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Veröffentlicht: 14.10.2014, 18:37 Uhr

Indonesien Der Kuss der Totenschädel

Im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi lebt ein Volk, das sich vor dem Tod nicht fürchtet, sondern ihn verehrt: die Toraja, die einen einzigartigen Ahnenkult pflegen.

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© (c) adwit b pramono/Demotix/Corb Lächeln für die Ewigkeit: Die Grabstätte Kete Kesu im Land der Toraja

Der Tote ist gar nicht tot, obwohl er seit sechs Monaten keinen Atemzug mehr getan hat. Er ist nur krank gewesen, lag einbalsamiert im Schlafzimmer seines Hauses, bekam jeden Tag sein Essen und seine Zigaretten, rührte beides jedoch nicht an und wartet jetzt als guter Animist geduldig auf seine Reise ins Seelenland, die genau in dem Moment beginnt, in dem die Machete die Kehle des ersten Wasserbüffels durchtrennt. Dann erst, wenn der Boden mit Blut getränkt ist, wird der Tote tot sein.

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Der Büffel scheint zu wissen, was ihn erwartet. Seelenruhig steht er auf dem Opferplatz, nur an einem Nasenstrick von seinem Besitzer gehalten, der das Tier noch einmal zärtlich streichelt wie ein Kind. Dann drückt er den gewaltigen Kopf nach oben, spannt dadurch Haut und Muskeln an der Gurgel und zerhackt sie blitzschnell mit einem präzisen Hieb. Wie eine Fontäne spitzt jetzt das Blut aus der Wunde, wie von der Tarantel gestochen, bäumt sich der Büffel auf, wirft seinen Schädel hin und her, noch immer gespenstisch lautlos, ohne den verzweifelten Zorn des Todgeweihten. Irgendwann sinkt er zu Boden, zuckt minutenlang, als jagten Stromstöße durch seine Muskeln, schnappt mit seiner Luftröhre ins Leere, beginnt schließlich zu zittern, als klammere er sich an den letzten Rest Leben in seinem Leib oder auch als schüttele er ihn aus dem nutzlosen Körper, und liegt erst nach einer endlos langen halben Stunde reglos im roten Staub.

Verlorene Heimat

In seinen toten Augen liegt keine Spur von Angst, der Wasserbüffel sieht vielmehr aus, als habe er Frieden mit seinem Schicksal geschlossen und sage sich: Ein schönes Leben habe ich gelebt, grasend auf den Reisfeldern, verwöhnt wie eine Mimose, ein Koloss, der behandelt wurde wie eine Prinzessin auf der Erbse. Und nun ist es an der Zeit, eine heilige, meine eigentliche Aufgabe zu erfüllen: den endlich richtig toten Bauern nach Puya, in das Paradies der Toraja, zu geleiten.

Das Leben der Toraja kreist um den Tod, seit sie aus Kambodscha oder aus dem Süden Chinas nach Sulawesi kamen, so viele Jahrtausende ist das her, dass niemand mehr ihre ursprüngliche Heimat kennt. Doch die Sehnsucht danach ist ungebrochen. Und so richten sie bis heute ihre Häuser nach Norden aus und bauen sie in der Form von Schiffsrümpfen, als seien es Archen, die sie eines Tages wieder nach Hause bringen werden. Dabei leben die Toraja weit entfernt vom Meer, weil sie vor fünf Jahrhunderten in das Hochland von Sulawesi flüchteten, als der Islam in Indonesien immer weiter vorrückte und keine Götter neben Allah duldete. Die stolzen Toraja aber wollten ihren Himmelsherrschern nicht abschwören und verrieten auch sonst ihre Traditionen nicht. Sie teilten weiterhin ihre Gesellschaft streng hierarchisch in drei Klassen ein, verbreiteten als Kopfjäger Angst und Schrecken und hielten selbst dann noch an Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Sklavenmärkten fest, als der Mensch schon auf den Mond flog.

Wasserbüffel weisen den Weg

Nicht einmal die engelsgeduldigen, niederländischen Missionare, die dieses wilde, fünfhunderttausend Menschen zählende Volk von seinem Totenkult heilen wollten, hatten nennenswerten Erfolg. Kirchen und Kreuze sieht man zwar überall, doch im Grunde ihrer Seelen sind die Toraja Animisten geblieben, die sich auf ihrem Weg ins Paradies lieber Wasserbüffeln als dem Heiligen Geist anvertrauen. So hat hinter den sieben Bergen Sulawesis eine Kultur der Totenverehrung und der Todesverherrlichung alle Zeitenstürme überlebt, die es kein zweites Mal auf Erden gibt - und die inzwischen zur größten Touristenattraktion auf der viertgrößten indonesischen Insel geworden ist.

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