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Veröffentlicht: 12.06.2015, 13:38 Uhr

Istanbul Mädchen mit einer Moral so fadenscheinig wie ihr Gewand

Man kann die fünfzehn Millionen Einwohner Istanbuls nicht über einen Kamm scheren. Man sollte nicht einmal versuchen, sie in die eine oder andere Richtung zu drängen, denn sie haben sich im Übergang zwischen Ost und West bestens eingerichtet. Besuchen sollte man sie aber unbedingt.

von
© Andrea Diener Über die Galata-Brücke ins alte Pera: Einst fand man auf der anderen Seite des Bosporus eine ganz andere Welt.

Bei Pekcan-Leder Kunde zu werden ist nicht ganz einfach. In einem Istanbul, in dessen Zentrum einem jeder gleich entgegenbrüllt: „Hello Lady, stop Lady, can I help you, Lady?“, bis man ganz müde wird vom Abwinken und Kopfschütteln und mit niemandem mehr reden möchte; in diesem mit Töpfen und Teppichen, himmelhohen Baklavatürmen und Kitsch und Plunder vollgestellten Zentrum der Altstadt trifft man selten auf Menschen, die eigentlich keine Kunden wollen. Herr Pekcan ist so einer: Stellt den Besenstiel schräg in die Tür, als mache er Mittag, hinterlässt keinen Zettel und gibt kein Lebenszeichen aus der dunklen Tiefe. Dabei ist er da, er ist immer da. Man muss dann Geduld haben, er ist in einer misanthropischen Phase, das geht vorbei. Irgendwann stellt Herr Pekcan fest, dass man anscheinend wirklich fest entschlossen ist, den Laden betreten zu wollen, hebt den Besenstiel an und winkt einen hinein.

Andrea Diener Folgen:

Bei Pekcan-Leder gibt es Taschen und Sandalen und Schlappen, alles handgemacht, alles riecht frischgegerbt, von der Decken hängen Schuhe, und Lederreste liegen am Boden herum. Kurz: Das ist keiner der üblichen, aseptischen Touristenläden mit Dutzendware auf Glasregalen, das hier ist eigentlich eine Werkstatt. Und während ich auf dem Hocker sitze und entweder eine große 37 oder eine kleine 38 suche, beginnt Herr Pekcan mit dem, womit hier früher oder später jeder beginnt: mit länglichen Ausführungen über die Wahlen im Allgemeinen und Erdogan im Besonderen.

Man konnte die Wahl in diesen Tagen beim besten Willen nicht übersehen. Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt hinein kam es zu Staus und Umleitungen, „alles gesperrt, der Kleinwesir ist unterwegs“, hieß es. Wenn Erdogan eine Stadt besucht, braucht es ein Sicherheitsbrimborium, wie es hierzulande ein höherer Staatsbesuch verlangt. Die Fahnen der Parteien flatterten überall, die Uferstraße war ganz bunt vor Wimpelschnüren, die kreuz und quer über die Fahrbahn gespannt waren. Busse mit aufmontierten Lautsprecheranlagen schmetterten Parteihymnen in die wehrlose Umgebung.

34772189 © Andrea Diener Vergrößern Wimpelumweht: Die Neue Moschee heißt zwar so, aber Alter ist in Istanbul relativ. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1663.

Vor dem alten Gewürzbasar in Eminönü stehen gleich mehrere und plärrten sich gegenseitig in die Parade, Parteianhänger sangen inbrünstig gegeneinander an. Ich verbrachte den Abend damit, mir auf Wikipedia die Symbole der verwirrenden türkischen Parteienlandschaft einzuprägen, um zu wissen, mit welchem Gesichtausdruck zwischen Ekel und freundlicher Teilnahmslosigkeit ich den Avancen der Flyer-Verteiler zu begegnen habe: Die orangefarbene Glühbirne steht für Erdogans AKP, die Rechtsextremen haben drei Halbmonde, die kemalistische Volkspartei hat sechs Speere.

Eine ausgefranste Angelegenheit mit ziemlich viel Wasser

Die Türkei, so ahnt man, befindet sich auf der Schwelle: Rückt sie zu Europa hin? Und wenn nein, wohin dann sonst? Fragt man Herrn Pekcan, muss sie überhaupt nirgendwo hinrücken. „Wir sind doch hier eine Brücke!“, sagt er.

Für Istanbuler ist ein unbestimmter Übergangszustand nichts Neues. Dass diese Stadt irgendwo zwischen Ost und West liegt, in einem ständigen, changierenden Dazwischen, das ist seit Jahrhunderten so. Die Herrscher ändern sich, die Namen ändern sich, Byzanz, Konstantinopel. Die Religionen ändern sich auch, aber irgendwie haben alle ihren Platz. Auf die Fläche von 150 mal 130 Kilometer – diese Ausdehnung hat Istanbul heute – passt so einiges, auch weltanschaulich. Es gibt einen Stadtkern, und es gibt endlose, weite, ausfransende Vororte voller Zuwanderer aus dem Hinterland. Es gibt Bewohner in den Außenbezirken, die waren noch nie im Stadtkern. Mit dem Bus ist das eine Weltreise, aber die Metro wächst zum Glück jährlich um mehrere Tunnelkilometer. Direkt neben den krakeelenden Parteibussen in Eminönü steht eine Tafel, die über die ehrgeizigen Pläne und die Fortschritte informiert. Und in Frankfurt gibt es schon wieder Ärger und Verzögerungen wegen drei Stationen, denkt man und schämt sich ein bisschen.

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