Fernsehserie des Vorabendprogramms
Tatsächlich stimmt in Kuterevo so ziemlich alles, von den Schäfchenwolken über der Sommerlandschaft bis zur Idylle in den Hausgärten. Wenn man zusieht, wie Crnkovic die fünf Monate alte Bärin Mara quer über die blumenübersäte Bergwiese zur Nachbarin führt, die ihr in ihrem Hof zu trinken gibt, oder ihn auf der Fahrt mit Mara zur Tierärztin begleitet, glaubt man, versehentlich in eine Fernsehserie fürs Vorabendprogramm geraten zu sein.
Mittagspause wird in einer Pizzeria gemacht, wo Mara sich damit vergnügt, eine Handtasche zu inspizieren, ein weißes Hündchen zu jagen und genüßlich feuchte Erde aus einem Blumentopf auszugraben - bis sie zu ihrem Mißvergnügen ins Auto gesperrt wird, wo sie am Fahrersitz Platz nimmt und die Hupe betätigt. "Nema veze", sagt die Wirtin und wischt die Bescherung weg: Das mache doch nichts. Mara ist der Liebling von Kuterevo. Behutsam versucht Crnkovic der Bärenmutter-Rolle zu entkommen, die Mara ihm zugedacht hat. Sie muß lernen, wieder auf Distanz zum Menschen gehen.
Keine Überlebenschance ohne die Mutter
Bärinnen bringen ihre Jungen zumeist zwischen Neujahr und dem Dreikönigsfest zur Welt, mitten in der Winterruhe. Die Geburt der nur 350 Gramm schweren Winzlige ist wehenfrei und schmerzlos. Oft kämen schwangere Frauen nach Kuterevo, erzählt Crnkovic, um in der Hoffnung auf eine leichte Geburt die Nähe einer Bärin auf sich wirken zu lassen. Auch er glaubt an die mythische Kraft der Bären, spürt Wohlbehagen in ihrer Nähe.
Erst nach sieben Wochen öffnen Bärenkinder zum ersten Mal ihre Augen, zwei Jahre lang bleiben sie bei ihrer Mutter. Die restlichen zwei Jahre ihrer verspielten Bärenjugend verbringen sie in kleinen Gruppen mit Gleichaltrigen, bis sie geschlechtsreif werden und sich ihr Revier bilden. Ohne ihre Mutter haben sie im ersten halben Jahr keine Überlebenschance, denn ohne die fettreiche und kalorienstarke Muttermilch verhungern sie: "Wenn das Bärchen zwei Monate alt ist, dauert es zwei Wochen, bis es tot ist, wenn es vier Monate alt ist, dauert das dann eineinhalb Monate."
Mara ist dieses Schicksal erspart geblieben. Indes wird das "Bärenrefugium" von Kuterevo zum zeitweiligen Refugium von Menschen, die sich die Zeit dazu nehmen, ihr eigenes Verhältnis zur Natur wieder in Ordnung zu bringen. Roy, der Schiffsbauer aus Holland, will sieben Monate bleiben, um in Kuterevo mithelfen zu können. Ivan Crnkovic-Pavenka hat mehr als hundert ähnliche Anfragen zur freiwilligen Mitarbeit aus aller Welt erhalten. Irgendwie wird er sein Projekt trotz aller finanziellen Probleme weiterführen.
Karl-Peter Schwarz Jahrgang 1952, Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.
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