In Stundennähe des Frankfurter Flughafens hat man Chile und Australien direkt vor der Nase. Muß das deutsche Drehkreuz nicht von Hamburg, Berlin oder München aus anfliegen und hat laut Fahrplan lediglich eine gute Stunde auf der Rheintrasse zwischen Koblenz-Hauptbahnhof und Frankfurt/Main-Flughafen-Fernbahnhof zu überwinden.
Doch der Bahngast mit festen Abflugzeiten hat sich inzwischen daran gewöhnt, vor jedem Flug zusätzlich Zeitpuffer einzukalkulieren. Er ist mit der Bitte um Verständnis und dem Arsenal der Begründungen für die regulären Zugverspätungen längst vertraut: Verzögerung im Betriebsablauf, Signal-, Lok-, Oberleitungs-, Gleiskörperschaden, Blitzeinschlag, Hochwasser, Schneewehen. Neuerdings kommen Arzteinsätze und Personenermittlungen hinzu.
Totalausfall des Stellwerks
Einmal fuhr der IC ab Frankfurt/Main-Fernbahnhof, Abfahrt 13.58 Uhr, mit etwa vierzig Minuten Verspätung ab. Das hat den ebenfalls mit Verspätung ankommenden Fluggast aber nicht lange gefreut. Denn der Zug fuhr nicht in Richtung Mainz und Koblenz, sondern zurück, drehte eine Schleife über Frankfurt-Niederrad, fuhr gemächlich an Wiesbaden vorbei und hielt noch mal in Mainz-Mombach.
Die Kreuzfahrt durch das Rhein-Main-Gebiet war einem Totalausfall des Stellwerks Mainz-Bischofsheim zu verdanken, sagten die Zugbegleiter und überreichten für die Verspätungsstunde Gutschriften, als handele es sich um vorgezogene Anteilscheine am Unternehmen. Und was ist mit den Fahrgästen in Gegenrichtung, die nun ihren Flug versäumen? Achselzucken des Zugbegleiters. Der Mann vom Serviceteam im verrauchten Bistro hatte schließlich die richtige Antwort: Wenn Sie grundsätzlich sicher gehen wollen, sollten Sie einen Tag vorher anreisen. Also: Umziehen nach Hamburg, Berlin oder München, für durchschnittlich 200 Euro übernachten, die deutsche Autobahn nutzen oder rechtzeitig mit dem Esel aufbrechen.