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Kreuzfahrtschiff „Queen Mary 2“ Der schwimmende Superlativ

08.01.2004 ·  Ein Schiff, das den Namen eines Mythos trägt, hat in den meisten Fällen eine große Karriere vor sich. Das gilt vermutlich auch für die "Queen Mary 2", die von der britischen Königin Elizabeth II. am 8. Januar in Southampton getauft worden ist.

Von Henning Sietz
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Ein Schiff, das den Namen eines Mythos trägt, hat in den meisten Fällen eine große Karriere vor sich. Man darf annehmen, daß das neue Passagierschiff "Queen Mary 2", das die britische Königin Elizabeth II. am 8. Januar in Southampton taufen wird, hier keine Ausnahme ist: Ruhm, Erfolg und Beachtung sind dem Ozeanriesen gewiß.

Der Mythos der "Queen Mary 2" oder kurz "QM2" hat viele Gründe: vorausschauende, strategische Planung durch die Kreuzfahrt-Reederei Cunard Line und eine lange Tradition vergleichbarer Schiffe mit großen Namen. Dabei setzt Cunard, eine der ältesten Reedereien in der Transatlantik-Passagierschiffahrt, auf eine raffinierte Strategie: ein paar technische Rekorde (wobei einige eher liebevoll-augenzwinkernd geraten sind), berühmte Schiffsnamen, die entsprechenden Taufpaten und die eigene Reederei-Tradition. Im Grunde ist "QM2" die Wiedergeburt der alten Vorstellung von der luxuriösen Seereise.

Eine Reihe von Rekorden

Zunächst zu den Rekorden. "Queen Mary 2" ist mit über 800 Millionen Dollar Kosten das teuerste und mit 345 Meter Länge das größte je gebaute Passagierschiff der Welt. Die imposante Höhe von 72 Meter vom Kiel bis zum Schornstein setzt einen weiteren rekordverdächtigen Akzent. Seine Motoren und Gasturbinen entfalten eine Leistung von mehr als 117 Megawatt. Damit könnte das Schiff spielend seine Heimatstadt Southampton - über 200.000 Einwohner - mit Energie versorgen.

Ein paar kleinere Rekorde - zum Beispiel mit 8.000 Büchern die größte schwimmende Bibliothek, der größte Ballsaal, der größte Weinkeller und das größte Planetarium auf See - fallen da eher als Kuriositäten ins Gewicht. Doch Größe kann auch Nachteile haben: Das Schiff paßt mit 41 Meter Breite nicht durch den Panama-Kanal, und die Höhe von 72 Metern minus 10 Meter Tiefgang verhindert wegen der Brücken die Einfahrt in so manchen Hafen dieser Welt.

Nicht das schnellste Schiff

Aber mit einem spektakulären Rekord kann die "Queen Mary 2" nicht aufwarten: Ihre Höchstgeschwindigkeit ist mit knapp 30 Knoten - etwa 55 km/h - zwar beachtlich, aber die "Queen Elizabeth 2", das Schwesterschiff, ist ein paar Knoten schneller und gilt als schnellstes Passagierlinienschiff der Welt (Fähren wie "Finnjet" nicht gerechnet). Und selbst die "QE2" hält nicht das Blaue Band für die schnellste Nordatlantikquerung: Die traditionsreiche Auszeichnung errang die "United States" im Jahre 1952 mit 35,6 Knoten (rund 66 km/h) - bis heute unübertroffen.

Man kann sicher sein, daß die 30 Knoten der "QM2" ein ruhiges Tempo sein werden. Das ausgetüftelte Antriebssystem des Liners ist die Garantie dafür. Man muß sich dabei vom althergebrachten Bild einer oder mehrerer Hauptmaschinen trennen, welche die Propeller antreiben. Das Antriebssystem der "QM2" besteht aus vier mittelschnellaufenden, auf Gummiblöcken gelagerten Dieselmotoren 16 V 46 des finnischen Herstellers Wartsilä. Die Bezeichnung "16 V 46" offenbart einige technische Details: jeweils 16 Zylinder in V-Anordnung, 460 Millimeter Kolbenbohrung. Common Rail und Wasserinjektionen in die Verbrennungskammern sorgen für - so der Hersteller - fast rauchfreie Abgase, worauf besonders in skandinavischen und nordamerikanischen Häfen geachtet wird. Jeder dieser Motorblöcke ist ein Koloß von 12,5 Meter Länge, 4,4 Meter Breite und 5,5 Meter Höhe und wiegt 217 Tonnen. Die vier Kraftpakete liefern bei 524 Umdrehungen je Minute über Generatoren die gewaltige elektrische Leistung von 67 Megawatt.

Strom für alle

Der Strom steht allen Nutzern an Bord gleichermaßen zur Verfügung: dem Passagier, der sich rasiert, den Köchen, die das Menü vorbereiten, und den Schiffsingenieuren, die Strom für den Antrieb abzweigen. Der eigentliche Vortrieb wird von vier in großen Stahlgondeln (englisch: pods) achtern unterhalb des Rumpfs angebrachten Elektromotoren erbracht. Jeder hat eine Leistung von 21,5 Megawatt, macht zusammen gigantische 86 Megawatt. Am vorderen Ende der langgestreckten Gondeln sitzt je ein Zug-Propeller aus Edelstahl. Die Pods sind paarweise angeordnet.

Pod-Antriebe haben unschlagbare Vorteile. Zwei der symmetrisch angeordneten Motor-Propeller-Gondeln sind um 360 Grad drehbar. Mit ihrer Hilfe läßt sich das Schiff steuern, so daß man auf störanfällige Ruder verzichten kann. Es hat sich gezeigt, daß Schiffe mit Pod-Antrieben sehr wendig sind und in Kombination mit Bugstrahlrudern - die "QM2" hat allein drei davon mit je 3,2 Megawatt Leistung - wie auf einem Teller drehen können, ohne die Hilfe von Schleppern.

Vier Motoren zur Disposition

In engen Hafenbecken ein riesiger Vorteil, denn in den Paradiesen dieser Erde gibt es selten geräumige Hafenanlagen und zugstarke Schlepper. Dritter Vorteil: Pod-Antriebe laufen außergewöhnlich ruhig. Liegt die "QM2" im Hafen, erzeugen nur ein oder zwei der Dieselmotoren Strom. Beim Auslaufen, wenn der Bedarf steigt, wird der dritte Motor angestellt, bei mittlerer Fahrt der vierte. Um die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, müssen die beiden Gasturbinen mit je 25 Megawatt zugeschaltet werden. Für Passagierschiffe ist das Pod-System ideal, verspricht es doch Laufruhe, Vibrationsarmut, hohe Sicherheit und exzellente Manövrierfähigkeit (F.A.Z. vom 11. Mai 1999). Deshalb sind sie hier zum Standard geworden.

Die "QM2" ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Schiff. Um sie zu bauen, mußte zunächst Cunard Line wiederbelebt werden. Nur eine Woche nachdem die amerikanische Kreuzfahrtreederei Carnival im Juni 1998 Cunard übernommen hatte, wurde das Projekt der "Queen Mary" bekanntgegeben - ein Zeichen, daß die Pläne längst in der Schublade gelegen hatten. In einem ersten Schritt reservierte sich die Reederei rechtsgültig den prestigeträchtigen Namen "Queen Mary 2".

Bewerbungswettlauf

Für den Neubau bewarben sich alle Werften, die im Passagierschiffbau Rang und Namen haben. Am Ende lieferten sich zwei Schiffbauer ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Harland & Wolff in Belfast, der Erbauer der "Titanic" im Jahre 1912, und Chantiers de l'Atlantique in St-Nazaire an der Loire-Mündung. Die französische Werft hatte 1935 die legendäre "Normandie" abgeliefert, das Traumschiff der französischen Passagierschiffflotte. "In einer perfekten Welt", schrieb die englische Schiffahrtszeitung "Lloyds List" ungewöhnlich nostalgisch, "wäre das neue Schiff - unter britischer Flagge mit britischer Besatzung fahrend und dazu auserkoren, das Flaggschiff der britischen Handelsmarine zu werden - auf einer britischen Werft gebaut worden."

Doch die Welt ist nicht perfekt: Das Rennen machte Chantiers de l'Atlantique wegen ihrer größeren Erfahrung im Bau vergleichbarer Schiffe. Für das britische Element sorgten indessen der Schiff-Designer Stephen Payne, der den gesamten Bau der "QM2" im Auftrag von Cunard Line überwachte, und der künftige Kapitän Ronald Warwick, der auch die beiden mehrtägigen Probefahrten im Herbst 2003 leitete. Dabei wurden unter anderem die Höchstgeschwindigkeit, die Manövrierfähigkeit und die Stabilität durch extreme Fahrmanöver getestet, zum Beispiel Vollbremsung, Fahren eines Kreises, Zickzack-Manöver, Rückwärtsfahrt sowie Vibrationstests unter voller Leistung. Laut Kapitän Warwick waren die Probefahrten ein "voller Erfolg".

Berühmte Vorgängerschiffe namens „Queen

"Queen Mary 2" würde nicht halb soviel Aufmerksamkeit erregen, wären da nicht die berühmten Vorgängerschiffe mit dem Namen "Queen". Sie alle haben Schiffahrtsgeschichte geschrieben, und alle hatten ein ziemlich wechselvolles Schicksal. Bei der "Queen Mary", deren Kiel im Dezember 1930 während der Weltwirtschaftskrise gestreckt wurde, hätte niemand zu prophezeien gewagt, daß sich der Ozeanriese zu einem ausgesprochenen Glücksschiff entwickeln würde. Nach Streiks und Arbeitsstillstand war es am 26. September 1934 endlich soweit: Queen Mary taufte das Schiff auf ihren eigenen Namen.

Eine Anekdote sagt, daß Cunard sich zuvor an den englischen König George V. gewandt hatte und bekanntgab, man trage sich mit dem Gedanken, den Dampfer auf den Namen einer bedeutenden englischen Königin zu taufen (man dachte an Victoria, ohne den Namen zu nennen). Prompt antwortete Georg V., er freue sich sehr, daß Cunard den Dampfer nach seiner Gemahlin "Queen Mary" nennen wolle. Cunard saß in der Tinte und mußte akzeptieren. Diese Ungeschicklichkeit leitete die große Tradition der Taufpaten ein: Insgesamt tauften Mitglieder des englischen Königshauses fünf Cunard-Liner - die neue "QM2" eingeschlossen - auf den Namen einer Queen.

GIs statt Kreuzfahrpassagiere

Der Zweite Weltkrieg brach aus, und "Queen Mary" und ihr inzwischen gebautes Schwesterschiff "Queen Elizabeth" wurden mit einem grauen Tarnanstrich versehen und als Truppentransporter auf dem Nordatlantik eingesetzt. Jedes der beiden Schiffe konnte mit einer einzigen Fahrt rund 10.000 GIs über den Atlantik bringen. Wie man später erfuhr, fuchste es die amerikanischen Militärs über die Maßen, daß sie keine vergleichbaren Schiffe hatten - was der Grund für den Bau der "United States" war, die als schneller Truppentransporter entworfen wurde.

Und noch jemand war von der Existenz der beiden "Queens" nicht gerade angetan: Nazi-Deutschland. Hitler soll seinen U-Boot-Kommandanten für den Abschuß der "Queen Mary" eine Prämie von 250.000 Dollar versprochen haben. Goebbels gab im November 1942 bekannt, daß U-704 die "Queen Elizabeth" versenkt habe. Eine vorschnelle Behauptung. In Wahrheit fuhren die beiden Ozeandampfer, beide etwa 29 Knoten schnell, jedem U-Boot davon. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die beiden "Queens", die längst zu Legenden geworden waren, wieder zu normalen Passagierschiffen umgebaut und konnten erstmals 1947 Seite an Seite den Atlantik überqueren. "Queen Mary" war so beliebt, daß man ihr alles verzieh: die schwarzen Rußwolken auf dem Achterdeck, die starken Vibrationen und das berüchtigte "Queen-Mary"-Schlingern, das zahllose gedeckte Tische leerfegte. Während "Queen Elizabeth" 1972 im Hafen von Hongkong durch Brandstiftung unterging, war ihrem Schwesterschiff ein glücklicheres Schicksal vorgesehen: "Queen Mary" liegt heute als Konferenzschiff im Hafen von Long Beach in Kalifornien. Ihre ursprüngliche Art-deco-Ausstattung blieb bis heute erhalten.

Stilvolle Atlantiküberquerungen

"Queen Elizabeth 2" oder kurz "QE2" genannt (die Ziffer bezieht sich nicht auf Königin Elizabeth II., die sie 1967 taufte, sondern meint das zweite Schiff dieses Namens) konnte sich als letztes Linien-Passagierschiff auf dem Nordatlantik halten und wurde zur Legende für finanzkräftige Reisende, die den Atlantik wie in den dreißiger Jahren stilvoll mit dem Schiff überqueren wollen. All die Jahre hatte sie ein kleines Manko: "QE2" fuhr stets allein, sie hatte kein Schwesterschiff. Wenn im April 2004 "QM2" und "QE2" gemeinsam Seite an Seite über den Atlantik nach Southampton fahren werden, so wie es ihre Vorgängerinnen 1947 erstmals taten, wird die große Tradition der alten Ozean-Linienschiffe wieder lebendig. Der Umstand, daß der Neuling mit 150 000 BRZ (Bruttoregisterzahl) fast doppelt so groß ist wie "QE2" mit ihren rund 70 000 BRZ, wird das Bild nicht trüben können. Diese Fahrt wird einmal mehr zeigen, daß die Wiedergeburt eines alten Mythos gelungen ist.

Im April 2005 plant Cunard ein weiteres Passagierschiff. Es wird den Namen "Queen Victoria" tragen, und man darf annehmen, daß das britische Königshaus auch dieses Schiff taufen wird. Nach 71 langen Jahren kommt die Reederei endlich zu jenem Schiff, das sie bereits 1934 haben wollte. Wenn das kein langer Atem ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2004, Nr. 4 / Seite T1
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