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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Insel im Ärmelkanal Sark und wie es die Welt sah

 ·  Seit Jahren versuchen zwei britische Milliardäre, auf der winzigen Kanalinsel Sark die Demokratie einzuführen. Doch viele Insulaner haben kein Interesse und wollen lieber alles so lassen wie es ist: traditionell.

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© Camille Moirenc/hemis.fr/laif Die Insel Sark aus der Luft: „La Coupée“ heißt die Verbindung zwischen „Big Sark“ und „Little Sark“, die beiden Teile der verschlafenen Insel im Ärmelkanal

Sark ist eine sehr kleine Insel im Ärmelkanal. Das Meer, aus dem sie herausragt, scheint sich alle paar Stunden neu zu entscheiden, ob es jetzt noch ruhige Nordsee oder schon ausgewachsener, stürmischer Atlantischer Ozean sein möchte. Die Lage auf der Landkarte würde beides erlauben. Es ist zehn Uhr morgens. Gleich wird die erste Fähre des Tages von der Nachbarinsel unten im Hafen ankommen. Ein kleiner Traktor poltert den sandigen Abhang hinunter. Im Schlepptau hat er einen Anhänger, der ein bisschen so aussieht wie ein zu groß geratener englischer Toasthalter. Auf dem Rückweg wird er beladen sein mit gutgelaunten, mittelalten Pärchen in kurzen Hosen, Tennissocken und den winzigen Lederrucksäckchen, die nur Frauen zwischen 45 und 65 tragen können. An den zwei staubigen Straßen, die die geschäftigste Kreuzung der Insel bilden, werden sie aussteigen und sich verstreuen.

Sie werden den nur ein, zwei Stunden dauernden Fußweg um die ganze Insel herum machen, einmal an ihren ringsum reichenden Steilküsten entlang. Sie werden die erstaunlich mediterrane Vegetation bewundern und im Garten von „Sue’s Bed and Breakfast“ vielleicht einen „Cream Tea“ trinken. Autos waren hier noch nie erlaubt, asphaltierte Straßen auch nicht. Und dass seit einigen Jahren immer wieder über die Insel schwirrt, es gebe Pläne, Straßenlaternen aufzustellen und so den klaren Sternenhimmel zu ruinieren, ist auch nur ein böses politisches Gerücht. Denn seit einigen Jahren wird auf Sark - aller Idylle zum Trotz - politisch intrigiert.

Disneyschlösschen mit Hubschrauberlandeplatz

Bis vor gar nicht langer Zeit, bis 2008, um genau zu sein, wurden die Sarkees, wie die sehr freundlichen, aber manchmal etwas kauzigen Inselbewohner heißen, vom letzten Feudalstaat Europas regiert. Wie die anderen Kanalinseln ist Sark nämlich nicht Teil von Großbritannien, sondern direktes Eigentum der britischen Krone. Irgendwann im 16. Jahrhundert hatte Elisabeth I. einem kleinen Fürsten erlaubt, hier zu siedeln und sich selbst zu regieren. Im Gegenzug verlangte sie nur eine Art Miete, die dann ein paar Hundert Jahre lang nicht an die Inflation angepasst wurde und deswegen heute um die zwei Pfund Sterling beträgt.

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Um die alte Seigneurie liegt ein großer Garten © Quark Um die alte Seigneurie liegt ein großer Garten

Der „Seigneur“, wie fast alles auf der Insel hat auch das Staatsoberhaupt einen altertümlich-französisch klingenden Namen, bekam seinen Titel vererbt, und zusammen mit den Landbesitzern lenkte er die Geschicke der Insel gerade so, dass genug Zeit blieb, um sich noch dem schönen, großen Garten der Seigneurie zu widmen. Es gab zu tun, aber nicht zu viel. Die Außenpolitik bestand 400 Jahre lang fast ausschließlich in dem Bemühen, gut, aber nicht zu gut mit England befreundet zu sein. Der aktuell amtierende Seigneur hatte vor dem Amtsantritt als Landschaftsingenieur gearbeitet und vertrieb sich die staatsoberhauptliche Zeit, indem er beispielsweise eigenhändig ein Heckenlabyrinth für die Kinder der Insel anlegte.

Zu ändern begann sich das alles erst, als die britischen Zwillinge David und Frederick Barclay, denen in England ein milliardenschweres Zeitungsimperium gehört, vor ein paar Jahren Brecqhou kauften, einen kleinen Felsen vor der Küste Sarks. Sie bauten sich dort ein ziemlich absurdes, neogotisches Disneyschlösschen, und während andere die Insel nur mit dem Boot erreichen können, leisteten sie sich einen Hubschrauberlandeplatz. Irgendwann entschlossen sich die beiden, mit viel Geld und vielen Anwälten vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen und so einen Verfassungswechsel mehr oder weniger zu erzwingen. Fortschritt und Demokratie sollten auf der Insel Einzug halten, sagten sie, aber auf Sark munkelt man, dass es den beiden beim Fortschritt vor allem um eine der eigenen Vermögensplanung zuträgliche Änderung im traditionellen Erbrecht ging.

Streit auf der Insel

Die Barclays wurden auch auf der Hauptinsel aktiv und kauften vier von sechs Hotels auf Sark. Alle englischen Zeitungen schrieben über die neuen Streitigkeiten in diesem bis dahin zwar schönen, aber vor allem auch verschlafenen und schrulligen Ort. Jetzt gebe es auf der Insel zwei Lager, schrieben sie. Die, bei denen die Zwillinge Sir David und Sir Frederick heißen und die sich über die Investitionen und Jobs für junge Sarkees freuen. Und solche, die manchmal nur von „den Reichen“ reden und eine feindliche Übernahme der Insel befürchten.

Letztere kann man leicht treffen. Reginald Guille, ein energischer 75-Jähriger mit weißem Walrossschnurrbart, ist der amtierende „Seneschal“, also Inselrichter, Justizminister, Parlamentsvorsitzender und Polizeipräsident in einer Person. Er ist einer der Lieblingsgegner der Barclays. Wenn man ihn in seinem winzigen, dünnwandigen Büro besucht, dann darf er sich wegen seines Amtes zwar nicht offen zu politischen Fragen äußern, aber dass er jedes Mal einen abfälligen Grunzer von sich gibt, wenn man von den Zwillingen anfängt, sagt eigentlich schon genug. Nur kurz erzählt er von der Gegenseite. Die Barclays selber habe er eigentlich noch so gut wie nie auf der Insel gesehen. An ihrer Stelle schlage ein exzentrischer Verwalter namens Kevin Delaney die Schlachten. Er erzählt vom „Sark Newsletter“, den Delaney jede Woche ungefragt an alle Haushalte der Insel verteilt, und hält ein Exemplar von vor einigen Wochen hoch. Er selbst ist mit einem unvorteilhaften Bild auf der Titelseite abgebildet. Der Text, verfasst von Delaney, beschimpft ihn in hitzigem Ton als „unqualifizierten Gesetzeslosen“.

Ein Weinberg mitten im Meer

Wer sich den Barclays nähern will, muss also zu ihnen kommen, und seit März dieses Jahres darf man das auch ganz offiziell. Um ihren vier Hotels einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der viel besser ausgebuchten, unabhängigen Konkurrenz zu verschaffen, gehört dort jetzt zu jeder Buchung auch ein Ticket für eine Bootstour zur Barclay-Privatinsel.

Ins Schloss kommt man zwar nicht, darf aber dafür bewundern, wie es die beiden mit Hilfe des britischen Kitscharchitekten Quinlan Terry geschafft haben, ihrem persönlichen Felsen wirklich alles Felsenhafte auszutreiben. Brecqhou ist jetzt mit manikürtem Rasen bedeckt, ein künstlicher Fluss fließt über künstliche Wasserfälle, darüber führen romantische kleine Fußgängerbrücken. Und weil man als Milliardär natürlich auch ein exzentrisches Hobby braucht, haben es sich die Barcleys vor einigen Jahren in den Kopf gesetzt, hier, mitten in der Schussbahn ständiger salzhaltiger Winde, einen Weinberg anzulegen.

Die zwei Seiten der Insel

Auch wer nicht in den Barclay-Hotels wohnen möchte, sondern zum Beispiel in der versteckten „Sablonnerie“, wo die charmant-exzentrische Besitzerin Elizabeth den ganzen Tag durchs Haus läuft und sich gerne mit jedem Gast über die geschmacklichen Vorzüge des heimischen Hummers unterhält, sollte sich Sark auch auf dem Seeweg ansehen. Nur übers Wasser gelangt man nämlich zu den unzähligen kleinen Höhlen, die das ausdauernd gegen den Granit anrennende Meer in die Küste geschält hat. Bei „Budgie“, einem handfesten, gesprächigen Iren, der schon lange auf Sark wohnt, kann man Touren mit Meereskajaks buchen. Im Sommer kann man so den Papageientauchern zugucken, wie sie auf dem Meer herumgondeln und gelegentlich mit ihren bunten Schnäbeln das Meer zerfräsen. Auf den Streit angesprochen, fängt er fröhlich an zu theoretisieren.

„Es liegt eigentlich in der Natur dieser Insel, dass alles zwei Seiten hat. So groß wie hier ist der Unterschied zwischen Ebbe und Flut sonst fast nirgendwo. Wenn du in sechs Stunden wieder hierherkommst“, sagt er und paddelt mit Anlauf in eine Felsspalte, die zwar sieben Meter hoch, aber kaum breit genug für das Paddel ist, „dann ist das hier alles Meer.“ Erst als er gefragt wird, ob man denn mal nach Brecqhou rüberkönne, weicht er aus und erzählt etwas von ungünstigen Strömungen. Wie viele auf der Insel lebt er in gewisser Weise von den neuen Investoren. Im Winter, wenn es zum Kajakfahren zu kalt ist, verrichtet er in den Barclay-Hotels allerlei Schreiner- und Renovierungsarbeiten.

Kein Mini-England auf Sark

Auf Sark haben die Häuser keine Nummern, sondern Namen. Weil man sich bei gerade mal 600 Einwohnern sowieso untereinander kennt, ist das nicht nur schöner, sondern auch praktisch. „Rosenheim“ ist der Name des adretten, weinrot gestrichenen Häuschens, das Werner Rang vor sechzig Jahren für sich und seine Frau gebaut hat. Rang ist der charmanteste und eloquenteste 94-Jährige, den man sich vorstellen kann. Ein paar Minuten vor der vereinbarten Zeit steht er schon im Vorgarten - weißes Hemd, Ärmelhalter, Hosenträger - und betastet prüfend die Hortensien. Er freue sich immer sehr über Besuch, mit dem er Deutsch sprechen könne, sagt er und summt ein Paul-Lincke-Lied. Werner Rang stammt eigentlich aus Thüringen.

Nach Sark kam er während des Zweiten Weltkriegs als Wehrmachtssanitäter. Wegen der strategisch wichtigen Position der Kanalinseln waren hier von 1940 bis 1945 rund zwanzig deutsche Soldaten stationiert. Rang blieb, heiratete ein Mädchen von der Insel und ist heute nicht nur der älteste, sondern auch einer der beliebtesten Bewohner der Insel. Wie jeder gestandene Ortsansässige saß er 36 Jahre lang im Inselparlament und war auch lange „Constable“, ein nur mit einem Holzknüppel bewaffneter Inselpolizist. Ausgerechnet er, der mal als Besatzer hergekommen war, habe einmal Elisabeth II. über die Insel eskortieren dürfen, erzählt er und kann den leisen Stolz nicht verbergen.

Die Frage nach der politischen Diskussion beantwortet aber seine Frau. Auch sie halte nicht eben viel von den Barclays, aber zum Inselleben gehöre es eben, vor allem pragmatisch zu denken und sich aus den Angelegenheiten anderer Leute herauszuhalten. „Je länger das alles dauert, desto mehr wird Sark zu einem Mini-England“, sagt sie. Und es hört sich an, als könne sie sich etwas Schlimmeres kaum vorstellen.

Der Weg nach Sark

Anreise  Die Airline Flybe fliegt von Düsseldorf nach Guernsey: http://de.flybe.com. Von dort fährt eine Fähre nach Sark, die Fahrpläne variieren je nach Jahreszeit: www.sarkshippingcompany.com.
Unterkunft Die beiden schönsten Hotels der Insel sind noch Barclay-unabhängig, „La Sablonnerie“ und „Stocks“. Letzteres betreibt Paul Armorgies Familie seit 40 Jahren in einem alten Gutshaus aus ortstypischen Granitsteinen. Gerade ist die geschmackvolle Erweiterung fertig geworden. Preiswerter wohnt man in einem der vielen Guest Houses. Infos: www.stockshotel.com oder www.sablonneriesark.com
Meer Kajaktouren mit „Budgie“ bietet Adventure Sark an (www.adventuresark.com). Wer es weniger sportlich mag und sich für Sarks Fauna interessiert, der bucht eine Bootstour mit George Guille. Das ist möglich unter Telefon 0044/0/1481832107.
Weitere Informationen sowie eine Liste der Guest Houses gibt es unter www.sark.co.uk.

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