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Veröffentlicht: 27.01.2017, 17:31 Uhr

Norwegen Kommt, wir putzen die Arktis!

Wer dem Land, das er bereist, etwas zurückgeben möchte, der nimmt als Kreuzfahrer Müll mit. Die Eisbären rund um die Inselgruppe Spitzbergen haben nämlich schon genug Probleme.

von Kirsten Panzer
© Mario Hoppmann/Alfred-Wegener-Institut/dpa Das wichtige Sommereis ist geschrumpft. So zieht es den Eisbären immer weiter nach Norden. Manche bleiben auch unfreiwillig auf dem Land und verpassen die Abdrift des Eises. Dann wird der Sommer hart für sie.

Ein Uhr nachts, und die Sonne blendet noch immer. An Schlaf ist mehr als sechshundert Kilometer nördlich des Polarkreises auch nach Mitternacht nicht zu denken. Die Landschaft ist so überwältigend, dass man sich nicht von ihr losreißen kann. Viele Passagiere stehen an Deck und versuchen gar nicht erst, in den abgedunkelten Kabinen Schlaf zu finden. Es gilt vielmehr, die Bilder, die sich hier am nördlichen Zipfel der Erde zeigen, für immer ins Gedächtnis zu brennen und nie wieder zu löschen. Die Gespräche an der Reling der MS Ortelius sind schon lange verstummt. Hin und wieder klirrt ein kleines Stück Eis im Gin Tonic, während der Bug des Schiffes am Eisrand der Arktis kratzt. Weit nach Norden musste es dafür fahren, hinauf bis über den 81. Breitengrad, Spitzbergen oder besser Svalbard, wie die Norweger die Inselgruppe nennen, liegt achteraus. Vor uns irgendwo der Eisbär. Ihn noch einmal hier draußen in der Weite zu sehen ist das Ziel der nächsten Tage.

Das größte auf dem Land lebende Raubtier wandert im Frühjahr mit dem Eis hinaus aufs Meer. Dort liegen seine Jagdgründe, dort tummeln sich die Robben, die auf seinem Speiseplan stehen. Um seine Beute zu erwischen, braucht der weiße Bär das Eis. Auf den Schollen lauert er. Ein Atemzug kann für die Robben tödlich sein. Das Leben in der Arktis ist gefährlich, inzwischen aber auch für den Polarbären. Denn das Eis, auf dem er lauert, muss dick genug sein, um das schwere Tier zu tragen. Und dick ist gleichbedeutend mit alt. Das Eis, das inzwischen auf dem Polarmeer schwimmt, ist jung, zumindest am Rand. Das wichtige Sommereis ist geschrumpft. Es braucht viel Zeit, bis sich neues bilden kann. Und so zieht es den Eisbären immer weiter nach Norden, wenn er den Absprung rechtzeitig schafft. Manche bleiben auch unfreiwillig auf dem Land und verpassen die Abdrift des Eises. Dann wird der Sommer hart für sie. Denn hier tauchen die Robben zu schnell ab in die Tiefe. Eiderente und Eisente sind dann auf Dauer auch keine Lösung, zumindest nicht für hungrige Eisbären.

44277815 © Kirsten Panzer Vergrößern Nur zu Besuch im Bärenland: Er ist hier der Chef, und wir stehen auf seiner Speisekarte.

Nummer 74 zum Beispiel ist an Land geblieben. Auf ihrem Hinterschinken trägt sie die Nummer, früher war sie dazu noch mit einem Senderhalsband markiert, doch das hat sie mit den Jahren verloren. Man kennt sich also. Sie hat das Packeis verpasst. Es ist nicht das erste Mal. Bei Virgohamna auf der kleinen Insel Danskøya vor der Nordwestecke Spitzbergens streunt sie herum, hungrig und ein bisschen dünn für einen Eisbären, selbst für einen weiblichen im arktischen Sommer. Immer wieder steht sie an der äußersten Landspitze und schaut aufs Meer. Man könnte meinen, sie wartet auf die Rückkehr des Eises, jetzt mitten im Sommer auf Spitzbergen - oder auf Touristen, die mit ihren Zodiacs anlanden wollen. Bei Eisbären steht der Mensch auf der Speisekarte. Der ist nicht ganz so schmackhaft wie eine ordentliche Bartrobbe, recht klein und weniger fett, aber Fleisch bleibt Fleisch, zumindest für hungrige Bären.

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