http://www.faz.net/-gxh-7v3qp

Indonesien : Der Kuss der Totenschädel

Lächeln für die Ewigkeit: Die Grabstätte Kete Kesu im Land der Toraja Bild: (c) adwit b pramono/Demotix/Corb

Im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi lebt ein Volk, das sich vor dem Tod nicht fürchtet, sondern ihn verehrt: die Toraja, die einen einzigartigen Ahnenkult pflegen.

          Der Tote ist gar nicht tot, obwohl er seit sechs Monaten keinen Atemzug mehr getan hat. Er ist nur krank gewesen, lag einbalsamiert im Schlafzimmer seines Hauses, bekam jeden Tag sein Essen und seine Zigaretten, rührte beides jedoch nicht an und wartet jetzt als guter Animist geduldig auf seine Reise ins Seelenland, die genau in dem Moment beginnt, in dem die Machete die Kehle des ersten Wasserbüffels durchtrennt. Dann erst, wenn der Boden mit Blut getränkt ist, wird der Tote tot sein.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Der Büffel scheint zu wissen, was ihn erwartet. Seelenruhig steht er auf dem Opferplatz, nur an einem Nasenstrick von seinem Besitzer gehalten, der das Tier noch einmal zärtlich streichelt wie ein Kind. Dann drückt er den gewaltigen Kopf nach oben, spannt dadurch Haut und Muskeln an der Gurgel und zerhackt sie blitzschnell mit einem präzisen Hieb. Wie eine Fontäne spitzt jetzt das Blut aus der Wunde, wie von der Tarantel gestochen, bäumt sich der Büffel auf, wirft seinen Schädel hin und her, noch immer gespenstisch lautlos, ohne den verzweifelten Zorn des Todgeweihten. Irgendwann sinkt er zu Boden, zuckt minutenlang, als jagten Stromstöße durch seine Muskeln, schnappt mit seiner Luftröhre ins Leere, beginnt schließlich zu zittern, als klammere er sich an den letzten Rest Leben in seinem Leib oder auch als schüttele er ihn aus dem nutzlosen Körper, und liegt erst nach einer endlos langen halben Stunde reglos im roten Staub.

          Verlorene Heimat

          In seinen toten Augen liegt keine Spur von Angst, der Wasserbüffel sieht vielmehr aus, als habe er Frieden mit seinem Schicksal geschlossen und sage sich: Ein schönes Leben habe ich gelebt, grasend auf den Reisfeldern, verwöhnt wie eine Mimose, ein Koloss, der behandelt wurde wie eine Prinzessin auf der Erbse. Und nun ist es an der Zeit, eine heilige, meine eigentliche Aufgabe zu erfüllen: den endlich richtig toten Bauern nach Puya, in das Paradies der Toraja, zu geleiten.

          Das Leben der Toraja kreist um den Tod, seit sie aus Kambodscha oder aus dem Süden Chinas nach Sulawesi kamen, so viele Jahrtausende ist das her, dass niemand mehr ihre ursprüngliche Heimat kennt. Doch die Sehnsucht danach ist ungebrochen. Und so richten sie bis heute ihre Häuser nach Norden aus und bauen sie in der Form von Schiffsrümpfen, als seien es Archen, die sie eines Tages wieder nach Hause bringen werden. Dabei leben die Toraja weit entfernt vom Meer, weil sie vor fünf Jahrhunderten in das Hochland von Sulawesi flüchteten, als der Islam in Indonesien immer weiter vorrückte und keine Götter neben Allah duldete. Die stolzen Toraja aber wollten ihren Himmelsherrschern nicht abschwören und verrieten auch sonst ihre Traditionen nicht. Sie teilten weiterhin ihre Gesellschaft streng hierarchisch in drei Klassen ein, verbreiteten als Kopfjäger Angst und Schrecken und hielten selbst dann noch an Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Sklavenmärkten fest, als der Mensch schon auf den Mond flog.

          Wasserbüffel weisen den Weg

          Nicht einmal die engelsgeduldigen, niederländischen Missionare, die dieses wilde, fünfhunderttausend Menschen zählende Volk von seinem Totenkult heilen wollten, hatten nennenswerten Erfolg. Kirchen und Kreuze sieht man zwar überall, doch im Grunde ihrer Seelen sind die Toraja Animisten geblieben, die sich auf ihrem Weg ins Paradies lieber Wasserbüffeln als dem Heiligen Geist anvertrauen. So hat hinter den sieben Bergen Sulawesis eine Kultur der Totenverehrung und der Todesverherrlichung alle Zeitenstürme überlebt, die es kein zweites Mal auf Erden gibt - und die inzwischen zur größten Touristenattraktion auf der viertgrößten indonesischen Insel geworden ist.

          Weitere Themen

          Mindestens 39 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien Video-Seite öffnen

          Iberische Halbinsel : Mindestens 39 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien

          Bei den Waldbränden in Spanien und Portugal sind mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen. Besonders verheerend waren die Brände in Portugal. Neben für die Jahreszeit ungewöhnlich hohen Temperaturen und starker Trockenheit wurden die Feuer auch von Ausläufern des an der iberischen Halbinsel vorbeigezogenen Wirbelsturms „Ophelia“ angefacht.

          Topmeldungen

          Bringen die SPD wieder voran? Martin Schulz (vorne), Stephan Weil und Thorsten Schäfer-Gümbel.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

          Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.