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Japanische Holzschnitte : Auf der Straße nach Kyoto

Erst der Tokaido, nun der Kisokaido: Nach dem Erfolg von Hiroshiges Holzschnittserie zum Reiseweg in Japan sollte nun eine andere Route zum Thema werden. Mit an Bord diesmal: Einer der bedeutendsten Künstler Japans.

          Eisen? Das klingt nicht japanisch, zumindest nicht für ein deutsches Ohr, und doch ist es der Name eines der bedeutendsten Künstler Japans im neunzehnten Jahrhunderts. Keizai Eisen wurde 1790 geboren und in seinen achtundfünfzig Lebensjahren zu einem der größten Meister des ukiyo-e, des japanischen Farbholzschnitts.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch als der zwanzig Jahre nach Eisens Tod einen wahren Hype im Westen und damit den Japonismus auslöste, wurden andere Namen damit verbunden: Utamaro, Hokusai und Hiroshige bildeten aus europäischer Sicht das Dreigestirn dieser Kunst. Utamoro für seine Frauenporträts, Hokusai für seine Landschaften, Hiroshige für seine Stadtansichten. Wobei alle drei jeweils auch auf den prominenten Feldern der anderen aktiv waren und überhaupt noch viel mehr zu bieten hatten: In Japan selbst waren nämlich Erotik, Sagenwelten und Schauspielerporträts die populärsten Holzschnittgenres. Und in allen erwies sich auch Eisen als Virtuose.

          Im Jahr 1835 begann er einen neuen Holzschnittzyklus, der sich dem Kisokaido widmen sollte, einem Reiseweg von Edo, dem Sitz des Shoguns (heute Tokio), in die Kaiserstadt Kyoto. Mit 534 Kilometern war der Kisokaido ungefähr genauso lang, aber landschaftlich weniger spektakulär als die populärste Route zwischen den beiden wichtigsten Städten des Reichs, der Tokaido. Letzterem hatte Hiroshige 1832/33 eine Ansichtenserie gewidmet, die jene 53 Rastplätze abbildete, an denen Reisende Pferde wechseln oder übernachten konnten – da der Tokaido so stark frequentiert war, wurden die einzelnen Blätter ein ebenso beliebtes Reiseandenken, wie sie als geschlossene Folge höchste ästhetische Bedürfnisse erfüllten. Was lag angesichts des kommerziellen Erfolgs näher, als bei Hiroshige nun auch noch die Bebilderung des zweiten Reisewegs nach Kyoto in Auftrag zu geben?

          Der Meister war wohl anderswo unterwegs

          Doch obwohl für diese Serie schon Reklame gemacht wurde, war es entgegen der Ankündigung Eisen, der dann die Arbeit daran begann. Warum, ist unbekannt; der Kunsthistoriker Andreas Marks, ein Schüler der Leidener Koryphäe Matthi Forrer, vermutet in seinem Begleitessay zur jetzt erschienenen prachtvollen Ausgabe „Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido“, dass Hiroshige gerade anderswo unterwegs war und deshalb zugestimmt habe, dass der bereits als Landschaftszeichner ausgewiesene etwas ältere Eisen die Serie beginnen sollte. Zumal anfangs noch gar nicht feststand, dass sämtliche Stationen jeweils ein Bild bekommen würden (und eine davon, Nakatsugawa, sogar zwei), denn angekündigt war lediglich eine nicht bezifferte Folge von Landschaftsansichten entlang des Kisokaido.

          Eisen legte also los, nach alter Tradition mit einer Ansicht von Nihonbashi, jener Brücke in Tokio, von der aus eine Reise nach Kyoto ihren Ausgang nahm, und fertigte im Laufe des Jahres 1835 zehn weitere Blätter an, die genau der Abfolge der Stationen nach Nihonbashi folgten. Die anderen dreizehn Ansichten nach seinen Entwürfen übersprangen einzelne Stationen, die erst von Hiroshige gezeichnet wurden, als der sich im Laufe des Jahre 1836 doch wieder für das Projekt gewinnen ließ – ob nun als Ersatz für den abgesprungenen Eisen oder als ursprüngliche Idealbesetzung, die nur während ihrer Abwesenheit vertreten werden musste, weiß man nicht.

          Immerhin legt die Existenz der beiden Motive von Nakatsugawa eine Vermutung nahe. Das erste entstand gleich nach dem Einstieg von Hiroshige und noch ohne unmittelbare Anschauung des Ortes, während das zweite ein Jahr später herauskam, als der Künstler mittlerweile selbst dorthin gereist war. Es war zwar nicht unüblich, dass berühmte Ansichten von japanischen Holzschnittmeistern rein aus der Phantasie entworfen wurden, doch die Änderung des Motivs könnte dennoch dafür sprechen, dass die erste Version in größter Eile und nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten erfolgt war. Das würde für eine Art Noteinsatz Hiroshiges nach Eisens Ausscheiden sprechen. Wobei Andreas Marks die höheren drucktechnischen Anforderungen der ersten Fassung in Anschlag bringt und in der zweiten einfach eine günstiger zu produzierende Variante sieht.

          Am Ende jedenfalls war es eine vollständige Serie mit insgesamt einundsiebzig Blättern, der Wechsel der Künstler mittendrin ist nicht zu bemerken. Eisen orientierte sich so genau an der Tokaido-Serie des Kollegen, dass auch seine Kisokaido-Stationen wie perfekter Hiroshige wirken. Köstlich allerdings, dass Eisen auf dem ersten Blatt die abgerundeten Ecken des Bildmotivs so wirken lässt, als hätten sie sich gewellt – ein Trompe-l’œuil-Effekt, den Hiroshige vorher nicht so perfekt zu bieten hatte. Bis heute steht die 1838 abgeschlossene Serie im Schatten der Tokaido-Blätter. Zu Unrecht, wie dieses Buch beweist.

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