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Veröffentlicht: 28.03.2017, 12:52 Uhr

Kreuzfahrt Allein unter Amerikanern

Wie fühlt sich eine typische Karibikkreuzfahrt an? Schön. Aber laut! Sieben Tage auf der „Norwegian Getaway“

von Thomas Lindemann
© Getty An der Reling, wenn die Sonne untergeht und 150000 Bruttoregistertonnen in See stechen, sind alle gleich.

Tagelang hört das Ohr kein Wort Deutsch. Und dann steht ein Paar aus dem Sauerland in diesem langen Gang, der bunt blinkt, weil überall links und rechts Spielautomaten aufgebaut sind. Petra und Rainer sind zum fünften Mal auf einer hauptsächlich von US–Amerikanern besuchten Kreuzfahrt. „Das ist einfach etwas anderes als das Herumschippern im Mittelmeer“, sagt er. „Aber der Krach oben an Deck irritiert schon“, findet sie.

Die einen nennen es Krach, die anderen Entertainment-Programm. Bei dem (erschütternd kleinen) Pool auf dem Oberdeck spielen ab mittags DJs, oft wird getanzt, und wer gerade keinen Cocktail dabei in der Hand hält, lässt sich zwischendurch einfach ins Wasser fallen. Wir sind auf dem Kreuzfahrtschiff „Norwegian Getaway“, auf dem Weg von Miami in die Karibik. Die „Getaway“ ist anderthalbmal so schwer wie „Mein Schiff 5“, das jüngste Produkt der Tui Cruises und Europas wahrscheinlich aufregendstes aktuelles Kreuzfahrtschiff. „Die Amerikaner sind einfach fetter“, sagt Rainer, bevor er sich mit seiner Frau in den Hochseilgarten aufmacht, der das Achterdeck überspannt und nicht nur Jugendliche anlockt. Eine Planke ragt dort zweieinhalb Meter über das Schiff hinaus, dort steht man dann, angeseilt natürlich, aber gefühlt in größter Gefahr, 17 Decks hoch über dem offenen Meer.

Action und Superlative – die beiden Ideen, aus denen Amerika ein Kreuzfahrtschiff baut. Norwegian Cruise Lines (NCL) ist von der Passagierkapazität her die viertgrößte Kreuzfahrtgesellschaft der Welt, verfügt über knapp 40 000 Betten. Allerdings hat die in Miami beheimatete Reederei gerade auch noch Prestige Cruises für drei Milliarden Dollar geschluckt und zudem vier weitere Riesenschiffe bestellt. Wir befinden uns mitten im Krieg der Sterne der Kreuzfahrten. Zurzeit sind etwa 300 Hochseekreuzfahrtschiffe auf der Welt unterwegs, bis 2024 werden noch mehr als sechzig weitere gebaut. Die größte deutsche Kreuzfahrt-Reederei, Aida, hält 16 000 Betten und steht international auf Platz neun.

Im Mai in der Ostsee

Und auch wenn Norwegian in Wiesbaden ein Büro unterhält und immer wieder Schiffe nach Europa schickt, in diesem Jahr erstmals sogar fünf, ist die Marke hier nicht sehr bekannt. Das Unternehmen will das ändern, weshalb es nun auch deutsche Journalisten eingeladen hat. Im Mai kommt die „Getaway“ in die Ostsee, fährt fünf Monate lang ab Warnemünde nach Skandinavien und St. Petersburg.

Bisher war das Schiff fest in amerikanischer Hand. Als wir in Miami ablegen, gibt es im Pub „O’Sheehans“, der tagsüber auch Burger und Pommes serviert, ein Treffen für alle deutschen Gäste. Das sieht dann aus wie ein Elternabend, rund 50 sind gekommen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich aber 4000 Passagiere auf dem Schiff. Die meisten Deutschen wollen wissen, ob denn wirklich alles inklusive ist. Doch, doch, mit wenigen Ausnahmen, sagen Sarah und Laura, die man immer am Desk auf Deck 6 ansprechen könne. Weil das deutsche Publikum es so will, bekommt es All-inclusive-Angebote, während die meisten Amerikaner lieber sehr günstig buchen, dann aber jedes Essen und jeden Cocktail bezahlen.

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