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Veröffentlicht: 09.05.2017, 13:16 Uhr

Israel Zur Welle pilgern

Wer zum Surfen nach Israel reist, spürt Spannung nicht nur auf dem Brett. Aber er lernt, dass Menschen, die miteinander surfen, auch miteinander leben können

von Konstantin Arnold
© Louis Josek Heiliges Surfland: der Profisurfer Leon Glatzer am Trumpeldor Beach in Tel Aviv.

Warum der Reisepass noch so neu sei und ob man das weiße Hemd selbst gebügelt habe, möchte die Grenzbeamtin am Terminal 1, Abflugbereich C in Frankfurt gerne wissen. Wer den Koffer gepackt habe und wieso unser Fotograf unbedingt im Wasser fotografieren möchte, auch. Wer ihm denn den Zweitnamen „Amon“ gegeben habe und wieso wir zum Surfen überhaupt nach Israel fliegen würden? Wo genau wir uns aufhalten würden und welche Erwartungen wir an diese Reise hegten? Weshalb der Profisurfer Leon Glatzer dafür gerade aus Lissabon angereist sei und wir uns in unseren Antworten nicht besser abgesprochen hätten, kann ich drei Stunden vor Abflug auch noch nicht genau sagen. Dafür aber, dass Israel schon am Check-in beginnt. Dort, wo deine Urlaubsstimmung unter Aufsicht von Maschinengewehren geprüft wird und sich die Menschen in weißen Räumen für dich und die Herkunft deiner intimsten Pflegeprodukte interessieren.

Bar Refaeli, heiliges Land und jahrtausendealte Konflikte. Mehr Fragen als Antworten und Religion als unüberwindbarer Schatten extremer Gefühle. Was man eben so weiß, und natürlich habe ich mein weißes Hemd selbst gebügelt. Aber Israel ist für uns mehr als vorgefertigte Antworten auf hermetisch abgeriegelten Kontrollzwang. Mehr als Stereotypen und viel mehr als eine Destination zum Wellenreiten. Wir hoffen, uns durch diese Sportart Zugang zu Räumen zu verschaffen, die wir unbedingt betreten möchten – zwischen Tel Aviv und Jerusalem, Hebron und Haifa.

Wenn Israel bereits am Check-in beginnt, hört das in Tel Aviv direkt wieder auf. Weltoffen bis in jeden einzelnen Backstein, ein internationaler Schmelztiegel, der das Beste aller Mentalitäten vereint: die Schönheit Brasiliens, den Stil der Franzosen, die Ausgelassenheit Australiens, die Offenheit der Italiener und sogar den Tiefgang der Deutschen.

Seit 1957 wird in Israel gesurft

Jeder Barbesuch im „Rotschild 12“ kann zu einer bewusstseinserweiternden Lehrstunde werden, weil etwa jede Barbesucherin mindestens zwei Jahre Militärdienst geleistet hat. Jedes Gespräch führst du, als wäre es dein letztes, du bestellst den nächsten Gin Tonic, als wäre es dein erster, und genießt alles zusammen in Freiheit, als gäbe es kein Morgen. Keine sittliche Gesinnung, keine befohlene Moral, außer deiner eigenen und der, dass man Falafel wirklich nur zur Wochenmitte und um die Mittagszeit essen sollte. Nach einer Woche in dieser Stadt willst du dein Leben ändern, deine Beziehung beenden, alles Bestehende in Frage stellen und deine Koffer von nun an nur noch hier auspacken, weil es sich wie Verschwendung anfühlt, nur eine Minute ohne dieses Pulsieren verbringen zu müssen. Tel Aviv ist ein Staat im Staat, der den Nahen Osten noch näher bringt, was mit ein Grund dafür ist, dass wir in den Nächten dort so wenig geschlafen haben. Es ist eine Überlastung an Möglichkeiten, die über die Purim-Feiertage ihren alljährlichen Höhepunkt findet. Direkt zum Start unserer Reise sind alle Juden dazu aufgefordert, verkleidet richtig viel Wein zu trinken. Die ganze Stadt heißt uns willkommen. Sogar die Hummusverkäuferin an der Ecke beteuert Morgen für Morgen, dass sie deutsche Touristen am allerliebsten hat, während nach acht Uhr abends nur noch Anzügliches durch die Vokabeln einer heiligen Sprache dringt oder Badende an der Promenade klarstellen, warum „Tel Aviv eine einzige Blase ist, in der man nichts, absolut nichts von Mauern, Gewehren und Konflikten“ mitbekommt und „einfach nicht über Politik reden möchte“. Die Wellen des Tiefdruckgebiets im Mittelmeer haben gerade erst Griechenland erreicht. Das gibt uns hier noch zwei Tage.

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