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Kanada : Die Welt im Sandkorn

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Zwei Entdecker auf der Suche nach Zwergbirken, giftigem Gestein und fleischfressenden Pflanzen auf dem Boden der Tablelands, Gros-Morne-Nationalpark. Bild: Arezu Weitholz

Auf den Spuren der Wikinger fahren Kreuzfahrttouristen nach Westen und entdecken die große, weite Welt noch mal – in vielen Kleinigkeiten

          Da isser!“ Wolken werfen wilde Schatten auf die grau, rosa, grün und braun schimmernden Berge, deren scharfe Konturen im arktischen Sonnenlicht leuchten. Die Entdecker starren in eine Felswand. Sie umklammern Objektive und Ferngläser im Wert gebrauchter Kleinwagen. Der Wind zerrt an ihren wasserdichten Hosenbeinen und atmungsaktiven Kapuzen. Ihre Lippen sind trocken, die Sonne blendet. „Wo denn?“, fragt einer. „Da, hinter dem Stein rechts hoch, einen Daumen breit nach links.“ An die sechzig Augenpaare schauen konzentriert in den Milliarden Jahre alten Stein des Saglek Fjords. Sie suchen nach drei kleinen Punkten: einer Schwarzbärin mit ihren zwei Jungen.

          In langsamster Zeitlupe schiebt sich die MS Spitsbergen durch den Fjord. Die Entdecker lächeln. Sie sind seit drei Tagen auf dieser Jungfernfahrt-Route: von der Südküste Grönlands bis hierher an den nördlichsten Zipfel Labradors, ab morgen geht es dann die Küste hinab bis nach Neufundland, so wie einst Leif, der Glückliche. Oder Bjarni Herjólfsson, je nachdem welcher Island-Saga man folgen will. Das einst als Autofähre gebaute Expeditionskreuzfahrtschiff ist vergleichsweise klein, nur einhundert Meter lang, deswegen kommt sie auch in Gewässer, die von anderen Schiffen links liegengelassen werden. Zudem ist das hier keine klassische Amüsier-Kreuzfahrt. Es gibt keine Pool-Landschaft, keine Bums-Ballermann-Bar und auch keine lustigen Wettwurstessen mit tausend Teilnehmern. Stattdessen befinden sich nur 178 Personen an Bord, davon einhundert Passagiere aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, England, Schottland, ein Pärchen stammt aus der Schweiz. Kaum jemand fährt alleine, die meisten sind über sechzig. Sie werden von Ornithologen, Geologen und Meeresbiologen begleitet, dem sogenannten Expeditions-Team, das sich an Land um die Gäste kümmert und an Bord Vorträge hält. Da ist die norwegische Gastlektorin Benedicte Ingstad, die als Teenager in den 1960er Jahren mit ihren Eltern den Beweis erbuddelte, dass Wikinger tatsächlich Amerika entdeckten. Der amerikanische Geologe Bob Rowland, der bereits 1967 den Südpol erforschte. Tudor Morgan aus Wales, der für sein Engagement in der Antarktis von der Queen einen Polarorden erhielt.

          Am nächsten Tag: ein Gong. Mittagessen. Wegen der kanadischen Gesundheitsbehörden dürfen momentan Salz- und Pfefferstreuer nicht mehr auf den Tischen stehen, jedes Besteck ist in eine Stoffserviette eingeschlagen, Cornflakes gibt es nur im Karton. Am Eingang wartet der Koch mit einer Flasche Sprühseife. Noch mehr Angst als vor Eisbergen oder Eisbären hat man an Bord vor Virusinfekten. Falls einer ausbricht, hat das Abwassersystem schlechte Karten, zudem könnten boshafte Behörden das Schiff unter Quarantäne stellen. Am Buffet warten frische Langusten auf die Entdecker. Ihr Dresscode: Praktisches aus Baumwolle. Einige gehen am Stock.

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