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Irland : In den Ginster sinken

Es gibt dieses Irland: Wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor, schrieb schon Heinrich Böll. Bild: Photographer: Markus Gann http:

Wenn alle Irlandklischees wahr werden, liegt es vielleicht an Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“ im Gepäck – oder an Achill Island

          Wer so arm werden will, wie Heinrich Böll es war, als er 1954 zum ersten Mal nach Irland kam, muss nicht einmal so viel rauchen, wie er es tat – ein bisschen genügt schon, denn eine Schachtel Zigaretten kostet derzeit 11,60 Euro auf der Grünen Insel. Der Automat rundet auf zum Dutzend, es ist fast poetisch.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber man kommt ja auch nicht zum Rauchen nach Irland, sondern vielleicht eher wegen der guten Luft; die folkloristischen Binsen von den Iren als Weltmeistern im Zigarettenrauchen oder auch Whiskeytrinken, mit denen Bölls „Irisches Tagebuch“ beginnt, sind wohl längst nicht mehr wahr, wenn sie es denn je waren.

          Ob Bölls berühmtes Reisebuch überhaupt realistisch war, ist umstritten – einen Hinweis auf poetische Überhöhung der Wirklichkeit hatte er ihm ohnehin schon selbst geschickt eingeschrieben („Es gibt dieses Irland: Wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor“). Während manche Kritiker sich damals vor Begeisterung überschlugen angesichts des im Vergleich zu Bölls bisheriger Prosa fast lyrischen Werks, sahen andere darin eine romantisierte, idealisierte Irland-Darstellung im „teuto-keltischen Zwielicht“.

          Im unglaublichen Licht

          Unstrittig aber ist die Wirkung des Buchs auf unzählige Leser, die daraufhin als Touristen nach Irland fuhren, vielleicht wegen Passagen wie dieser: „Ringsum Meer, dunkelbraun wie Mahagoni sind die Berge, hellbraun die Täler eingezeichnet, schwarz die Straßen und Wege, grün die kleinen kultivierten Flächen um die winzigen Dörfer herum, und überall sticht die blaue Zunge der See in Buchten weit in die Insel vor“ – und wie man in einem alten Witz sagt: „Und dat war erst der Kopp“, muss man hier sagen: Und das war erst Bölls Beschreibung der Landkarte! Wenn es um die tatsächliche Landschaft geht, legt er sogar noch einen drauf: „Wie grün das Grün dieser Bäume ist, lässt sich nicht beschreiben“, heißt es da einmal. Das ist Kitsch, könnte man denken – und dann steht man auf Achill Island, mitten in dem unglaublichen Licht, tief im Torf, tief im Ginster, und glaubt Böll plötzlich doch jedes Wort.

          Gelber geht’s nicht: Ginster.
          Gelber geht’s nicht: Ginster. : Bild: Jan Wiele

          Sechzig Jahre ist die Erstveröffentlichung des „Irischen Tagebuchs“ von 1957 nun bald her – und die angesichts dessen sich aufdrängende Frage, ob es immer noch Gültigkeit besitzt, mag in vieler Hinsicht mit Nein beantwortet werden. Denn Irland hat sich grundlegend verändert, wirtschaftlich, gesellschaftlich, das Land mit dem jahrhundertealten, familienzerreißenden Trauma der Emigration aus schierer Not – „sicher ist, dass von den neun Kindern der Mrs. D. fünf oder sechs auswandern müssen“, schrieb Böll in einer Episode über dieses Thema – ist vorübergehend sogar zum Einwanderungsland geworden. Auch die erneute Krise nach dem Finanzcrash von 2008 scheint schon wieder einigermaßen bewältigt.

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