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Korsische Ostern Das Kreuz mit der Passion

Zu Ostern wandern auf Korsika Bruderschaften durch Altstadtgassen, Schwerverbrecher in Ketten tragen Kreuze, und Prediger wettern gegen den Unglauben - ein Inselrundgang.

© Claudia Diemar Vergrößern Wenn die Bruderschaften wandern: Prozessionen ziehen durch Bonifacio, manchmal fünf gleichzeitig.

Die Fastenzeit verlangt Duldsamkeit. Nicht nur auf der Strecke nach Paris, auch auf dem Weiterflug nach Bastia ist nur noch ein Mittelplatz frei. Am Gang sitzt ein Pykniker im schwarzen Anzug mit kugelrundem Kopf. Kaum dass sich der Jet von der Rollbahn hebt, schläft er ein. Doch er schlummert nicht sanft, sondern schnarcht in geräuschvollen Kadenzen, die von Apnoe-Pausen unterbrochen und von Atemschnappern beendet werden.

Bastia dagegen, die zweitgrößte Stadt Korsikas, döst in stummer Anmut in der Frühlingssonne. Die Judasbäume stehen in voller rosavioletter Blüte, als könnten sie sich nicht entscheiden zwischen Eitelkeit und frommer Passion. Bastia ist nicht die Hauptstadt, aber das Zentrum von Handel und Wandel der Insel. Hier ist der größte Hafen, hier werden die Geschäfte gemacht. Doch kurz vor Ostern setzt die Umtriebigkeit aus. Der Lärm ebbt ab. Selbst die Fähren schieben sich nun fast lautlos an den Kai. Bastia wird so still, als wolle es zur Osterzeit in sich gehen.

Stärkung mit Käsekuchen

In Bonifacio passiert genau das Gegenteil. Den Winter über liegt der windumtoste Ort auf dem Kalkfelsen in einem agonischen Schlaf. Nur noch siebenhundert Einwohner harren in den alten Häusern aus, die auf der Felskante balancieren. Spätestens am Gründonnerstag aber ist Bonifacios Winterschlaf beendet. Die eisernen Rollläden der Boutiquen rasseln zum ersten Mal seit Monaten wieder nach oben. Die Inhaber putzen Regale, wischen den Boden und stellen die Postkartenständer hinaus. Überall riecht es nach chlorig scharfem Javelwasser, mit dem sich die Stadt vom Schlendrian der letzten Monate reinigt. Die Restaurants haben wieder geöffnet. Im Stella d’Oro wirft Köchin Anna Ettori, ein agiles Großmütterchen, nach langer Pause zum ersten Mal den Herd an, serviert gratinierte Muscheln, Auberginen nach Bonifacio-Art und hausgemachte Lasagne. Zum Dessert gibt es Fiadone, einen Käsekuchen aus frischer Schafsmilch.

Stärkung ist nötig, denn der Abend wird lang. Wenn die Gassen in tiefer Dunkelheit liegen, beginnen die Prozessionen der fünf Bruderschaften. „Früher“, erklärt Pierre Gazano, der der Confrérie de Sainte Marie-Madeleine angehört, „war es Aufgabe der Bruderschaften, sich um die Armen zu kümmern, sie mit Essen und Obdach zu versorgen.“ In Monsieur Gazanos Confrérie bemühte man sich, nomen est omen, um notleidende alleinstehende Frauen. Seit der Staat derlei karitative Aufgaben übernommen hat, sei die Bruderschaft nicht mehr als eine Art Club, dessen Mitglieder einmal im Jahr zur Osterzeit in Büßergewändern der Passion Christi gedenken und schwere hölzerne Figurengruppen auf ihren Schultern tragen.

23791474 © Claudia Diemar Vergrößern Bonifacio über den Steilklippen: Zu Ostern erwacht die Stadt aus dem Winterschlaf.

Der Schnarcher hält die Monstranz

“Nach den ursprünglichen Regeln hätte ich die Bruderschaft nach meiner Scheidung verlassen müssen, aber die Maßstäbe für das geforderte untadelige Verhalten werden heute freier interpretiert“, sagt Gazano, der uns nun verlassen muss, um das grünblaue Bußgewand für die Prozession anzulegen, die in Bonifacio bereits am Abend des Gründonnerstags beginnt. Jede Confrérie zieht mit mehreren Dutzend Mitgliedern durch die engen Gassen. Eigentlich sind also fünf kleinere Prozessionen gemeinsam unterwegs, die ab und zu ihren Zug für eine Andacht in einer der Kirchen der Altstadt unterbrechen. Als sanft-beruhigendes Lamento ertönt der Wechselgesang mit der Bitte um göttliche Verzeihung zwischen Vorsänger und Gefolge: „Perdono mio Dio, mio Dio perdono.“

Der Schnarcher aus dem Flugzeug, ausgeruht von seiner Siesta über den Wolken, führt einen der Züge als Geistlicher an. Er hält die noch mit einem Tuch verhüllte Monstranz in die Höhe. Erst kurz vor Mitternacht lösen sich die Züge auf. In der Dominikanerkirche liegt der gemarterte, vom Kreuz abgenommene Christus auf einem Bett aus weißer Spitze, als wollten die Gläubigen ihm das Schlimmste ersparen, das doch eigentlich noch bevorsteht. In den Mausoleen des Cimetière Marin, des Friedhofs hoch über der See, brennen Kerzen für die Verstorbenen.

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Veröffentlicht: 27.03.2013, 17:15 Uhr