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Kreuzfahrt auf dem Amazonas : Kapitän Armindo und das Meer aus Bäumen

Fitzcarraldo fährt hier nicht mit: Die M/V Aqua unterwegs auf dem Amazonas, der sich an der peruanischen Ostflanke der Anden aus zahllosen Flüssen zum größten Strom der Erde vereinigt. Bild: David Klaubert

Durch den Urwald Perus bewegt man sich am besten auf dem Wasser. So lernt man auch die tierischen Bewohner des Amazonas kennen, denn Menschen gibt es hier nur wenige.

          Bevor Kapitän Armindo auf das Kreuzfahrtschiff stieg, stand er mehr als zwanzig Jahre im Dienste seines Vaterlandes, ein wackerer Unteroffizier der Kriegsmarine Perus. An Bord eines Kanonenbootes herrschte er als Steuermann über die Himmelsrichtungen und entwickelte sich so zum wahren Liebhaber der Kunst und Wissenschaft der Navigation. Er bewunderte die großen Seefahrer, Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, Ferdinand Magellan, die mit Kompass und Quadrant, der Sonne und den Sternen folgend, über die Weltmeere segelten. Welch unermessliche Freiheit! Freiheit, von der Kapitän Armindo nur träumen konnte, denn er hatte all die Jahre nur zwei Möglichkeiten: flussaufwärts oder flussabwärts. Zur See fuhr Kapitän Armindo nie. Er diente bei der Urwaldmarine.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Peru ist ein dreigeteiltes Land: Am Pazifik erstrecken sich dreitausend Kilometer Küste, ein schmaler Streifen, aus dem die Anden emporschießen, steil und karg, wie ein unüberwindlicher Wall stehen sie da am Rand des Kontinents. Und dahinter liegt „la selva“, der Wald.

          Eine Stadt in Katerstimmung: die Promenade von Iquitos.
          Eine Stadt in Katerstimmung: die Promenade von Iquitos. : Bild: David Klaubert

          Kautschukboom im Urwaldkaff

          Ein tiefgrünes Meer aus Bäumen brandet an die Bergketten und füllt die Ebene bis zum Horizont. Dunkle Adern durchziehen den Wald, es sind die peruanischen Oberläufe des Amazonas, des mächtigsten Flusses der Welt, sechzigtausend schiffbare Kilometer immerhin. Auf ihnen patrouillierte einst Unteroffizier und Steuermann Armindo mit einem kleinen Kanonenboot, flussauf, flussab. Auf ihnen kämpfte er gegen maoistische Guerrilleros, gegen marxistische Guerrilleros und gegen den Drogenhandel, aus dem Maoisten und Marxisten gleichermaßen Kapital schlugen. Doch diese alten Schlachten sind vorbei, heute fährt Kapitän Armindo für die Touristen.

          Geboren und aufgewachsen ist der Kapitän in Iquitos, hier lebt er mit seiner Frau, hier kamen seine Kinder zur Welt, hier liegt der Hafen seines Schiffes. Mit 450.000 Einwohnern ist Iquitos die Hauptstadt des peruanischen Urwalds, der fast zwei Drittel des Landes bedeckt, eine Fläche doppelt so groß wie Deutschland. Erreichbar ist Iquitos nur mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug. Eine Straße durch den Wald gibt es nicht. Und so fahren auch in der Stadt kaum Autos, stattdessen surren Schwärme von Mototaxis über den nassen Asphalt, motorisierte Rikschas mit Plastikfolien als Regenschutz. Meist drücken Wolken auf die Häuser, die Luft ist zäh und feucht, sie filtert das Licht und schafft so die passende Beleuchtung: diffus und unwirklich. Nur Fetzen der Erinnerung sind Iquitos von seinem wilden Rausch geblieben, vom Kautschukboom, der das Urwaldkaff in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wachrüttelte. An der Uferpromenade stehen noch ein paar Villen aus dieser Zeit, die Fassaden sind gekachelt mit Azulejos, Fliesen mit bunten maurischen Mustern, handbemalt in Portugal.

          Katerstimmung nach dem Exzess

          Das ehemalige Luxushotel Palace zieren schmiedeeiserne Balkone, überbordender Stuck, eine Treppe aus Carrara-Marmor. Und wenig weiter an der Plaza de Armas, dem Marktplatz, steht ein zweistöckiges Haus ganz aus Eisen, entworfen vom französischen Ingenieur Gustave Eiffel für die Weltausstellung 1889 in Paris. Dort kaufte es ein Kautschukbaron und ließ es in den peruanischen Urwald schiffen, achttausend Kilometer über den Atlantik, 3700 Kilometer den Amazonas hoch. Berauscht vom weißen Saft der Kautschukbäume, den Indio-Sklaven tonnenweise aus den Wäldern holten, schwelgte Iquitos gut dreißig Jahre lang im Exzess, dann war plötzlich alles vorbei. Und noch heute, da Ölfunde und Holzhandel neue Einnahmen bringen, liegt eine merkwürdige Katerstimmung über der Stadt.

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