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Tropischer Magnetismus : So schlägt das Herz

Babylon kann alles sein

Von der anderen Seite der weißgetünchten Hotelwelt erzählt auch der international gefeierte Roman „Here Comes the Sun“ der Jamaikanerin Nicole Dennis-Benn, laut „New York Times“ „the ultimate anti-beach novel“. Sie erzählt die Geschichte einer attraktiven Frau, die als Rezeptionistin in einem Ferien-Resort arbeitet und eigentlich Frauen liebt, aber mit Touristen schläft, um der kleinen begabten Schwester ein Studium zu finanzieren; die wiederum bleicht sich die Haut, um ihre Aufstiegschancen zu verbessern, und würde lieber Künstlerin als Ärztin werden. Es geht um Gier, Verleugnung, das koloniale Joch, unüberwindbare Klassen- und Rassenkategorien, um die Macht der Tourismuskonzerne und um Homophobie. Im Roman deckt sich nichts mit dem Sandals-Idyll, das einem aus Reisemagazinen entgegen strahlt. Die Autorin lebt lieber in den Vereinigten Staaten, genau wie der andere literarische Superstar der Insel, Marlon James. Der Booker-Preisträger („A Brief History of Seven Killings“) hat kürzlich in einem beklemmenden Essay für die „NYT“ dargelegt, warum er um sein Leben fürchtet, als schwuler Mann in Jamaika.

Glaube, Triebe, Hoffnung

Dass Jamaika lange keine ideale Destination für Kiffer war, wusste in den Neunzigern jeder Abiturient, der schon mal mit einem Rückkehrer gesprochen hat. Bis zu fünf Jahre Haft und hohe Geldstrafen wurden für jedweden Umgang mit Marihuana fällig. Bei den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes ist noch immer zu lesen, dass Polizisten gemeinsame Sache mit Drogendealern machten, naive Touristen gleich von mehreren Seiten abkassiert werden. Marihuana wurde von indischen Arbeitern im neunzehnten Jahrhundert auf die Insel gebracht, daher rührt auch der auf der Insel gebräuchliche Name „Ganja“, das bengalische Wort für Hanf. Die Akzeptanz unter der nichtkonsumierenden Bevölkerung und auch die Rechtslage haben sich aber gewendet, nachdem Marihuana in einigen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten entkriminalisiert und sogar legal wurde. Im Februar 2015, an Bob Marleys Geburtstag, wurde eine Gesetzesänderung verabschiedet, die den Besitz von weniger als zwei Unzen Ganja zur Ordnungswidrigkeit wie Falschparken herabstuft. Nicht nur die Rasta-Gemeinde schöpft neue Hoffnung, doch noch integraler Bestandteil der jamaikanischen Wirtschaft zu werden, mit dem legalen Anbau und Export. Was in Kalifornien mit dem Weinanbau so gut geklappt hat, müsste doch mit Jamaikas Grasexpertise möglich sein, fordern Aktivisten. Bob Marleys  zahlreiche und sehr umtriebige Kinder haben längst ihre Ansprüche auf die Geschäftsmöglichkeiten mit dem viel besungenen Kraut angemeldet. „Marley natural“ ist in den USA längst als Marke eingeführt. Neben dem Marleymuseum in Kingston steht der Übersee-Container, der den Wailers als Tourbus diente, zum Kiosk umgebaut und dort gibt es neben frischen Frucht-und Gemüsesäften Spacecookies und Ganja ähnlich wie in einem niederländischen Coffeeshop.

Bild: F.A.Z.

Wir verließen die Bundesstraße, die von Kingston in die Blue Mountains führt, mit Bob Marleys Song „War“ im Ohr, „Until the philosophy which hold one race superior / And another / Inferior / Is finally /And permanently / Discredited / And abandoned / Everywhere is war / Me say war.“ Bob Marley entnahm den Text der legendären Rede, die Selassie 1963 an die Vereinten Nationen hielt. Wer hätte gedacht, dass 54 Jahre später dort ein Präsident steht und wieder mit Atomkrieg droht, während in den Stadien schwarze Spieler knien. Plötzlich tauchte ein Wesen auf, das wir zum ersten Mal über einem Hibiskusbusch in „Round Hill“ an der Nordküste gesehen haben. Ein feenhaftes Ding, das nicht von dieser Welt zu sein scheint und offenbar mühelos zwischen den Welten Jamaikas hin und her fliegen kann. Ein sogenannter Wimpelschwanz, einen hässlicheren Namen hat man selten für so ein filigran-schönes Wesen gehört – eine Kolibriart, die es nur in Jamaika gibt. Wenn „One love“ ein Tier wäre, sähe es wohl so aus.

Der Weg nach Jamaika

Anreise Condor fliegt direkt mittwochs und samstags von Frankfurt nach Montego Bay. Preis ab etwa 800 Euro, www.condor.de. Eurowings fliegt seit kurzem auch nach Jamaika – mittwochs und freitags von Köln/Bonn nach Montego Bay. Preis ab etwa 600 Euro, www.eurowings.de

Sicherheit Das Auswärtige Amt rät wegen der hohen Kriminalität in  Kingston, aber auch in Montego Bay, Negril und Ocho Rios zu erhöhte Vorsicht. Es komme nicht selten zu  bewaffneten Überfällen. In solchen Fällen wird dringend davon abgeraten, Widerstand zu leisten, da die Bereitschaft, Waffen einzusetzen, hoch sei. Ein großer Teil der Bevölkerung sei Homosexuellen gegenüber feindlich eingestellt. www.auswaertiges-amt.de

Unterkunft Das „Round Hill“ liegt 20 Autominuten westlich von Montego Bay. Es gibt 37 Hotelzimmer und 27 Villen von unterschiedlicher Größe (zwei bis sechs Schlafzimmer, die meisten haben Pool, alle Personal), die, wenn die Eigentümer sie gerade nicht nutzen, zu mieten sind. Doppelzimmer ab 350 Euro, Villa (für vier Personen, ohne Pool) ab 740 Euro. Über Strohbeck Reisen oder Airtours zu buchen, www.roundhill.com

Rastavillage Ein Besuch muss angemeldet werden, ein Unkostenbeitrag wird erbeten, www.rastavillage.com.

Champs ist der wichtigste Wettkampf für die Oberschulen. Hier wurden alle großen Sportstars der Insel entdeckt, das Ereignis ist längst ein internationales Spektakel, Tausende Auslands-Jamaikaner kehren auf die Insel zurück, um ihr Team zu unterstützen. Findet wieder 2018 statt: vom 20. bis 24. März.

Veranstalter Es ist dringend angeraten, Jamaika mit Leuten zu entdecken, die sich auf Jamaikas Straßen und im Hinterland auskennen. Vibzen aus Kingston organisiert Touren zu fast jedem Thema: Musikgeschichte, Rastafari, Kaffeefelder der Blue Mountains, Wasserfällen, Naturheilkunde, Surfen; so ziemlich alles, was dem All-inclusive-Touristen hinter hohen Hotelmauern leider verborgen bleibt. Tagestouren ab 170 Euro, www.vibzen.com

Weitere Infos unter visitjamaica.com

Quelle: F.A.S.

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