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Hunsrück Wir kommen wieder

13.09.2006 ·  Es ist überhaupt kein Fehler, einmal die ganze Hunsrückhöhenstraße entlangzufahren. Ohne diese Zweitagesreise hätten wir wohl auch niemals erfahren, daß es ein Telefonmuseum gibt und wie ein 1750 PS starker Motor aussieht.

Von Peter Lückemeier
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Es ist überhaupt kein Fehler, einmal die ganze Hunsrückhöhenstraße entlangzufahren. Ohne diese Zweitagesreise hätten wir wohl auch niemals erfahren, daß es ein Telefonmuseum gibt und wie ein 1750 PS starker Motor aussieht. Wer die Hunsrückhöhenstraße durchstreift, sollte allerdings eine gewisse detektivische Lust an Entdeckungen haben: Von sich aus gibt sie die Schätze, die am Wege warten, gar nicht, sehr ungern, verrätselt oder abrupt preis. Auch braucht niemand zu erwarten, die hundertsiebenundfünfzig Kilometer lange Straße zwischen Koblenz und Saarburg beginne irgendwo mit einem touristischen Auftritt. Kein Schild verkündet: „Herzlich willkommen auf der Hunsrückhöhenstraße.“ Die 1938 und 1939 als strategische Verbindung zur französischen Grenze angelegte Straße beginnt unmerklich als B327 bei Koblenz, geht dann ohne Vorwarnung in die B407 über und endet ohne Abschiedsschild bei Saarburg. Manche sagen auch, schon bei Zerf.

Die Hunsrückhöhenstraße entlangzufahren ist zugleich beruhigend und abwechslungsreich. Diese Straße atmet gleichsam. Mal ist sie eng und führt durch Ortschaften, deren Bürger sich auf Plakaten prompt über „10000 Autos täglich“ empören, mal gibt sie den Blick frei auf Waldstücke links und rechts, kilometerlang, dann wieder öffnet sie sich weiten Landschaften: grüne Wiesen, braune Äcker, viel, viel Wald in allen Nuancen der Grün-Skala, von Lindgrün bis Schwarzgrün. Diese Landschaft tut dem Auge gut, sie ähnelt einer flacheren Version des Schwarzwalds - mit zwei Unterschieden: Fast nie im Hunsrück wird das Bild von Fabriken bestimmt; und der Wald wirkt viel gesünder.

Pizzabote mit viel Muße

Der erste Ort, den wir uns anschauen, heißt Kastellaun. Die Stadtväter machen dem Gast gleich am Ortseingang klar, was ihn erwartet: „Burg, Altstadt, Einkauf“. Kastellaun hat eine lange Geschichte, Stadtrechte seit 1305, verliehen von einem Sponheimer Grafen, dessen Burgruine das Stadtbild heute noch prägt. Die Verbandsgemeinde wirkt freundlich, aufgeräumt und wohlgepflegt, etliche alte Häuser sind liebevoll restauriert. Wer es mag, kann sich Kastellaun auch bei Dunkelheit anschauen, geführt von einem Nachtwächter.

Wir fahren weiter, aber nicht weit. Eine Baustelle sperrt die Hunsrückhöhenstraße. Sollte man jetzt annehmen, es wäre eine Umleitung ausgeschildert, kennt man die Hunsrücker schlecht. Die können sich vielleicht gar nicht vorstellen, daß Fremde ihren schönen Landstrich bereisen, oder sie vertrauen der Kommunikation. Und richtig, acht Kilometer von der Baustelle entfernt, erfahren wir vom freundlichen Pizzaboten (Deutscher, schon älter), daß wir sechs Kilometer zurückfahren sollen, dann wird es schon klappen mit der Umleitung. Stimmt. Die Kartons mit Pizza stapeln sich unterdessen im Anhänger seines Elektroautos, hoffentlich wird die heiße Ware nicht kalt, denn erst einmal setzt der Bote seine Unterhaltung mit einem Bekannten fort, der Hunsrück ist halt eine entschleunigte Gegend.

Café in der Concorde

Wie sieht ein von Daimler-Benz gefertigter, in der Dornier 335 und der Messerschmitt 410 eingesetzter, 1750 PS starker Motor aus? Schwarz, dick, schwer und sehr, sehr vertrauenerweckend. Wir wissen das so genau, weil wir die „Flugausstellung“ in Hermeskeil besichtigt haben. Sie liegt direkt an der Hunsrückhöhenstraße. Natürlich hatte mal wieder kein Schild vorab darauf hingewiesen, aber wir traten geistesgegenwärtig auf die Bremse. Hier kann man hundertzwei Originalflugzeuge besichtigen, man kann kleine Treppen besteigen und ins Cockpit eines Kampfflugzeugs schauen und dabei erschauern. Sogar einen echten Starfighter haben sie und eine nachgebaute Concorde von 1969, die zu einem Café umgerüstet wurde, in dem eine schlechtgelaunte Kellnerin schlecht schmeckenden Kaffee serviert.

Zu preisen dagegen ist die Gemeinde Morbach. Nicht nur, weil das Hotel St. Michael ein Drei-Gänge-Menü für 9,99 Euro bietet und gegenüber im Sanitätshaus ein Venen-Kompetenz-Zentrum seine Fähigkeiten entfaltet, sondern weil die Einwohner Morbachs ihre Vaterstadt mannhaft verschönern. Wo sonst fände sich an der Wand eines unscheinbaren Wohnhauses ein so herzerfrischendes Lebensmotto: „Glücklich ist, wer lacht und singt, wenn auch das Leben Sorgen bringt.“ Vor allem aber ist Morbach zu loben als Heimstatt des Deutschen Telefonmuseums. Für Hunsrück-Verhältnisse ist es sogar tadellos ausgeschildert. Für nur drei Euro Eintritt erschließt sich dem Laien in einer ehemaligen Schule die ganze wunderbare Welt des Fernsprechens mit zahllosen historischen Exponaten. Man entdeckt aber auch die Standardapparate aus der Kindheit wieder, das elfenbeinfarbene runde, das kantige schwarze, das schmucklose aus der DDR von 1963. Dunkel erinnert man sich auch noch der strengen Erinnerungstafeln in den Telefonzellen, die ihre Nutzer einfach duzten: „Nimm Rücksicht auf Wartende. Fasse dich kurz!“

Triumph am Telefon

Das Telefonmuseum mit seinen mehr als zwölfhundert Schaustücken ist ein schönes Beispiel deutscher Eigeninitiative: Willi Warth übergab seine Sammlung seinem Sohn Siegfried, der sie liebevoll und kenntnisreich ausbaute. Und da ist es nur konsequent, daß Siegfried Warth sich heute im kleinen Prospekt seines Hauses irgendwie triumphierend abbilden läßt - natürlich am Telefon. Und auch auf die Frage des Laien, dem die Wurzeln der Telephonie im Hunsrück bislang unbekannt blieben, warum sich das Deutsche Telefonmuseum nun ausgerechnet in Morbach befinde, hat Siegfried Warth eine überzeugende Antwort: „Weil se mich in Birkenfeld net habe wollde.“

Wir übernachten in Saarburg, einer mehr als tausend Jahre alten, überraschend pittoresken, anheimelnd wirkenden Stadt mit einer Burganlage, etlichen hübsch restaurierten Häusern, einem richtigen, bestimmt zwanzig Meter hohen Wasserfall und dem Leukbach, der sich durch die Stadt schlängelt, ehe er sich mit der Saar verbündet. Man muß das nicht gleich, wie der Prospekt es tut, „Saarburgs Klein-Venedig“ nennen, aber hübsch ist es doch. Und die Küche des Drei-Sterne-Hotels „Saarburger Hof“ entpuppt sich als erstaunlich ambitioniert; selten haben wir in einer freundlichen, aber doch eher einfachen Gaststube so gut gegessen.

Tiefe Ruhe, tiefste Langeweile

Auch das Hotel am nächsten Tag ist eine echte Entdeckung, aber so weit sind wir noch nicht. Wir müssen erst nach Woppenroth. Der kleine Ort wäre keiner größeren Erwähnung wert, wäre hier nicht „Heimat“ gedreht worden. Woppenroth ist einer der Orte, die das fiktive Schabbach bilden. Still liegt es da, das Dörfchen. Eine Hauptstraße, Bauernhöfe, auch mal ein marodes Gebäude mit armen Schindeln, bei der Landmetzgerei Wolf (eigene Schlachtung und Herstellung) hält man einen freundlichen Plausch, die Menschen reden hier, wie man es aus „Heimat“ kennt. Erinnert irgend etwas an den Film? Ja. Vor dem Haus Nummer 15 in der Hauptstraße neben der Kirche steht auf einer Art Grabstein das Wort „Heimat“, mehr nicht. Und es ist die Kirche, die in Wirklichkeit winzig aussieht, vor der Martha mit den Hochzeitsgästen Ernsts Flugzeug sieht, das fünfzig rote Nelken für sie abwirft. Das Gasthaus „Molz“ aber, in dem Edgar Reitz oft die Planung der Dreharbeiten besprochen hat, ist jetzt am frühen Nachmittag geschlossen. An der Kirche vorbei führt der Weg in die Weite des Hunsrücks, Bauerngärten, auf der Wiese ein dürres Pferd, tiefe Ruhe, tiefste Langeweile.

Am Hotel „Liller's Historische Schloßmühle“ in Horbruch sind wir erst einmal vorbeigefahren, so unvermittelt kam mal wieder das Schild. Aber es lohnte sich, umgedreht zu haben: Mitten im Grünen gelegen, vom Ehepaar Liller liebevoll geführt, ist es ein unvermutetes Kleinod am Wegesrande, mit so üppig dekorierten Zimmern, daß Laura Ashley ihre Freude hätte. In der Küche wird mit Ehrgeiz und Aufwand gekocht, die Preise sind gesalzen, an zwei Fenstern des Restaurants dreht sich das Mühlrad: ein Hotel wie gemacht für einen Liebesaufenthalt. Alleinreisende tröstet die Bibliothek.

Luftverkehr im Niemandsland

Nur wenige Kilometer vom Bergmühlen-Idyll entfaltet der Flughafen Hahn seine Dynamik. Einst ein amerikanischer Militärflugplatz „in the middle of nowhere“, boomt das Unternehmen laut vor sich hin. Seit 1998 ist die Frankfurter Flughafenbetreiberin Fraport mit fünfundsechzig Prozent Mehrheitseigner, Hahn ist inzwischen der viertgrößte deutsche Frachtflughafen. Und obwohl Fraport sich ja mit Flughäfen auskennt, hat sich das Unternehmen doch Hunsrücker Verhältnissen schnell angepaßt: Der Flughafen Hahn war lange Zeit schlecht ausgeschildert, im Inneren ist die Orientierung noch immer nicht leicht, aber man kann ja fragen.

Übrigens nennt sich das Ganze etwas euphemistisch „Frankfurt Hahn Airport“, aber Frankfurt ist ziemlich weit weg, der Bus braucht anderthalb Stunden. Doch das ist nicht wichtig, das Unternehmen floriert, weil Billigflieger, vor allem Ryanair, es Großfamilien, Studenten und ganzen Schulklassen ermöglichen, spottbillig nach London, Dublin, Rom oder Stockholm zu fliegen - oder doch jedenfalls in die Nähe. Demnächst geht es mit Ryanair übrigens auch nach Breslau, Fes, Marrakesch, Nantes und Marseille. Und weil das so ist, wächst und gedeiht „Hahn Airport“. Wer je behaupten würde, in Deutschland regiere der Stillstand, den möge man im Vier-Wochen-Rhythmus hierhin schicken, er würde staunen über all die Baustellen, die Erweiterungen, die Geschäfte, die hier neu entstehen, die Einfach-Hotels drumherum, über die Menschen, die hier im einstigen Niemandsland Arbeit gefunden haben: Hahn ist reiner Aufschwung, so etwas wie New Frontier im Hunsrück.

Schöne Gegend, schlechte Vermarktung

Daheim haben wir dann überall erzählt, wie gut es uns gefallen hat an der Hunsrückhöhenstraße; daß der Hunsrück eine Landschaft der Beruhigung und Entschleunigung ist; daß man sich die Gegend gut als Feldversuch für Tourismusstudenten denken kann, die hier studieren, wie schlecht man eine schöne Gegend vermarkten kann; und daß wir wieder hinfahren werden. Gern sogar.

Information: Hunsrück-Touristik, Hunsrückhaus, 54411 Deuselbach, Telefon: 06504/950460, E-Mail: i.mueller@hunsruecktouristik.de, Internet: www.hunsruecktouristik.de.

Quelle: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite R1
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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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