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Jakobsweg alternativ : Wem die letzte Stunde schlägt

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Drei Viertel aller Santiago-Pilger wählen den Camino Francés. Da bleibt viel Platz für Einsamkeit und Einkehr auf dem Camino Primitivo Bild: Gerald Koll

Für jede Reise gibt es mehr als ein richtiges Buch. Doch kann man mit dem Koran im Gepäck zum Grab des Maurentöters pilgern? Ein Selbstversuch auf dem Camino Primitivo, dem ursprünglichsten aller Jakobswege.

          Nur kein Regen, nicht jetzt! An dieser Stelle stemmten sich die ersten Pilger gegen den Wind, den Kragen der Kutte hochgeschlagen, die Muschel in klammen Händen. Sie wollten zum heiligen Jakob, zu Sant Iago nach Santiago de Compostela. Hier stehen die Reste ihrer Schutzhütten. Der Wind schlug so viele Jahrhunderte an die Wände, bis sie nachgaben. Hier stürmt es immer. Trotzdem bleibt man stehen, denn immer ist es bergan gegangen auf den Feldwegen und Wiesen der letzten Kilometer. Keuchend blickt man ins Weite: Dort hinten, hinter den sieben Bergen müssen Jakobs Gebeine ruhen. Die Sicht ist gut. Gestaffelt liegen zackige Kuppenlinien zwischen bodennahen Nebelbänken und hochfliegenden Wolken. Die Kathedrale ist allerdings nirgends zu sehen. Kein Kirchturm. Überhaupt kein Dach, kein Mensch. Ein Rind. Eine Herde Pferde. Einsam ist es auf diesem Höhenweg, dem Camino Primitivo, der so heißt, weil er der ursprüngliche und erste Jakobsweg ist.

          Mein Handbuch nennt ihn den „wohl härtesten Jakobsweg“. Das Höhenprofil mit Spitzen von 1200 Metern wird Bergziegen kaum beeindrucken. Für Pilger mit dreizehn Kilo auf dem Rücken reicht es. Liebhaber von Fernwanderwegen haben eher ein Problem mit seiner Länge: Er ist mit 350 Kilometern zu kurz. Manche Pilger nehmen deshalb Anlauf auf dem hügeligen Camino del Norte am Saum der Nordküste. Sie starten an der französischen Grenze, pilgern mit Meerblick und biegen nach 450 Kilometern links ab ins Landesinnere nach Oviedo. Am alten Königssitz Asturiens beginnt der Primitivo. Dort steigen sie in die Berge.

          Mancher Eremit spricht mit Knochen

          Hier, bei den Überresten der mittelalterlichen Pilgerherberge Hospital Fonfaraón, ist Nirgends. Gäbe es keine Steinmäler, wäre der Weg kaum zu erkennen. Gras wächst darüber. Heidekraut kratzt. Felsbrocken liegen herum, als hätten Riesen mit Steinen gespielt und nicht aufgeräumt. Nichts erinnert an die Karawane des populärsten aller Jakobswege. Nichts an den Pilgerstrom, der sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat. Im vergangenen Jahr haben zweihunderttausend Pilger Santiago erreicht. Drei Viertel davon kommen über den Camino Francés, die Kerkeling-Straße. Das letzte Viertel verteilt sich auf das übrige Wegenetz, und nur eine Splittergruppe wählt den Camino Primitivo, quer von der Nordküste über die Berge. Da sieht man tagelang fast niemanden.

          So allein könnte sich jeder Primitivo-Pilger für den ersten aller Pilger halten. Gäbe es nicht Herbergen. Wie aus dem Nichts warten dort schon andere Erste. Gestern waren das Rafa, der Kapitän aus Cádiz, Kasper, der Afghanistan-Kriegsjournalist aus Kopenhagen, und die Koreanerin Yun, die „Ich bin dann mal weg“ auf Koreanisch gelesen hatte. Da wir alle Handbücher dabei hatten, wussten wir, dass nur einer das Jakobspilgerpatent hat, nämlich der asturische König Alfons II. Im neunten Jahrhundert verfügte er, dies sei ein Wallfahrtsort, hier solle eine Kirche gebaut werden, als am Ort der heutigen Kathedrale Knochen gefunden wurden. Ein Eremit, Pelayo, hatte sich von einer Lichterscheinung dorthin navigieren lassen. Ein Bischof, Theodemir, hatte Alter und Bedeutung einzuschätzen gewusst: die Gebeine des Jesu-Jüngers Jakob des Älteren. Alfons schlug sich zu dieser Zeit im Namen Christi mit Mauren. Er erklärte, eine Wallfahrt zu den Reliquien befreie von begangener Schuld. Fromme Sünder glaubten das sofort. In unserer Herberge glaubte das natürlich niemand. Jeder hat dafür eigene Gründe.

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