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Sri Lankas unberührter Norden : Die Heldentat des braven Soldaten Kularatne

Reisfelder und Natur, soweit das Auge reicht: Der Norden von Sri Lanka ist touristisch kaum erschlossen. Bild: Picture-Alliance

Sri Lankas Süden ist touristisch komplett erschlossen, der Norden hingegen kaum. Das lässt viel Raum für Begegnungen mit Leoparden, Rattenschlangen oder der Inbrunst des Glaubens der Buddhisten, Christen und Hindus.

          Wir sind nie eine Leuchte in Mathematik gewesen, aber für ein bisschen Addieren und Dividieren reicht es noch: Hunderttausend Hektar ist das Kerngebiet des Wilpattu-Nationalparks im Nordwesten Sri Lankas groß, so groß wie alle dreizehn deutschen Weinbaugebiete zusammen, eine Riesenfläche, die sich geschätzte vierzig Leoparden als Lebensraum teilen. Das macht ein Raubtier pro zweitausendfünfhundert Hektar, und das bedeutet, dass wir gerade im gesamten Rheingau zwischen Rüdesheim, Kloster Eberbach und Schloss Johannisberg nach lächerlichen zwei Leoparden Ausschau halten – und das auch noch im Dickicht. Wir machen gute Miene zum absurden Spiel, sitzen brav in unserem offenen Jeep, sehen von Leoparden natürlich keine Spur und trösten uns stattdessen mit ihren Mitbewohnern. Axishirsche grasen mit Rehkitzen einträchtig im Unterholz, Languren turnen zwischen Tukanen durchs Geäst, Pfauen stolzieren mit Reihern um die Wette. Dann patrouillieren Leguane und Lippenbären so frech über die Sandpisten, als gehörten sie ganz alleine ihnen, während ein Wasserbüffel so entspannt in seinem Wasserloch hockt, als nähme er gerade ein Bad im Jacuzzi, und ein indischer Elefant so erwartungsfroh am Ufer eines Lotusblumensees steht, als habe er eine Verabredung mit Mogli.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Leoparden braucht man nicht, wenn man sich hunderttausend Hektar Wildnis mit zwei Dutzend anderen Jeeps teilen darf, keine Safari-Staus wie in Tansania oder Südafrika fürchten muss und all die Farbenpracht der Schmetterlinge, all die Formenvielfalt des Astwerks in stiller Andacht betrachten kann. Manchmal sehen die Äste aus wie Tentakeln, dann wieder wie Galgenstricke, hier ringeln sie sich als harmlose Luftschlangen in der Luft, dort winden sie sich um einen Stamm wie das Reptilienhaar um Medusas Haupt. Und als wir fast schon glauben wollen, in diesem Idyll der raubtierfreien Friedfertigkeit verzichte die Natur ausnahmsweise auf das Gebot des Fressens und Gefressenwerdens, huscht an einem Seeufer eine sehr lange Rattenschlange sehr schnell ins Unterholz, um nicht unterwegs zum Abendessen eines Haubenadlers zu werden, während der vermeintlich tote Baumstamm auf der Wasseroberfläche unvermittelt abtaucht, um gleich danach sein äußerst lebendiges Krokodilmaul aufzusperren.

          Dann herrscht plötzlich Leoparden-Alarm. Angeblich ist einer gesichtet worden, am Seeufer schlafend auf einem Baum. Die zwei Dutzend Jeeps rasen hin und stehen Minuten später ernüchtert vor dem fehlalarmistischen Gestrüpp. Hundert Augenpaare richten sich auf den Wirrwarr an Ästen und wären schon froh, einen Flecken Leopardenfell zu erspähen, doch nicht einmal das ist uns vergönnt. Sucht schön weiter, sagen wir uns jetzt endgültig, aber ohne uns, und bitten den Guide, zum Ausgang zu fahren, was er auch klaglos tut, um nach zwei Kilometern abrupt anzuhalten, den Finger an seine Lippen zu legen und dann im Zeitlupentempo auf eine kleine Lichtung mit künstlichem Wasserloch zuzurollen.

          Leoparden sind auf Safaris in Sri Lanka ein äußerst seltener Anblick.

          Seltene Begegnung

          Dort liegt ein junges Leoparden-Weibchen so ungeniert im Gras, als sei es eine Löwenfamilie unter einer Schirmakazie in der Serengeti, erledigt in aller Ruhe seine Abendtoilette, schlendert danach genauso gelassen zum Wasserloch, bewegt sich dabei mit dieser phantastischen Kombination aus graziler Eleganz und mörderischer Kraft, gönnt sich dann noch eine kleine Promenade auf der Piste und verschwindet schließlich in aller Gemütsruhe im Dickicht. So etwas sehe man nur alle Jubeljahre, jubiliert unser Fahrer, den scheusten Bewohner des Dschungels so ausgiebig Auge in Auge betrachten zu dürfen, heute sei ein Feiertag. Und wir geloben in feierlicher Demut, künftig bei der Fauna deutscher Weinberge nur noch an Weinbergschnecken zu denken.

          Der Wilpattu-Nationalpark, der größte des Landes, lag jahrelang in der Kampfzone des Bürgerkriegs zwischen singhalesischen Nationalisten und tamilischen Separatisten, die im offiziellen Sprachgebrauch prinzipiell als „tamilische Terroristen“ bezeichnet werden. Der Bruderkampf tobte von 1983 bis 2009, wurde von beiden Seiten mit bestialischer Brutalität geführt, kostete hunderttausend Menschen das Leben und machte auch vor einem Naturschatz wie Wilpattu nicht halt. Die Tamilen legten dort so viele Landminen, dass der Nationalpark 1985 geschlossen werden musste und erst 2010 wiedereröffnet werden konnte. Seither ist er zum Sinnbild eines wenn auch erst sehr bescheidenen touristischen Aufschwungs in den ehemaligen Kampfgebieten und damit auch zu einem Symbol der nationalen Versöhnung nach den Brudermorden geworden.

          Um Frieden, Sanftmut und Menschenliebe dreht sich nun auch wieder alles in Anuradhapura dreißig Kilometer östlich von Wilpattu, der großen, alten Königsstadt der Insel und neben Kandy, das einen Backenzahn Buddhas verwahrt, der heiligste Ort aller Buddhisten Sri Lankas. Dutzende archäologischer Stätten, die während des Krieges immer wieder das Ziel tamilischer Selbstmordattentäter waren, liegen weit verstreut zwischen Reisfeldern, Mangobäumen, Kokospalmen, Bananenstauden und unheiligen Kühen, die Überreste eines buddhistischen Klosters etwa, das rund um erodierte Granitmonolithen in Einfamilienhausgröße erbaut wurde. Bis heute erkennt man die Spuren seiner Eremiten-Behausungen, Inschriften, steinerne Stufen und Vertiefungen im Fels, kaum größer als ein Sitzkissen, in denen heilige Männer Jahr um Jahr, vielleicht auch Jahrzehnt um Jahrzehnt auf dem Weg der Erleuchtung meditierten.

          Der heiligste Ort könnte unauffälliger nicht sein

          Überragt wird Anuradhapura von den Dagobas, Sri Lankas Variante der Stupas, riesenhaften Ziegelsteinbauten, die rund um Reliquien Buddhas errichtet und danach für alle Zeiten verschlossen wurden – so wie die Dagoba Jetavana, die vor zwei Jahrtausenden mehr als hundert Meter hoch und damals eines der höchsten Gebäude der Welt war, ein Koloss aus 1,8 Millionen Ziegelsteinen, dessen Putz längst abgeblättert, dessen Turm längst eingestürzt ist und der trotzdem seine Reliquie unerschütterlich für alle Zeiten hütet. Die Dagoba Ruvanaeli Saeya strahlt hingegen wie am ersten Tag, eine himmelblaue Kuppel auf kreisrundem Podest, mächtig wie der Petersdom, gekrönt von einem quadratischen Turmaufbau und einer goldenen Spitze, ringsum geschmückt mit einem goldenen Stoffband und golden gestrichenen Kokosnüssen als Opfergaben, ein Fanal für die Ewigkeit mit einer einzigen Botschaft: Selbst ein Haar, ein Zahn, selbst das winzigste Knochenstückchen des Erleuchteten ist es wert, einen solch monumentalen Reliquienpalast zu errichten.

          Der Tempel Dagoba Jetavana war einst eines der höchsten Gebäude der Welt.

          Das höchste Heiligtum aber, das Anuradhapura erst zu einer einzigartigen Melange aus toten Steinen und lebendigem Glauben macht, ist ein schlichter Baum, der von Hunderten steinerner Elefanten bewacht, Tausenden Wimpeln in den fünf Farben des Buddhismus geschmückt und einem goldenen Zackenzaun eingefasst wird. Es ist ein Ableger jenes Bodhi-Baumes, unter dem Buddha seinen Weg ins Nirwana und der seinerseits im dritten Jahrhundert vor Christus wundersamerweise seinen Weg nach Sri Lanka fand. Es ist also nichts weniger als der Baum der Erleuchtung selbst, zu dem die Gläubigen aus dem ganzen Land nicht nur an hohen Feiertagen pilgern, ausnahmslos barfuß, ausnahmslos in Weiß gekleidet, der Farbe der Reinheit, schwer bepackt mit Opfergaben, mit Reis und Früchten, Lotusblüten und Wasserlilien, Koriander und Kurkuma, Safran und Sandelholz. Wie in einem Bienenkorb surrt und schwirrt es rund um den Bodhi-Baum vom Murmeln ihrer Mantras, die nie zu verstummen scheinen, weil der Nachschub an Wallfahrern unerschöpflich ist. Und trotzdem geht es so entspannt und friedfertig wie bei einem Sonntagsausflug der großen buddhistischen Glaubensfamilie zu, woran auch die Horden von Makaken und Languren nichts ändern können, die sich halsbrecherische Verfolgungsjagden mit den wilden Hunden am Sri Mahabodhi liefern.

          Der heiligste Ort von Sri Lankas Katholiken, hundert Kilometer nördlich vom höchsten Heiligtum der Buddhisten gelegen, könnte nur auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Madhu ist eine schmucklose Kirche mit Vordächern aus Wellblech, die eher an eine große Baracke erinnert, woran auch eine neoklassizistische Fassade in Vanillegelb und Blaubeerblau mit der Aufschrift „Ave Maria“ in tamilischer, singhalesischer und lateinischer Schrift nichts ändert. Die Holzsäulen im Kirchenraum sind von nackter Schlichtheit, die stilisierten Pfauenräder aus Buntglas über den Doppeltüren die einzige Dekoration, und selbst die Bänke hat man sich gespart. Barfuß sitzen die Gläubigen auf dem blanken Boden oder quälen sich, auf den Knien schmerzensreich vorwärts rutschend, in einem eigens dafür abgesperrten Mittelgang der Muttergottes am Altar entgegen, wie alle anderen auch unablässig „Ave Marias“ murmelnd.

          Relikte des Krieges

          Für die Pilger auf der Suche nach stiller Einkehr gibt es einen Andachtspavillon, in dem eine Plakette an den Besuch von Papst Franziskus erinnert, während die Jungfrau Maria dort von zwei kitschigen Engeln in Konfirmationskleidern und zwei vergoldeten Putten mit Blumenkübeln auf der Schulter umrahmt wird, die aussehen, als stammten sie aus der Gartenabteilung eines Heimwerkermarkts. Doch das spielt keine Rolle, denn es geht um etwas ganz anderes: um eine Inbrunst des Glaubens bar jeder Verbissenheit, die in Madhu genauso wie in Anuradhapura gelebt wird, um einen Ernst ohne Freudlosigkeit, um Rituale voller Leben. Die Katholiken beten und bitten, knien und singen vor der Mutter des Erlösers genauso, wie es die Buddhisten vor dem Baum der Erleuchtung tun, selbst die Haltung der geöffneten Hände ist dieselbe, und selbst der hartherzigste Agnostiker könnte hier auf den Gedanken kommen, dass es, sollte es doch einen Gott geben, immer derselbe ist.

          Die Festung von Jaffna wurde zuletzt 1792 von den Niederländern umgebaut. Im Bürgerkrieg war sie hart umkämpft.

          Noch weiter im Norden, auf der Insel Mannar, die bis zum Ende des Brudermordens verbotenes Land für jeden fremden Besucher war, betreten wir endgültig jungfräuliches touristisches Terrain, und zwar auf nagelneuen Straßen und Brücken als einzig erfreulicher Hinterlassenschaft des Krieges, so wie die Brücke, die das Festland mit Mannar verbindet und unmittelbar neben den zerstörten Stümpfen ihrer Vorgängerin liegt, auch ihre Zerstörung ein Werk tamilischer Bomben. Und auch das niederländische Fort gegenüber, einst eine stolze Trutzburg der Niederländischen Ostindien-Kompanie aus dem siebzehnten Jahrhundert, hat unter den Kämpfen gelitten, mehr aber noch unter der Ungnädigkeit der Zeit, die bislang kein rettender Kuss des touristischen Märchenprinzen milde stimmen kann. So fällt das Fort in sich zusammen und ist nur noch Dutzenden von Raben eine Heimstatt, den letzten Herrschern dieser verlorenen Festung, und Horden verwilderter Esel, den letzten, lebenden Nachkommen der niederländischen Kolonialherrschaft.

          Ganz am Ende Mannars ist Sri Lanka nur noch zweiunddreißig Kilometer von Indien entfernt. Von hier aus fuhren früher die Fähren zum Subkontinent hinüber, doch damit war 1984 nach tamilischen Terrorattacken Schluss. Und dem Frieden scheint das Militär immer noch nicht zu trauen, das eine Marinebasis an der Inselspitze errichtet hat, den Strand mit Stacheldraht versperrt und jeden Traumbuchtensucher schmerzhaft daran erinnert, wie offen Sri Lankas Wunden noch immer sind – auch wenn sie zu heilen beginnen und vor kurzem mitten im touristischen Niemandsland von Mannar, zwischen lauter Palmyra-Palmen für die Palmschnapsgewinnung mit dem Palmyra House ein erstes, erstaunlich komfortables, fast schon luxuriöses, mit schnörkelloser Eleganz und ganz ohne folkloristischen Kitsch eingerichtetes Hotel eröffnet hat, ein Wagnis, gewiss, aber auch ein Versprechen für die Zukunft.

          Das Gegenteil von Chaos

          In Jaffna, der Hauptstadt der Tamilen an der Nordspitze von Sri Lanka, die wie kein zweiter Ort unter dem Bürgerkrieg gelitten hat, werden die Wunden wohl niemals vollständig heilen. Noch immer rotten die Ruinen der prachtvollen Stadtbibliothek, die 1983 von tamilischen Rebellen als Vergeltung für Übergriffe der singhalesischen Armee in Brand gesetzt wurde, als stummes Mahnmal aus Rundbögen, Pilastern und Mauerstümpfen vor sich hin, ohne dass ein einziges Schild auf ihr Schicksal aufmerksam machte und die Chance zu versöhnlichen Tönen nutzte. Und unwiederbringlich sind die Verluste, die das riesige Fort von Jaffna erlitten hat, 1619 von den Portugiesen errichtet, 1658 von den Holländern erobert und bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine der wenigen kolonialen Kronjuwelen Sri Lankas. Doch dann wurde es auf seine alten Tage noch einmal zum Kriegsschauplatz. Tamilische Kämpfer verschanzten sich hinter seinen Mauern, die Armee nahm es fünfzig Tage lang unter Artilleriefeuer, und danach waren vom Gouverneurspalast und den Offiziersquartieren, vom Hospital und der prachtvollen Kirche nur noch Trümmer übrig. Wir schlendern bei mörderischen Temperaturen mit einem kalten Schauder durch das Fort, das heute nur noch von vergnügten einheimischen Besuchern und gelegentlichen ausländischen Gästen belagert wird, blicken von den Kasematten auf die Lagune von Jaffna mit ihren Garnelenzuchten und können immer noch kaum glauben, dass dieser frühneuzeitlichen Festung der Todesstoß erst in unserer Gegenwart versetzt wurde.

          Die Tempel von Jaffna sind schon aus der Bucht gut zu sehen.

          An seine kriegerische Vergangenheit scheint Jaffna aber nicht mehr erinnert werden zu wollen. Stattdessen ist die Stadt vollauf damit beschäftigt, ihr geschäftiges, im Vergleich zum tamilischen Mutterland im indischen Bundesstaat Tamil Nadu indes geradezu geruhsames Leben zu bewältigen. Nichts hat Jaffna mit der chaotischen Verdichtung des Daseins auf der anderen Seite der Meerenge zu tun, nichts mit dem Gewirr und Gedränge, dem endlosen, grundlosen Hupen, der aberwitzigen Intensität des Lebens, die nur ein permanenter Alltagsüberlebenskampf der Menschenmassen hervorbringt. Und nirgendwo wird das so deutlich wie im Tempel Nallur Kandaswamy Kovil im Herzen von Jaffna, der heiligsten Stätte aller Hindus von Sri Lanka, dem Kriegsgott Murugan geweiht, dem stolzen Sohn Shiwas und Parvatis und Bruder des Elefantengottes Ganesha. Nur mit entblößtem Oberkörper als Zeichen größter Demut dürfen sich die Männer ihren Göttern nähern, während die Frauen und Mädchen im Sonntags-Sari erscheinen, um zu beten und zu bitten und zu opfern, winzige Püppchen etwa, die sie in Holzgestelle an einem Mangobaum legen als Dank für einen erhörten Kinderwunsch. Das Erstaunlichste aber ist, dass nicht nur Hindus, sondern auch Buddhisten hier so selbstverständlich ihr Gebet verrichten, als hätte es nie einen Bürgerkrieg gegeben, und auf die Frage, warum sie das tun, mit der entwaffnenden Feststellung antworten, dass Hindus und Buddhisten doch Glaubensbrüder seien.

          Auf den ersten Blick sieht der Tempel aus wie seine berühmten Cousins in Tamil Nadu: kolossale Turmbauten in Pyramidenform, die von Drachen, Löwen, Pfauen und dem gesamten Pantheon der indischen Mythologie bevölkert werden; ein vergoldeter Kreuzgang, in dem die Geschichte Murugans in Wandbildern von naiver Schlichtheit und brutalistischer Detailversessenheit erzählt wird; dazwischen Opferschreine, Prozessionswagen, goldene Türschwellen, die nur mit Hand und Lippen und niemals mit dem Fuß berührt werden dürfen. Doch auf den zweiten Blick wähnt man sich hier eher in einer Christenkirche oder einem Buddha-Tempel, so andächtig und gelassen, so geordnet und gesittet, so wenig chaotisch und turbulent geht es hier zu – ganz so wie draußen in der Stadt, die uns nun endgültig wie die mildere, verträglichere, aber auch weniger mitreißende und verstörend fesselnde Variante des Tamilen-Landes erscheint.

          Ein Ort des inneren Friedens

          Von der Menschenleere, von all dem Platz zum Atmen und Raum zum Leben, der den drei Millionen Tamilen in Sri Lanka vergönnt ist, können ihre siebzig Millionen Blutsbrüder in Tamil Nadu ohnehin nur träumen. Nur ein paar Fischerdörfer, eine Handvoll Reisbauernweiler, Lagunen ohne Zahl, Buschwald ohne Ende, Strände wie aus dem schönsten Stereotypekabinett gibt es an der Nordostküste, die in belebteren Weltgegenden längst von lauter Ferienresorts besetzt worden wäre. Stattdessen halten im Hinterland Soldaten in Dutzenden von Kasernen die Stellung und noch den winzigsten tamilischen Widerstandsgeist in Schach, während martialische Kriegsdenkmäler mitten im Nirgendwo den Sieg der Singhalesen und die Einheit des Vaterlandes beschwören.

          In der Nähe von Kandy leben Elefanten in freier Wildbahn.

          Am pathetischsten geschieht das beim Elefantenpass, der bloß ein Damm über eine Lagune ist und 1991 Schauplatz einer Entscheidungsschlacht war. Die tamilischen Rebellen wollten damals mit einem Bulldozer voller Sprengstoff einen Brückenkopf der Armee zerstören und hatten – wie die offizielle Geschichtsschreibung mit süffisanter Verachtung vermerkt – die Besatzung des Todesgefährts in diesem angekettet, damit sie es sich nicht noch anders überlegen konnte. Doch der postum zum Korporal und Nationalhelden beförderte Soldat Gamini Kularatne enterte mit zwei Granaten den Bulldozer, sprengte ihn mitsamt sich selbst in die Luft und rettete so Hunderten seiner Kameraden das Leben. Das alles wird in einer eigens für ihn errichteten Gedenkstätte in einem Video mit pathetischer Propagandamusik nacherzählt, während der Bulldozer daneben heroisch vor sich hin rostet und der brave Soldat Kularatne lebensgroß in Bronze die Huldigungen seiner singhalesischen Landsleute entgegennimmt – und wir uns eine ungefähre Vorstellung davon machen können, wie weit Sri Lanka mit der Aufarbeitung seines Bruderkrieges ist.

          Von ausländischen Touristen ist an der Nordostküste so gut wie nichts zu sehen, selbst bei einem Heiligtum von historischem Weltrang wie Thiriyaya nicht, der ersten Stupa der Menschheitsgeschichte, die zu Ehren Buddhas errichtet wurde – nur fünfundsiebzig Tage nach dessen Erleuchtung von zwei indischen Händlern, die dem Gautama Milchreis als Opfer gebracht und aus Dank ein Haar von ihm bekommen hatten. Sie waren gleich danach auf Geschäftsreise in Sri Lanka, machten in Thiriyaya Rast, und als sie wieder aufbrechen wollten, konnten sie – so will es die Legende – Buddhas Haarschatulle mit keiner irdischen Kraft vom Fleck bewegen.

          Wir fahren von der Hauptstraße ab, rumpeln über eine Sandpiste, steigen hundert Stufen auf einen Hügel hinauf, vorbei am Kot wilder Elefanten, die offensichtlich auch spirituelle Bedürfnisse haben, und stehen dann vor einem kreisrunden Granitsockel mit einer schlichten, runden Ziegelsteinpyramide, ringsum geschmückt mit einem Band in den fünf Farben des Buddhismus und lauter Statuen eines sehr zufrieden und sehr erleuchtet lächelnden Buddhas, der sein Haar bis zum heutigen Tag in dieser Pyramide sicher verwahrt weiß. Und die Welt scheint sein Lächeln zumindest hier oben zu erwidern.

          Wir sind mit Buddha und einer Handvoll einheimischer Besucher aller Glaubensrichtungen allein und spüren auch ohne ihren Glauben, dass Thiriyaya ein besonderer Ort ist, ein Ort des inneren Friedens auf einer Insel, die so lange in ihrem Inneren zerrissen war, ein Ort der Stille und der Schlichtheit in einer oft so lauten, prätentiösen Welt. Ringsum im weiten, menschenleeren Buschland verstecken sich die Elefanten und bestimmt auch ein paar Leoparden. Und ganz hinten am Horizont, an der Küste von Trincomalee, ist die Welle des Tourismus, die Sri Lankas Süden längst überflutet hat, mit den ersten Luxushotels, Backpackerhostels und Tauchschulen schon angekommen. Wir aber hören nur das Rauschen des Windes in den Wipfeln.

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