Das ist aber sauer, ruft der Junge, nachdem er herzhaft in seinen frisch gepflückten Sauerampfer gebissen hat und jetzt eine Grimasse zwischen Entsetzen und Begeisterung schneidet. Die Zustimmung für die Verkostung hatte er sich zuvor bei der Kräuterfrau Lydia Fritz-Ilg eingeholt. Denn nicht alles, was auf den Almen grünt und blüht, ist für den Verzehr geeignet, und manches steht auch unter Naturschutz. Wie sauer Sauerampfer ist, das hatte die Kräuterfrau dem Jungen freilich nicht gesagt. Denn schließlich geht es immer auch um die Selbsterfahrung, wenn Kinder auf der Spur der Kräuter durch das Kleinwalsertal streifen.
Sie tun das in einer Kulisse, die schöner ist als jedes alpenländische Klischee: Am Horizon thront der mächtige Widderstein, in der Ferne rauscht der Breitach ins Tal, und die Welt mit ihrem Lärm ist so weit weg, als gäbe es sie gar nicht. So kommt es jedenfalls den Erwachsenen vor. Die Kinder hingegen beeindruckt das alles wenig. Sie erkunden lieber im Selbstversuch die Alpenwelt. Schnell werden Schuhe und Socken ausgezogen, und schon streicheln matschige Almwiesen und schmatzende Hochmoore die Kindersohlen. Und dann, auf dem „Pfad der Sinne“ im Alpenkräutergarten in Riezlern, betören auch noch die Düfte der 450 verschiedenen Heilkräuter die Nase, vom Huflattich über Schlüsselblumen bis zu Arnika, allesamt erklärt von Lydia Fritz-Ilg, der Kräuterfee aus dem Kleinwalsertal. Es gibt hier wohl kein Kraut, dessen Namen sie nicht kennt. Im allgemeinen Landlust- und Heimattrend kann sich auch Fritz-Ilg vor Anfragen kaum retten. Ihre Kräuterwanderungen, Seminare und Kinderprogramme rund um die Alpenkräuter sind gefragt wie nie zuvor.
Erst Füße waschen, dann mit Beinwell massieren
„Das sind alles Blumen, Blätter und Kräuter der Region“, sagt Fritz-Ilg und breitet auf der Sonnenterrasse des traditionsreichen Hotels Ifen Beinwell, Rotklee, Schlüsselblumen, Birkenblätter und noch viele andere Pflanzen aus, die sie zuvor mit den Kindern gesammelt hat. Dann erscheint der Chef de Cuisine höchstpersönlich und komplimentiert die Kinder sanft, aber bestimmt in die Küche - nachdem diese gründlich ihre Füße gewaschen haben. Unter fachmännischer Anleitung werden sie aus frischem Alpenkäse und Wiesenkräutern einen Brotaufstrich kreieren, während sich die Erwachsenen, vor allem die Mütter, lieber mit den revitalisierenden Kräften der Kräuter beschäftigen. Als wahre Jungbrunnen entpuppen sich da einige der heimischen Alpenkräuter. „Beinwell zum Beispiel ist eine uralte Heilpflanze aus der Region und wirkt nachweislich zellregenerierend“, sagt Fritz-Ilg, greift zum gelobten Kraut und rührt es in warmes Öl. Ein köstlicher Duft entsteigt der Masse und lässt die Gedanken der Mütter zu den Kindern in der Küche schweifen, während geübte Hände nun mit der Beinwell-Massage beginnen.
Schon der griechisch-römische Arzt Dioskurides schwor auf die Heilkräfte des Beinwell, und Hildegard von Bingen empfahl das Kraut sogar als eine der wertvollsten Heilpflanzen überhaupt. Einst vor allem als Wundermittel gegen eiternde Wunden eingesetzt, wird Beinwell jetzt für die Schönheitspflege entdeckt. So ganz hat sich aber der Wellness-Trend mit regionalen Kräuterauszügen noch nicht durchgesetzt. „Ayurveda-Massagen bieten wir schon auch an, das wünschen viele Gäste, und der Gast ist König“, sagt die Physiotherapeutin, während sie die letzten Muskelpartien mit dem belebenden Alpenöl traktiert.
Das Aroma der Calendula erschnuppern
Damit sich der Geist der Zeit ändert und die Erwachsenen von morgen die Heilkraft heimischer Gewächse früh entdecken, sollen die Kinder ein Sälbchen aus Ringelblumen zubereiten. Auch die Heilkraft der Calendula officinalis, wie die Ringelblume wissenschaftlich heißt, wurde schon von den Heilkundigen der Antike und später von Hildegard von Bingen gepriesen, vor allem die Fähigkeit der Pflanze, kleine, frische Wunden wieder zu verschließen. Eifrig werfen die Kinder getrocknete Calendula-Blüten in ein Gefäß mit Olivenöl und beobachten gebannt, wie sie sich beim Erhitzen entfalten. Dann halten sie ihre Nasen über den aufsteigenden Dampf und warten ungeduldig, bis sie das Aroma erschnuppern. Mit aufgelöstem, warmem Bienenwachs ist die Salbe dann schnell zusammengerührt und einsatzbereit für den nächsten Tag: eine Kräuterwanderung am Bachlauf, man weiß ja nie, was da passiert.
Entlang der Breitach von Baad zur Bergunthütte soll es gehen, im Schatten des Waldes, der den Wildbach säumt und für einen ganz anderen Kräuterwuchs sorgt als die Alm. Man überquert eine kleine Brücke, verlässt die Zivilisation und taucht in eine ungestüme Wildnis ein. Schmelzwasser, das von allen Seiten in den Wildbach dringt, lässt die Gischt tosen und die begeisterten Kinder die Kräuter zunächst vergessen.
Knoblauchsrauke, so lecker wie Bärlauch
Beim Hinunterrennen an den wenigen flachen Stellen werfen sie Stöcke und Steine ins Getöse, verfolgen die Wege von rasch aus Blättern und Ästen zusammengesteckten Schiffen und legen dabei ein Dreifaches des eigentlichen Weges zurück, wobei sie kurz zuvor noch über die einfache Strecke gemault hatten. Die Zeit der Schiffsmanöver nutzt Fritz-Ilg, um nach Kräutern Ausschau zu halten, und sie muss nicht lange suchen. Mit jugendlichem Elan klettert die Mittvierzigerin das Steilufer hinab und hält bei einer Gruppe von üppigen, weißen Wedeln inne, die von großlappigen Blättern umrahmt sind. „Diese schöne Blume ist die weiße Pestwurz, sie hilft nachweislich gegen Geschwüre und fördert die Wundheilung. Auch gegen Migräne und Allergien ist ihre Wirkung inzwischen belegt“, sagt sie und lässt ein paar Exemplare in ihrem Korb verschwinden.
Bald haben die Kinder genug Schiffe versenkt und wollen das Kraut probieren. Doch daraus wird nichts, Pestwurz ist nicht zum Verzehr geeignet. Noch bevor die Kinder protestieren können, bückt sich Fritz-Ilg zu einem anderen, unscheinbaren Kraut hinunter, das entfernt an eine Brennnessel erinnert, von zarten weißen Blüten gekrönt ist und einen leichten Knoblauchduft verströmt. „Das dürft ihr probieren“, versöhnt Fritz-Ilg die Kinder. „Das schmeckt wie Knoblauch“, ruft ein Junge. „Nein, wie Bärlauch“, kontert ein Mädchen. „Stimmt beides“, schlichtet Fritz-Ilg: „Das ist Knoblauchsrauke, genauso lecker wie Bärlauch, und beides schmeckt nach Knoblauch.“
Die Pflanze ist einfach zu erkennen und mit keiner giftigen so leicht zu verwechseln. In Windeseile haben die Kinder den Korb mit der duftenden Rauke gefüllt. „Aua“, ertönt es da. Die Ernte hat Spuren hinterlassen auf zarten Kinderhänden - zwar keine wirklich sichtbaren, aber gut, dass die Ringelblumensalbe dabei ist, mit der nun alle Kinderhände versorgt werden müssen.
Alpenheilkräutergarten: Auf dem Schau- und Lehrgarten, auch als „Pfad der Sinne“ bekannt, werden jeden Mittwoch von Mai bis Oktober Kräuterführungen angeboten. Sie beginnen immer um 11 Uhr und dauern etwa eine Stunde. Der Kräutergarten gehört zum Alpengasthof Hörnlepaß, Außerwald 1, A-6991 Riezlern, Telefon: 0043/ 5517/57070.
Unterkunft: Travel Charme Ifen Hotel, Oberseitestraße 6, A-6992 Hirschegg, Telefon: 0043/5517/ 6080, E-Mail: ifen@travelcharme.com; Zimmer ab 132 Euro pro Person. Lydia Fritz-Ilg arbeitet mit dem Hotel exklusiv zusammen. Individuelle Vereinbarungen sind möglich.
Kinderwanderungen: Der Kräuterkursus mit Lydia Fritz-Ilg (Telefon: 0043/5517/6826) kostet inklusive Sammeln und Trocknen der Kräuter sowie dem Ansetzen von Körperpflegeölen und Tinkturen 18 Euro pro Kind.
Informationen: Weitere Termine und Angebote für Kinder gibt es beim Kleinwalsertal Tourismus, Walserstraße 264, A-6992 Hirschegg, Telefon: 0043/5517/51140, info@kleinwalsertal.com, http://www.kleinwalsertal.com.