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Über Nacht in Abidjan : Ein Hotel als Utopie

Das „Ivoire“ mit Kongresshalle und Kunstinstallationen Bild: INTERFOTO

Das „Ivoire“ an der Elfenbeinküste, einst eine Ikone des afrikanischen Fortschritts, ist zurück: Nach langem Niedergang empfängt es wieder Staatsgäste.

          Dieses Hotel ist ein Traum, mit seinen holzvertäfelten Wänden, seinen bunten afrikanischen Decken, seinem gewaltigen Swimmingpool, mehr als fünfmal so groß wie ein Fünfzig-Meter-Becken europäischer Sportbäder. Nirgends sonst hat ein Beherbergungsbetrieb, der stets weit mehr war als das, derart die Wünsche und Sehnsüchte einer ganzen Epoche verkörpert. Was das Empire State Building für das damalige Amerika war oder die Oper von Sydney für Australien und seine Verbindung mit dem Rest der Welt – diese Rolle spielte für den ganzen afrikanischen Kontinent das „Hôtel Ivoire“ in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste.

          Große Kulisse

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Neidvoll hatte Félix Houphouët-Boigny, der legendäre ivorische Staatsgründer, bei einem Besuch im benachbarten Liberia das dortige Luxushotel inspiziert. So etwas wollte er auch haben, nur größer, beeindruckender, ein Symbol für die gerade errungene Unabhängigkeit seines Landes, seine Schlüsselstellung auf dem Kontinent und die gewaltigen Zukunftshoffnungen, die sich damit verbanden. Den Auftrag für diese Kathedrale des Fortschritts vergab er Anfang der sechziger Jahre an zwei Israelis: den aus Rumänien stammenden Immobilientycoon Moshe Mayer und den Architekten Chaim Heinz Fenchel, einen Berliner Schüler Hans Poelzigs und vormaligen Bühnenbildner der Ufa – eine Prägung, die an den kulissenhaften Hotelinterieurs leicht abzulesen ist.

          Die Zukunft ist rund: historische Aufnahme der Hotelumgebung.

          Seit 1963 in mehreren Bauabschnitten eröffnet, war das Haus nicht bloß ein Hotel. Die gut 400 Zimmer verteilen sich auf ein Punkthochhaus mit 25 Etagen und einen etwas flacheren Querriegel, beide noch ganz der klassischen Moderne verhaftet. Dazwischen gruppieren sich ein Kongresszentrum, dessen asymmetrische Formen nach einer Mischung von Zelt und Berliner Philharmonie aussehen, ein Casino und der legendäre Pool. Auch eine Eislaufbahn gab es, die einzige Afrikas. Heute dient die Halle anderen Zwecken, beim jüngsten EU-Afrika-Gipfel hielten die Regierungschefs hier ihr Staatsbankett ab, was die deutsche Kanzlerin übrigens sehr amüsierte.

          In den sechziger und siebziger Jahren galt der Komplex als das in Beton gegossene Symbol des „ivorischen Wunders“, also der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung, die das Land nach der Unabhängigkeit nahm – und die es zu einem Vorbild für den ganzen Kontinent machte. In einem Ausmaß, das man sich heute kaum noch vorstellen kann, glaubten die Leute damals, dass die afrikanischen Länder mit der unmittelbaren Herrschaft der Europäer auch ihre Probleme abschütteln könnten.

          Zu große Erwartungen

          Der Aufschwung beruhte freilich auf fragilen Grundlagen, auf der Agrarwirtschaft mit Kakao und Kaffee als wichtigsten Exportgütern und der fortwährenden Abhängigkeit von Frankreich. Von einem „Wachstum ohne Entwicklung“ war die Rede. Als Houphouët-Boigny 1993 starb, hinterließ er ein heruntergewirtschaftetes und von Korruption gezeichnetes Land. Das drückte sich auch in der Architektur aus: Nachdem er seinen Geburtsort Yamoussoukro nominell zur Hauptstadt gemacht hatte, ließ der Präsident dort einen gigantischen Nachbau des Petersdoms errichten – eine kaum fassbare Regression im Vergleich zur staunenswerten Modernität des „Hôtel Ivoire“.

          So war es kein Wunder, dass es auch mit dieser Ikone des Fortschritts bergab ging. Service und Hygiene ließen immer mehr zu wünschen übrig, statt internationaler Politiker und Geschäftsleute, Unterhaltungsstars und Touristen ließ sich in den Räumen schließlich – samt telefonischer Abhörzentrale – die Clique um den neuen Machthaber Laurent Gbagbo nieder. Während des Bürgerkriegs, den sich Gbagbo mit seinem Widersacher Alassane Ouattara aus dem Norden lieferte, wurde auch das Hotel zum Schauplatz einer Schießerei mit zehn Toten.

          Inzwischen hat Ouattara das Präsidentenamt übernommen, der Krieg ist vorbei, die Wirtschaft wächst. Das Hotel wurde saniert und von der französischen Accor-Gruppe übernommen. Das „Feuerwerk der Formen“, wie eine Architekturzeitschrift schrieb, ist zurück. Die Fortschrittseuphorie von einst verbindet sich damit nicht mehr. Aber wer sich abends, während der kurzen tropischen Dämmerung, auf der unvergleichlichen Terrassenbar oberhalb der Lagune mit einem ivorischen Bier niederlässt und sich von der feuchtwarmen Luft einhüllen lässt – der hält es dann doch wieder für möglich, dass Afrika ein besserer Ort sein kann.

          Der Weg nach Abidjan

          Anreise Direktflüge aus Deutschland nach Abidjan gibt es nicht, Brussels Airlines fliegt (über Brüssel) oder Air France (über Paris), Letztere zum Teil mit dem Airbus A380. Preis ab etwa 500 Euro für den Hin- und Rückflug.

          Visum Deutsche benötigen ein Visum (50 bis 110 Euro, je nach Aufenthaltsdauer), das bei der Botschaft der Republik Côte d’Ivoire zu beantragen oder bei Ankunft am Flughafen Abidjan erhältlich ist, allerdings nur, wenn es drei Tage vor geplanter Abreise online beantragt und bezahlt wurde (auswaertiges-amt.de).

          Unterkunft Das „Hôtel Ivoire“ wird heute von der französischen Accor-Gruppe als „Sofitel“ geführt. Standardzimmer ab 250 Euro; der Blick in Richtung Lagune ist unbedingt zu empfehlen, auch wenn die Zimmer zur Stadt teils günstiger angeboten werden (www.sofitel.com).

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