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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Wenn der Weg nicht durch den Wald führt, windet er sich durch Ackerland: Der Jean-Paul-Weg bei Metzlersreuth Bild: Freddy Langer

Lebensstationen eines wilden Dichters und sehr viel Natur : Im Fichtelgebirge unterwegs auf dem Jean-Paul-Weg.

          Am Ende habe ich ihm wohl tausend Mal ins Gesicht geschaut. Diesen Blick erwidert, in dem sich Skepsis und Selbstbewusstsein, Scheu und Arroganz auf ganz seltsame Weise vermischen, und der noch so gar nichts vermittelt von der großen Erscheinung Jean Pauls, von denen die späteren Konterfeis zeugen. Vielmehr unterstellt dieses Jugendbildnis, wie man es trotz der hohen Stirn und trotz des ernsten Ausdrucks nennen möchte, eine arg protestantisch wirkende Verkniffenheit. Heinrich Sintzenich hat das Bild 1797 gestochen, als Titelkupfer für die zweite Auflage des „Hesperus“, des größten literarischen Erfolgs Jean Pauls.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Jetzt markiert das Bild den längsten Teil des Jean-Paul-Wegs, einer Wanderstrecke von knapp zweihundert Kilometern, die vom Frankenwald durchs Fichtelgebirge nach Bayreuth und dann weiter bis in die Fränkische Schweiz führt. Wie ein Medaillon sitzt das Porträt in einem tanngrünen Oval, darüber der Name der Route, in leicht verschnörkelter Typographie. Das Schild klebt an Bäumen, Pfählen und Straßenlaternen, an Hinweistafeln und Trafokästen, an Zäunen und Scheunen, Hochspannungsmasten und Bushaltestellen. Manchmal sieht man über lange Strecken hinweg immer schon die nächste Markierung grün aufleuchten, so dicht folgen die Schildchen aufeinander. Wie Schnipsel einer Schitzeljagd. Wie ein Versprechen. Und doch passiert es unterwegs ein ums andere Mal, dass Fussgänger den Weg ebenso wenig kennen wie den Namen des Dichters. „Nie gehört“, sagen sie mal mit fränkischem, mal mit bayrischem Zungenschlag, je nachdem, in welchem Ort oder auch nur in welcher Ortshälfte man mit Passanten ins Gespräch kommt. Besonders viele Menschen allerdings waren das nicht, denen ich um diese Jahreszeit bei diesem Wetter im Wald oder selbst in den Dörfern begegnet bin. Kein Dutzend in sieben Tagen.

          Oberfrankens Rückgrat

          „Hesperus“, dieser bizarre, raffiniert verdrehte, blitzgescheite und bis an die Grenzen des Erträglichen herzerwärmende Liebesroman hatte Jean Paul augenblicklich berühmt gemacht. Das Bildnis vor dem Buchtitel aber hat er nie gemocht, schlimmer noch: Er nannte es „abscheulich und unkentlich zugleich“. Überhaupt: An all seinen Porträts krittelte er herum, nannte sie Verwandlungen seines Gesichts oder gleich Verleumdungen. Nur ein einziges ließ er gelten, das Gemälde von Friedrich Meier - das Bild, das man als Vorlage für die Markierung des letzten Teils der Wanderroute ausgewählt hat, durch Bayreuth und von dort aus bis an ihr Ende in Sanspareil. Jean Paul sieht darauf ein wenig aus wie Goethe, ausgerechnet Goethe, der nicht viel auf ihn gab und ihn auf Distanz hielt, als die beiden in Weimar für einige Zeit Nachbarn waren. Aber die Ähnlichkeit war Jean Paul vielleicht gar nicht bewusst, und womöglich hatte sich der Maler auch einfach nur am Ideal eines Dichters orientiert, besser noch: eines Dichterfürsten, wie man ihn sich damals vorgestellt hat. Und das war er wohl. Jean Pauls Bücher jedenfalls verkauften sich um die Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert besser als die Goethes, und es heißt von ihm, er sei der erste deutsche Schriftsteller gewesen, der vom Verkauf seiner Bücher leben konnte. Wirklich reich war er nie. Aber es ist schon erstaunlich genug, wie er sich aus bitterster Armut vom Dorfpfarrerssohn, dann Halbwaisen und Bettelstudenten über die Schreiberei unverkäuflicher Satiren sowie Anstellungen als Hauslehrer und Erzieher allmählich nach oben gearbeitet hat.

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