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100 Jahre Cabaret Voltaire : Die Wilden in der Spiegelgasse

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Früh morgens trifft sich der harte Kern im Cabaret Voltaire zur Dada-Soiree. Früher ging es bis spät weiter und tief in die Nacht hinein. Bild: Friedemann Bieber

Vor hundert Jahren eröffneten Hugo Ball und Emmy Hennings in der Altstadt von Zürich die Künstlerkneipe Voltaire. Sie wurde der Geburtsort von Dada.

          Wie eine Kulisse erheben sich die gedrungenen Häuschen, formen eine schmale Gasse, durch die der Wind fegt. Dunkel ist es, kalt und gespenstisch still, hier, mitten im Niederdorf, der Altstadt von Zürich. Eine Glocke schlägt, einmal, zweimal – halb sieben Uhr morgens. Kein Mensch ist zu sehen. Doch. Dort, weiter vorn, vor einem beigefarbenen Haus drücken sich mehrere Gestalten in eine Türnische, über der steht: „Cabaret Voltaire“. Ein Mann in dunklem Anzug hantiert am Schloss, die Tür springt auf, drei Gestalten huschen hindurch, zwei junge Frauen, ein weißhaariger Mann.

          Über die knarzende Treppe steigen sie ins erste Geschoss, so leise, wie das eben geht. Keiner macht Licht. Von draußen dringt der Schein einer Straßenlaterne in den Raum: Er ist groß, überall Tische, die Stühle sorgfältig nach oben gestellt. Die Frauen legen ihre Jacken ab, schauen sich um. Dann passiert – erst mal nichts. Niemand spricht. Irgendwann Schritte, jemand poltert die Stufen hoch. Alle schauen zur Treppe, ein Mann, die silbernen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, tritt ein, bleibt stehen, schaut sich verwundert um: „Sind Sie auch wegen Wassily Kandinsky hier?“

          Ein undefinierbarer Rausch verrückter Emotionen

          Jeden Morgen um sechs Uhr dreißig öffnet das Cabaret Voltaire jetzt seine Tür, lädt die Welt zum Offizium, um der Männer und Frauen zu gedenken, die den Dadaismus begründet haben, diese Revolte gegen die Vernunft, irgendwie Kunst, irgendwie Unsinn, dieser Urknall der Moderne, der durch die ganze Welt hallte. Detoniert ist er hier, im ersten Stock des Cabaret Voltaire, vor hundert Jahren. Während Europa im Krieg versank, eröffneten Hugo Ball und Emmy Hennings, zwei mittellose deutsche Emigranten, in der Spiegelgasse, mitten in Zürichs Vergnügungsviertel, die Kneipe Voltaire. Als Ort, an dem Künstler für „musikalische und rezitatorische Vorträge“ zusammenkommen, bewarben sie ihr Lokal in der „Neuen Zürcher Zeitung“, am ersten Abend spielten sie Brahms.

          Dada als haarstärkendes Kopfwasser: Das wurde dem Bürgertum bald zu viel.
          Dada als haarstärkendes Kopfwasser: Das wurde dem Bürgertum bald zu viel. : Bild: dpa

          Doch schon drei Wochen nach Eröffnung schlitterte das Kabarett dem Wahnsinn entgegen. „Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt. Das kleine Kabarett droht aus den Fugen zu gehen und wird zum Tummelplatz verrückter Emotionen“, schreibt Ball. Die Dadaisten lesen Simultangedichte, führen Gesänge zu exotischen Trommelschlägen auf, schreiten in phantastischen Masken zum Tanz. „Was wir zelebrieren, ist eine Buffonade und eine Totenmesse zugleich“, notiert er. „Unser Kabarett ist eine Geste. Jedes Wort, das hier gesprochen und gesungen wird, besagt wenigstens das eine, dass es dieser erniedrigenden Zeit nicht gelungen ist, uns Respekt abzunötigen.“

          Der Mensch als unverstandener Irrenhauskandidat

          Nach ein paar Minuten stapft Adrian Notz die Treppe hoch, in der Hand ein Manuskript. Notz, Mitte dreißig, schwarzes Hemd, schwarzer Sakko, kurze Haare, Dreitagebart, ist der Direktor des Cabaret Voltaire, das es seit gut zehn Jahren wieder gibt, nun als selbständiges Kulturzentrum mit Bar. Notz führt die Besucher an einem langen Tresen vorbei in den hinteren Teil des Raums, knipst das Licht an, nimmt die Stühle herunter, schiebt einen Tisch beiseite.

          „Wir sind hier zusammengekommen, um an Wassily Kandinsky zu erinnern“, sagt Notz, ernst, aber nicht theatralisch. Kandinsky war zwar kein Dadaist, zählt für Notz aber – wie auch Albert Einstein, James Joyce und Charlie Chaplin – zu den „Überdadaisten“, Menschen, die Einfluss auf die Gruppe hatten oder damals auch in Zürich lebten. In zwei Sätzen fasst Notz Leben und Werk des Russen zusammen, dann dreht er sich vom Publikum weg, zur Wand. Dort hängt, über dem flackernden, falschen Kamin das Porträt von Hugo Ball als magischer Bischof im kubistischen Kostüm. Das Publikum im Rücken, liest Notz aus Kandinskys Text „Über das Geistige in der Kunst“.

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