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Im Kenrokuen-Garten : Die Teemeisterin bemängelt die Stadtplanung

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Das alte Japan: Jeder Handgriff sitzt bei der Teezeremonie, hier in Hirado. Bild: Andrea Diener

Das alte Japan ist bis aufs letzte Blättchen geordnet, das neue Japan das strukturlose Werk planloser Stadtplaner. Und doch existiert beides nebeneinander her – das weiß auch die Teemeisterin im Kenrokuen-Garten.

          Frau Takanawa trippelt in den Pavillon. Die Teemeisterin rafft den Kimono zusammen und kniet sich mit ernstem Gesicht neben den Wasserkocher. Auf den Bastmatten warten die Gäste im Schneidersitz. Die Wände sind aus Holz und Bambus, die Schiebetüren dazwischen mit durchscheinendem Papier bespannt – die Zeremonie beginnt so, wie der chinesische Dichter Lu Yu sie im achten Jahrhundert im „Buch über den Tee“ beschrieb, und kaum anders, als James Bonds Dr. No erstmals japanische Bräuche fürs Massenpublikum im Kino zitierte. Seit Jahrhunderten ist das Ritual nahezu gleich.

          Eine Assistentin bringt gezuckerte Küchlein aus Bohnenmehl und Reis. Dann reicht sie die Teeschalen, die nach präzise festgelegtem Ablauf in den Händen gedreht werden, bevor der Gast zu trinken beginnt. Draußen plätschert es leise. Das Uchihashi-tei-Teehaus, im siebzehnten Jahrhundert unter dem fünften Herrscher Tsunanori erbaut, steht auf Stelzen im Hauptteich des Kenrokuen-Gartens. Nichts sei so wie früher, sagt Frau Takanawa nach der Zeremonie überraschend, im Japan von heute kümmere sich kaum noch jemand um die alten Sitten. Sie lächelt mild und schaut vom Balkon hinaus auf das Meer fein gestutzter Sträucher am Wasser.

          Wo ist das Problem, Frau Takanawa?

          Kenrokuen, an der Westküste der japanischen Hauptinsel Honshu gelegen, beherbergt fast neuntausend Bäume, vier Teehäuser, mehrere Teiche mit künstlichen Flussläufen und Wasserfällen, verschwiegene Nischen mit moosbedeckten Felsen. Er ist einer der berühmtesten Gärten Japans. Sechs Merkmale in drei sich ergänzenden Kriterienpaaren soll der perfekte Landschaftsgarten aufweisen: Weitläufigkeit und Abgeschiedenheit, Kunstfertigkeit und Althergebrachtes, fließendes Wasser und weiter Blick. So gibt es das uralte „Buch der Gärten“ der chinesischen Stadt Luoyang vor.

          Sollte es ein Synonym für Ordnung geben, für die Unerschütterlichkeit der Traditionen, die wir mit dem Land der aufgehenden Sonne verbinden – es sind seine Teehäuser und japanischen Gärten in aller Welt. Die Japaner sehen das ganz ähnlich. Gleichzeitig zu gestalten und zu bewahren; das Große im Kleinen zu finden; Harmonie und Reinheit zu erstreben, wie es auch die Religion des Shintoismus fordert – die Philosophie einer Tausende Jahre alten Kultur soll zwischen den Wegen der Wandelgärten erblühen, auf denen die Aristokratie seit alters flanierte. Nur drei Parkanlagen wird heute zugestanden, diesen strengen Anforderungen zu genügen. Jedes Kind kennt sie, Hunderttausende Menschen besuchen sie. Und Kenrokuen, der „Garten der sechs Eigenschaften“, ist wahrscheinlich der schönste von ihnen. Wo ist also das Problem, Frau Takanawa?

          Das neue Japan: Wuchernde Städte ohne Struktur, hier Kanazawa.
          Das neue Japan: Wuchernde Städte ohne Struktur, hier Kanazawa. : Bild: AFP

          Das Problem, sagt die Teemeisterin, liege direkt hinter Kenrokuen. 450.000 Einwohner hat die Hafenstadt Kanazawa, die sich unterhalb des Hügels ausbreitet, auf dem der Garten thront. Zehn Hektar altes gegen vierhundertsechzig Quadratkilometer neues Japan. Kanazawa ist eine mittelgroße Stadt wie viele andere – wäre da nicht die Perfektion von Kenrokuen. Sie erst lässt Kanazawa als ungeheures Flickwerk erscheinen.

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