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Klettersport Der Weg nach oben ist ein Weg nach innen

09.05.2008 ·  Die Miniatur eines Hochgebirges: Das Elbsandsteingebirge lockt mit bizarren Felsformationen. Wer dort klettern will, muss sich seiner Sache sicher sein. Dennoch: Der Seelenfrieden kommt vor dem Schwierigkeitsgrad.

Von Tom Dauer
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Es ist noch früher Morgen, warmer Regen hat die Frühjahrsluft gereinigt, es riecht nach Moos und frischem Laub, die Sonne zaubert Lichtperlen auf den Amselsee. Bernd Arnold sieht das alles nicht, er hat es eilig. Vom Uferweg wendet er sich nach links, dem Pfad in den Raaber Kessel folgend. Zwischen Fichten und Buchen schimmert das Grau der Felstürme hindurch: Gansscheibe, Raaber Turm, Eule, die Überreste mächtiger Sandmassen, abgelagert vor hundert Millionen Jahren, zu Stein gepresst, emporgehoben, zerklüftet, gespalten, dann wieder glatt geschliffen vom Wind und vom Wasser.

Zusammengebacken zu Schluchten, Kaminen, Rissen, Felsbändern und Überhängen. Die Miniatur eines Hochgebirges: Weshalb man die Felsen des Elbsandsteingebirges auch nicht Felsen, sondern Gipfel nennt. Am Fuße einer achtzig Meter hohen ockergelben Mauer legt Arnold seinen Rucksack ab. Er ist am Ziel, endlich. „Der Höllenhund“, sagt er, „meine Wand.“

Felsentürme in Mischwäldern

Er hätte auch „meine Heimat“ sagen können. Das ist ihm die Landschaft südöstlich von Dresden, zwischen Pirna und der deutsch-tschechischen Grenze, die er als Zwölfjähriger zu erkunden begann. Damals sicherten er und seine Freunde ihre Kletterausflüge mit der Wäscheleine der Mutter. Die Entdeckungstouren, gespeist von jugendlicher Neugier, wurden ihm im Laufe der Jahre zur sportlichen Herausforderung, später dann zu einer inneren Notwendigkeit. Arnold hat mehr als neunhundert neue „Wege“, wie die Kletterrouten im Elbsandsteingebirge heißen, erstbegangen. Wichtiger als Schwierigkeitsgrade aber ist ihm, dass er beim Klettern seinen Seelenfrieden findet. Denn ein Kletterer, sagt Arnold, sich auf Novalis berufend, „erfährt dann die tiefste Befriedigung, wenn sich der Weg nach oben als ein Weg nach innen erweist“.

Arnold teilt diese Empfindung mit vielen, die sich die Sächsische Schweiz erschlossen. Ein Kupferstecher aus St. Gallen, im Jahr 1766 an die Dresdner Kunstakademie berufen, gab der Landschaft ihren Namen. Vielen Besuchern gilt sie seither als Synonym für das Schöne schlechthin. Eine Ideallandschaft, die der Mensch zwar seit dem sechsten Jahrhundert mit Ackerbau und Holzwirtschaft gestaltet, sich aber nie ganz angeeignet hat. Nicht jedenfalls die aus den Mischwäldern hervorspitzenden 1106 Felsentürme.

Auf dem Waldboden sortiert Arnold sein Klettermaterial. Woanders würden jetzt Karabiner, Klemmkeile, Haken aneinanderklimpern. Doch es bleibt still, denn Arnold breitet neben Seil und Klettergurt nur ein Sortiment Reepschnüre vor sich aus. Jede ist mit einem Knoten zu einer Schlinge gebunden. Beim Klettern muss Arnold die Knoten in die Risse klemmen, in die Schlingen Karabiner einhängen und in die Karabiner das Seil. Metallene Klemmkeile, die das weiche Gestein eindrücken oder absprengen könnten, sind im Elbsandsteingebirge verboten.

Ohne Leitern, ohne Stufen, ohne Wurfanker

Anders als in den meisten Klettergebieten, in denen der Vorsteiger alle zwei Meter seine Nerven an einem Bohrhaken beruhigen kann, stecken im Talweg an der Südwestwand des Höllenhunds nur zwei Eisenringe. Der erste in zwanzig Meter Höhe. Ein Sturz kann auf dem Boden enden, nicht im Seil. Wer im Elbsandsteingebirge einen Weg machen will, muss sich seiner Sache sicher sein.

Klettern als Abenteuer, das die Möglichkeit einer Verletzung, auch des Todes akzeptiert. Das gibt es, seit sich der Klettersport in Hallen und Mittelgebirgen zum risikolosen Breitensport entwickelt hat, auf deutschem Terrain fast nur noch in Sachsen. Weil das Elbsandsteinklettern traditionellen Vorgaben seit dem Jahr 1874 folgt. Der Steinmetzpolier Otto Ewald Ufer und sein Begleiter Frick stiegen damals über den Südostweg auf den Gipfel des Mönchs. Andere hatten es schon vor ihnen nach ganz oben geschafft. Aber Ufer und Frick waren die Ersten, die bewusst und ohne Hilfsmittel kletterten: Ohne Leitern, ohne Stufen in den Sandstein zu schlagen, ohne Wurfanker. Vertrauend auf die Kraft der Finger, Hände, Arme und Beine, das Seil allein zur Sicherung benutzend. In freier Kletterei - die in Sachsen erfunden wurde und bis heute als Ideal gilt, weltweit.

Plötzlicher Besuch von langhaarigen jungen Männern

Das einzige Hilfsmittel, das Arnold sich erlaubt, ist sein Schuhlöffel. Er hat ihn wegen der engen Kletterschuhe immer im Rucksack. Arnold, klein, durchtrainiert, ist einundsechzig Jahre alt. Man sieht ihm das nicht an. Man ahnt es nur, wenn er die runde, randlose Brille in die Stirn schiebt. Dann werden die Falten sichtbar, die sich um seine Augen herum in der Haut verästeln. In Hohnstein, am Rande des Elbsandsteingebirges, kam Arnold zur Welt. Im Haus seines Großvaters, in dem er heute noch lebt. Er ist einer, der Traditionen schätzt und sich deshalb stets dem Ideal des Freikletterns verpflichtet sah.

Im November 1967 machte Arnold mit der Violetten Verschneidung seinen erste von sieben neuen Wegen am Höllenhund, an „seiner“ Wand. Reisen ließ ihn, der so gern die Berge der Welt kennengelernt hätte, die DDR nicht. Dafür trieb Arnold die Schwierigkeitsgrade des sächsischen Felskletterns immer weiter nach oben. Von Beginn der siebziger Jahre an wurde in europäischen Klettererkreisen von kaum gesicherten Routen gemunkelt, die hinter dem Eisernen Vorhang erstbegangen würden. Arnold bekam plötzlich Besuch von langhaarigen jungen Männern in Latz- und Lycrahosen; Engländer, Franzosen, Amerikaner, die an seinen Gipfeln den großen Nervenkitzel suchten. „Es heißt immer, der internationale Besuch hätte mich zu noch schwierigeren Wegen inspiriert“, sagt Arnold. „Das kann man umgekehrt genauso sehen.“

Mit allen Sinnen kletternd

Sorgfältig streift er den Sand von den Sohlen seiner Kletterschuhe. Um sich einer guten Reibung zu versichern und um den Sandstein nicht abzunutzen. Dann steigt er eine nach links ziehende Rampe empor. So leichtfüßig und selbstverständlich, als ob er auf einer Wiese spazieren ginge. Das sind die ersten Meter des Talwegs, erschlossen 1955, von weitem nur eine gerade Linie in senkrechter Wand. Doch der helle Sandstein bildet wabenartige Strukturen, die den Fingern als Griffe und den Füßen als Tritte dienen. Zügig, mit raumgreifenden Bewegungen, zieht und drückt sich Arnold nach oben. Mit allen Sinnen kletternd: mit dem Auge, das den Weiterweg ausspäht; mit den Ohren, die das Knirschen zwischen Sohle und Fels registrieren; mit der Nase, die den Geruch des Gesteins atmet; und mit den Händen, die die Wärme spüren, von der Sonne erzeugt und vom Sandstein gespeichert.

Ein Naturerlebnis, das an schönen Wochenenden nicht nur von Extremkletterern, sondern auch von Senioren, Familien, Pärchen gesucht wird. Dann gehen die Dresdner bergsteigen, auf welchen Wegen ist egal, Hauptsache, sie erreichen einen Gipfel. So schreiben es die Regeln vor: Ein Weg, wie leicht oder schwer auch immer, muss am höchsten Punkt eines Felsens enden. In anderen Klettergebieten hören die Routen dort auf, wo die Schwierigkeiten überwunden sind. Da geht es um den Sport. Im Elbsandsteingebirge aber geht es um das Gipfelerlebnis.

Das letzte Stück Weg ist leicht

Vierzig Meter über dem Boden turnt Arnold von Griff zu Griff. Elegant sieht das aus. „Ich muss bewusster klettern als früher“, sagt er. Ein Becken- und ein Wirbelbruch, ein kaputter Ellbogen und verschlissene Schultern, die er sich beim Klettern zugezogen hat, zwingen ihn dazu. Zwischen rotbraunen Schwarten schlängelt er sich zum Sicherungsring. Er fixiert sich, ruft: „Stand!“ Das letzte Stück Weg ist leicht. Unerwartet flach ist der höchste Punkt des Höllenhunds. Eine tischgroße Plattform, die Platz genug zum Sitzen bietet. Arnold nimmt das dicke Gipfelbuch aus seiner stählernen Kassette, schreibt Datum, Namen, Weg in kleinen, krakeligen Buchstaben nieder. Dann blickt er über den Raaber Kessel zum Mönch. Dorthin, wo die Geschichte des sächsischen Felsklettern begann. Und damit irgendwie auch die seine.

Klettern und Wandern in der Sächsischen Schweiz

Klettern im Elbsandsteingebirge ist sehr anspruchsvoll, die schlechten Absicherungen sind gewöhnungsbedürftig. Es ist ratsam, sich von Könnern unterweisen zu lassen.

Kletterkurse bieten an: Bernd Arnold, im Internet: www.bergsport-arnold.de; Alexander Adler, im Internet: www.xxl-klettern.de; Kletterschule Lilienstein, im Internet: www.kletterschulelilienstein.de.

Günstige Ausgangsorte für Klettertouren und Wanderungen im Elbsandsteingebirge und im Nationalpark Sächsische Schweiz sind die Orte Rathen, Bad Schandau und Schmilka. Der „Malerweg“ ist 115 Kilometer lang und lässt sich in acht Tagesetappen absolvieren. Information im Internet unter www.maler-weg.de.

Information: Tourismusverband Sächsische Schweiz, Bahnhofstraße 21, 01796 Pirna, Telefon: 0 35 01/47 01 47, im Internet: www.saechsische-schweiz.de; weitere Auskünfte bei: Nationalparkamt Sächsische Schweiz, An der Elbe 4, 01814 Bad Schandau, Telefon: 03 50/ 22 90 06 00, im Internet: www.nationalpark-saechsische-schweiz.de.

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