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Südafrika : Tafelbergfreuden im Getto des Glücks

Picknick mit Panoramablick: Immer mehr Weingüter am Kap der Guten Hoffnung kümmern sich nicht mehr nur um Reben, sondern auch um Touristen. Bild: Archiv

Blendend schön sind Kapstadt und das Weinland am Kap der Guten Hoffnung schon immer gewesen. Doch jetzt kommen hier nicht mehr nur Ästheten, sondern auch Genießer auf ihre Kosten – sofern sie ein robustes Gewissen haben.

          Eine Kanone am Kopf kann ein Leben verändern, zum Guten wie zum Schlechten. Im Fall von Sheryl Ozinsky ging es glücklich aus, auch wenn sie die Begegnung mit dem Tod ihr früheres Leben kostete. Als ihr die Räuber in ihrem Haus die Pistole an die Schläfe hielten, war sie die Tourismuschefin von Kapstadt und auf dem besten Weg, Südafrikas nächste Tourismusministerin zu werden. Doch statt Karriere zu machen, zog sie Konsequenzen: Sie kündigte ihren Job, kaufte eine Farm am Fuß des Tafelbergs und wollte fortan als Bäuerin und Marktfrau ihre Heimatstadt zum Besseren verändern. „Wir können nicht immer höhere Mauern bauen, sondern müssen miteinander leben und miteinander reden. Und nirgendwo sonst kommt man so gut ins Gespräch wie beim gemeinsamen Essen“, sagt Sheryl Ozinsky, eine elegante Frau mit fein geschnittenem Gesicht und kokettem Kurzhaarschnitt, die trotz Speckschürze und klobigem Schuhwerk eher an eine Jeanne d’Arc der Landlust als an eine Ackerfrau aus der Kartoffelzucht erinnert. Deswegen gründete sie den Oranjezicht City Farm Market, verkaufte dort die Ernte ihres Bauernhofs, lud gleichgesinnte Kleinproduzenten ethisch unbedenklicher Lebensmittel und Garküchenbetreiber mit ökologisch korrektem Street Food ein und war sehr schnell so erfolgreich, dass sie mit ihrem Markt vom Tafelberg hinunter an die Victoria & Alfred Waterfront ziehen musste.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Samstag für Samstag trifft sich nun zwischen dem Atlantik und dem verwaisten Fußballstadion der Weltmeisterschaft von 2010 das neue, friedliche, gemeinsam gut gelaunt schmausende Südafrika unter einem selbstgemalten Schild mit der Aufschrift „Have a nice, healthy weekend“. Man deckt sich mit Dünenspinat und Kap-Steinpilzen fürs Gesundheitswochenende ein, nascht vom selbstgemachten Honig oder von der handgefertigten Schokolade aus tansanischem Kakao und ordert an den Imbissständen Ethno-Food mit Authentizitätsgarantie: Samosas und Pho Bos, Tortillas und Huevos Rancheros, Rote-Bete-Macadamia-Kuchen und Thunfisch-Teriyaki-Burger, die an grob gezimmerten Holztischen verspeist werden – alles zu hundert Prozent antiindustriell und gerne auch komplett probiotisch.

          Die Stimmung ist blendend, das Essen ausgezeichnet, das Publikum schön und schlank, und Sheryl Ozinskys Traum einer pazifistischen Mischung aus Freaks und Gourmets, Ökobauern und Besserverdienern, Gesundheitsaposteln und Schlemmermäulern scheint aufzugehen wie eine glückliche Saat – mit einem einzigen, winzigen Makel: Fast alle Menschen auf dem Markt, ganz gleich, ob Händler, Koch oder Kunde, sind weiß. Die einzigen Schwarzen, die wir sehen, sind die Parkplatzwächter, Müllsammler und Kokosnussklopfer, die mit ein paar geübten Macheten-Hieben die Nuss genussfertig für uns zurechthauen. Und so saugen wir ein wenig irritiert an ihrer Milch, blicken gedankenverloren hinüber zur Gefängnisinsel Robben Island und fühlen uns eine Sekunde lang so, als säße ihr berühmtester Insasse noch immer dort drüben.

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