Home
http://www.faz.net/-gxh-73i56
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Irland Tiger, Kater und ein Leopard

 ·  An kaum einem anderen Land kleben so viele Klischees wie an Irland, der grünen Insel voller gutgelaunter, randvoll mit Guinness abgefüllter Melancholiker. Das kann ja nur ein Trugschluss sein.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (6)

Am dritten Tag gegen halb zehn Uhr abends ergab ich mich. Sandra, eine Blondine in Leopardentop und Lackpumps, griff einfach meine Hand, ich folgte ihr, was sollte ich tun, und dann reelten wir quer durch den Pub, sehr zur Belustigung der Umstehenden. Wer Spaß haben will, muss peinlich sein können. Und wir hatten Spaß, aber wie! Und gerieten schnell außer Atem, aber wie, denn wenn der Ire tanzt, dann ist das eine Angelegenheit vieler Hüpfer und hochgezogener Knie, nicht so ein Geschlurfe und Getrampel wie in Resteuropa. Und schnell geht das alles vonstatten und mit vielen Drehungen, dass einem bald schwindelig ist und die Knie sich anfühlen wie Pudding, da braucht man eigentlich gar nichts mehr zu trinken.

Der Reel verklang, wir lachten und keuchten und bekundeten, sehr außer Übung zu sein, aber was macht das schon, wenn einen der Moment mal mitreißt. Denn das tut er dann doch irgendwann, dieser verdammte Moment, in dem man mal nicht aufpasst, auch wenn ich drei Tage lang festen Willens war, diese Klischees endlich abzuschütteln. Es muss sich doch, sagte ich mir, in diesen fünfzehn Jahren, in denen ich nicht auf der Insel war, etwas verändert haben. Also nahm ich mir vor, hinter die Postkartenbilder zu schauen: keine Pubs, kein Gefiedel, keine Reels und um Himmels willen nichts über die Farbe Grün auf Bäumen, Gräsern, Socken. Keine Steinkreise, keine Druiden, nicht mal Literaturnobelpreisträger oder sonstige Ausformungen der ach so skurrilen irischen Seele und allerhöchstens ein ganz kleines Schaf auf einen ganz kleinen Hügel hingetupft, als Andeutung von Lokalkolorit. Ja, ich hatte hehre Ziele.

Autobahnen, Häuser und Besucherzentren

Es ist ja nicht alles Spaß und Guinness in Irland. Es hat sich wirklich viel verändert in den vergangenen Jahren. Dieses kleine, kleinteilige, sich immer so putzig und harmlos gebende Inselchen mit seinen Hügelchen und Mäuerchen und schiefgewehten Bäumen hat sich zwischenzeitlich zu einem keltischen Tiger entwickelt, so zumindest sah man sich selbst gern. Man leistete sich, wozu man jahrzehntelang, jahrhundertelang zu arm war, man baute Autobahnen, man errichtete Besucherzentren neben so ziemlich allen der dicht an dicht stehenden Sehenswürdigkeiten. Die Menschen kauften Autos, um auf den Autobahnen herumzufahren, und Pferde und Häuser. Die Immobilienpreise explodierten, und jeder zweite Schafstall hatte Internetanschluss. Die Moderne wurde umarmt, Europa wurde umarmt. Man ließ polnische Bauarbeiter kommen, um noch mehr Häuser und Besucherzentren zu bauen. Man fuhr auch ganz gern mal in Urlaub und schaute sich diesen Kontinent an, der das Land freundlicherweise bei seiner Entwicklung bezuschusste.

Und dann, ganz unvermittelt, kam die Krise. Die polnischen Bauarbeiter gingen nach Hause, die irischen Bauarbeiter folgten ihnen nach Polen und bauten dort weiter, dann stand erst einmal alles still, und die Häuser standen leer. Die Pferde wurden ausgesetzt. Die Tigerjahre waren vorbei, so schnell, wie sie gekommen waren.

Grün und Steinkreise und bunte Städtchen

Nach dem Tiger kam der Kater. Die Iren erduldeten ihre Krise mit sämtlichen einhergehenden Sparmaßnahmen ziemlich widerspruchslos, als hätten sie ohnehin nie wirklich daran geglaubt, dass auch sie einmal Glück haben könnten. Die Iren als Gewinnernation, das gab es noch nie in der Geschichte, das ist vielleicht nur ein schöner Traum. Aber was soll’s, ist ja noch keiner verhungert, ist ja kein Krieg, die Briten bleiben ordnungsgemäß in dem ihnen zustehenden Territorium, die Kartoffeln wachsen gesund vor sich hin, und das Meer ist voller Fische. Also! Alles keine Katastrophe. Nur die Touristen sollten möglichst nicht ausbleiben, sondern zahlreich die Besucherzentren besuchen. So wie es aussieht, tun sie das nach einem krisenbedingten Knick auch wieder in verstärktem Maße. Sie suchen Grün und Steinkreise und kleine bunte Städtchen und abends ein Guinness in einem Pub, in dem alte Männer auf Fiedeln Reels und Jigs und Hornpipes spielen und die irische Seele halb aufgekratzt, halb melancholisch im Glas versinkt. Manchmal, wenn man Glück hat, tanzt jemand. Wenn man noch mehr Glück hat, kann er es sogar. Denn es war ja nie ein reiches Land, das die Sehnsucht der Touristen angestachelt hat, es war ein ärmliches, ländliches Irland, in dem vieles noch so aussah wie vor vierzig Jahren, einfach aus Geldmangel, weil sich niemand eine Renovierung hatte leisten können. Ein Land, in dem in dunklen Pubhöhlen bucklige Gestalten sitzen mit Zahnlücken und ausgebeulten Tweedjacketts.

Die Tigerjahre sind vorbei, aber sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Der Dubliner Flughafen hat ein modernes neues Terminal. Von ihm aus führen vierspurige Autobahnen in alle Teile des Landes, wer hätte das vor fünfzehn Jahren gedacht? Die Beschilderung ist überall vorbildlich. Das freut den deutschen Touristen, aber er hat es schließlich auch bezahlt. Oder, wie der Ire im Pub es ausdrückt: Wir gehören euch ja eh. Richtig viel Verzweiflung schwingt da nicht mit. Anscheinend gehört man lieber den Deutschen als den Briten.

Guinness-Eis am Arthur’s Day

Deutlich ist auch, dass sich die Gewohnheiten der Iren geändert haben. Zum Beispiel haben sie, auch davon profitiert man als Besucher dieses Landes, das gute Essen entdeckt. Vor zehn, fünfzehn Jahren musste man lange nach Obst oder einem grünen Salat suchen, und die Befüllung vitaminverweichlichter deutscher Mägen konnte im Land der frittierten Fleisch- und Kartoffelbrocken nur mit einer fragilen Balance aus Fett und hartem Alkohol halbwegs gesichert, aber nur schwer ertragen werden. Diese Zeiten sind eindeutig vorbei, das weiß keiner besser als Martin Bealin, ein fülliger Herr in legerem Cordjacket und seines Zeichens Restaurantbetreiber im Hafenstädtchen Dingle. Er organisiert das lokale Food & Wine Festival, das immer am ersten Oktoberwochenende stattfindet. In den Tigerjahren, sagt Martin, haben sich viele Iren mit ihren Geschäftsideen selbständig gemacht. Durch die Reisen habe sich der Horizont erweitert, man wolle nun auch anständigen Käse essen und vernünftig aufgebrühten Kaffee trinken, wie man ihn in Frankreich und Italien angetroffen und für gut befunden habe. Und in Irland habe man schließlich die besten Rohstoffe, das Fleisch, die Milch seien hervorragend, man sollte dann auch das Beste daraus machen. Allerdings, sagt er auch, haben diese Kleinbetriebe nur in den Touristenregionen Überlebenschancen, wie hier im Südwesten. Der Norden, das Landesinnere, das seien noch kulinarische Entwicklungsgebiete.

Dingle hat dagegen einiges zu bieten. So gibt es eine kleine Eisfabrik namens Murphys, die neben den handelsüblichen Sorten auch Meeressalzeis produziert und Eis mit belgischer Schokolade. Und zum Arthur’s Day im September, dem Geburtstag des großen nationalen Braumeisters, auch mal Guinness-Eis - man entkommt ihr eben doch nicht, der braunen Schlacke, die alle in sich hineinkippen und auf die sie so stolz sind. Gleich um die Ecke vom Eisladen gibt es eine deutsche Käserin, die ihr Handwerk auf Schweizer Almen gelernt hat und in dem kleinen Geschäft auch ihren jüngst prämierten Käse mit Seetangstückchen verkauft, die an der Küste gesammelt werden. Es gibt viele gute Restaurants, die fangfrischen Fisch und Lobster und Muscheln anbieten. Und nein, sagt Martin, die Restaurants leiden nicht unter den Nachwehen der Krise, im Gegenteil. Das „busiest year ever“, das bisher beste Jahr, habe er gerade gehabt. Vielleicht ist das ein Zeichen der wirtschaftlichen Erholung. Vielleicht gibt es auch einfach Dinge, die man sich erkämpft hat und auch unter widrigsten Umständen nicht wieder nehmen lassen will.

Die Bierlandschaft ist übersichtlich

Auch die Dingle Brewing Company ist neu, sie will mit einem vernünftigen irischen Lager dem allgegenwärtigen Heineken Konkurrenz machen. Die Chancen stehen nicht schlecht, was nicht nur am plörrigen Heineken liegt, auch die Nachfrage nach lokalem Bier ist neuerdings groß. In den vergangenen zwei Jahren allein haben achtundzwanzig neue Kleinbrauereien angefangen, eine Alternative zu Guinness, Heineken und Budweiser anzubieten. Denn die Bierlandschaft im Biertrinkerland Irland ist erstaunlich übersichtlich. Allenfalls Murphy’s und Beamish, beide in Cork gebraut, bieten sich bislang als Stout-Alternativen an.

Natürlich hat das am Ende alles wieder mit der Geschichte zu tun. Damit, dass Jahrhunderte der Armut nicht gerade das Unternehmertum befördert haben und diejenigen, die genug Initiative mitbrachten, dann doch lieber gleich ins gelobte Land jenseits des Atlantiks auswanderten. Es hat damit zu tun, dass die katholische Mehrheit nur in illegalen Heckenschulen Zugang zur Bildung bekam und alles, was sich an lokaler Identität üblicherweise von selbst manifestiert, nur heimlich gepflegt werden konnte. In den Feldern, fernab jeglicher Beobachtung durch die Obrigkeit, lehrten die einen Lehrer das Lesen und Schreiben, die anderen das Tanzen und Springen. In den entlegensten Landstrichen entwickelten sich die schnellen, treibenden Reels und die etwas verspielteren Jigs und die komplizierten Tänze in all ihren Feinheiten und Ausformungen.

Der Setdance-Abend ist zu anstrengend

Schnell sind die Tänze und meistens laut, mit Holzsohlen tanzte man sie auf ausgehängten Türen, heute mit Fiberglas auf Parkett oder improvisiert mit einem Besen als Partner. Man tanzt gesellige Formationen im Set von vier Paaren oder als graziler Solist mit leichten Schuhen und hohen Sprüngen. Aber man tanzt, halb höfisch und halb bäurisch, auch hier und heute. Auch im Pub mit Leopardentop und Lackpumps, wenn man blond ist und Anfang zwanzig und so etwas wie Volkstanz in den meisten anderen Ländern für die uncoolste Sache der Welt hielte. Aber Sandra weiß Bescheid: Heute Abend sei auch Setdance-Abend, ein paar Pubs weiter, die Straße hoch. Ist ihr zu anstrengend, deshalb reelt sie nur ein bisschen durch den Pub abends und greift ab und an jemand Wildfremden aus der Menge, so wie mich.

Und ich ergab mich. Sah ein, dass ich eben nicht herumkomme um dieses immer wieder beschworene, grüne, steinkreisgespickte, guinnessgetränkte Irland voller skurriler windschiefer Gestalten, die in ihren ausgebeulten Tweedjacketts in Pubeingängen herumlungern und eine unverständliche Sprache sprechen, die nur sehr entfernt an Englisch erinnert. Ich komme schlicht nicht vorbei an der Landschaft, die im Westen auf jedem einzelnen Meter buckelt und hügelt und sich sträubt gegen sämtliche Versuche, sie zu domestizieren, weshalb man am besten einfach nur Schafe draufstellt. Ich fuhr auf den neuen Straßen Kurven und Kürvchen, und es wurde einfach nie langweilig, weil es grün ist und die Städte so bunt und alles so klein und winkelig.

Unter Ausnutzung der Zentrifugalkräfte

Und warum sollte ich mich gegen all das wehren, wenn auch die Iren selbst dieses Irland immer wieder für sich bekräftigen? Weil England zwar friedlich ist und Europa ein Segen, weil man aber immer noch nicht so ganz glauben kann, dass einmal alles gut werden soll. Weil ja auch die Tigerjahre ein Ende nahmen. Und die Krisenjahre vermutlich bald vorbei sein werden. Und wer weiß, was dann aus einem wird mit diesem Europa, dem man sich so bereitwillig und vollständig anvertraut hat. Besser, man vergisst nicht, wer man ist, und wenn es nur die Klischees sind, die auch bei den Touristen schon verfangen haben.

Immerhin gibt es jetzt Käse und Guinness-Eis und Autobahnen, das ist neu. Aber schön, wenn man sich an etwas festhalten kann und an jemandem. Wie wir, Sandra und ich, die wir gemeinsam unter voller Ausnutzung der Zentrifugalkräfte einen halbminütigen Swing auf dem Parkettboden des Pubs hinkreiseln, dass uns so schwindlig wird und die Knie so weich, dass wir uns das Guinness sparen können und das Heineken erst recht.

Informationen erteilt die Irische Fremdenverkehrszentrale in Frankfurt, Telefon: 069/66800950, im Internet unter www.entdeckeirland.de.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen