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Deutschlands sieben Weltwunder : Die Wucht am Rhein

So filigran wie die Stalagmiten einer Tropfsteinhöhle, so mächtig wie ein Gewitter aus Stein: Säulen, Bögen und Rosetten an der Westfassade des Kölner Doms. Bild: Reinhard Matz

Der Kölner Dom war von Anfang an mehr als nur ein Gotteshaus. Er war Nationaldenkmal, Einheits-, Friedens- und Fortschrittssymbol, Monument für den politischen Machtanspruch der Erzbischöfe. Doch wofür steht er heute?

          Der sicherste Weg zu ihm führt über die Rolltreppe. Der sicherste, um verunsichert, um erschüttert zu werden, aus der U-Bahn-Station Dom/Hauptbahnhof auf den Kardinal-Höffner-Platz. Und während der Fußgänger hinauffährt, dreht sich der Kopf bis zum Anschlag in den Nacken, und die Augen fahren mit. Nur schneller, steiler, höher, bis an die Spitze der Zwillingstürme, die links neben ihm aufsteigen, die senkrecht in den Himmel stürmen. Nicht nur im Mondenschein, so Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, ragt der „kolossale Geselle“ „verteufelt schwarz empor“. So eindrucksvoll, erschlagend und überwältigend, dass es die Vorstellung übertrifft. Jedes Mal wieder.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Das Städtische Verkehrsamt im Rücken, hat der Betrachter dessen Vorzeigestück vor Augen. Und staunt. Über die schiere Größe. Über die imposante, mehr als sechzig Meter breite Westfassade. Über die rationale, stilreine gotische Architektur, über die 157 Meter hohen Türme und ihre feingliedrigen Maßwerkhelme. Über die zahlreichen Einzelheiten in Grund- und Aufriss, streng geordnet in ihrer Einheitlichkeit. Notre-Dame ist überschaubar dagegen, das Ulmer Münster zwar fünf Meter höher, doch hat es nur einen Turm; in Straßburg wurde die zweite Spitze nie realisiert. Das Vorbild, die 1220 begonnene Kathedrale von Amiens, wird übertroffen, Meister Gerhard, der erste Architekt, hat sie intensiv studiert. Der Kölner Dom ist, auch wenn er erst 1880 vollendet wurde, die – so der frühere Dombaumeister Arnold Wolff – „vollkommene Kathedrale“. Einzigartig, unvergleichlich, perfekt.

          Doch nur vor der Westfassade ist diese Größe, diese Wucht, diese Erhabenheit noch zu spüren und zu erleben. Denn 1970 wurde der Dom auf eine Platte gestellt – und damit vom Sockel geholt: auto- und fußgängergerecht, auf eine große Flanierzone, die auf einer zweistöckigen Garage steht. Statt über eine breite, repräsentative Treppe wird das Gotteshaus seitdem durch das Hauptportal auf gleicher Ebene betreten, antihierarchisch und demokratisch, Städtebau der sechziger Jahre, als Höhenstufungen und Aufgipfelung nicht mehr gefragt waren. Auch ein Reflex auf den Nationalsozialismus. Verständlich, politisch korrekt und aller Ehren wert. Doch die Nivellierung hat den Dom von der Stadt isoliert und ihm etwas von seiner Monumentalität genommen, von diesen mehr als vierhunderttausend Kubikmetern umbauten Raum. Es ist der Versuch einer Degradierung und Domestizierung, die ihn nicht kleinkriegt und ihm doch zusetzt: Von Süden, vom Roncalli-Platz aus betrachtet, an dessen Ende erst vor ein paar Wochen – wie beschaulich – Bänke aufgestellt wurden, sieht es aus, als hätte man die gotische Kathedrale auf ein Tablett geschoben. Lego lässt grüßen.

          Was ist es, das die Menschen heute fasziniert?

          Der Kölner Dom ist die beliebteste Sehenswürdigkeit in Deutschland. Sieben bis acht Millionen Menschen besichtigen ihn jedes Jahr, die Dresdner Frauenkirche, das Brandenburger Tor und Schloss Neuschwanstein folgen auf den Plätzen. Im Schnitt sind es zwanzigtausend Besucher täglich, mehr als die größte mittelalterliche Kirche der Christenheit verkraften kann. Aus der ganzen Welt kommen sie angereist: Pauschaltouristen aus China, Gewerkschaftler aus Polen, Architekturstudenten aus Italien, Pfadfinder aus den Niederlanden, Ordensfrauen aus Indien.

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