Wir stapfen im Gänsemarsch übers Eis. Die Vormittagssonne strahlt wärmend auf uns herab, wir schwitzen in unseren dicken Overalls. Auf dem Rücken tragen wir die Ausrüstung, die wir zum Eisfischen brauchen: Angel, Köder, einen Campinghocker. Dass unsere Füße in klobigen Schneeschuhen stecken, unterstreicht die Abenteuerlichkeit unseres Vorhabens. Die meiste Zeit scharren sie auf dem nackten Eis, das nur von einer hauchdünnen Schneeschicht überzogen ist. Wir begegnen Fußgängern, die in Turnschuhen offensichtlich müheloser vorankommen, sogar ein Rollerfahrer braust an uns vorbei.
Über unsere Schneeschuhe wundert sich trotzdem niemand. Vielleicht, weil hinter uns Oulu liegt, Finnlands nördlichste Großstadt, die bekannt ist für den Einfallsreichtum ihrer Bewohner, für die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen und ihren schreienden Männerchor. Oulu liegt am Bottnischen Meerbusen, jenem Ausläufer der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, der in kalten Wintermonaten zufrieren kann. Dorthin wollen wir, um unser Anglerglück zu versuchen. Und während Vepe, unser Guide, frohen Mutes voranschreitet, schieben wir, um ihm zu folgen, ungeschickt und breitbeinig einen Fuß vor den anderen.
Vor uns Schweden, unter uns Leben
Nur einmal lotst uns Vepe durch einen kurzen Abschnitt mit Tiefschnee. Ein Umweg zwar, wie sich später herausstellen wird, doch er bringt die Einsicht mit sich, dass unser Schuhwerk durchaus nützlich sein kann. Hier zumindest. Und für das sportliche Engagement entschädigt uns die Landschaft. Wir passieren Schilf, das goldfarben im Eis festklemmt, ein paar Meter dahinter befinden wir uns schon auf dem Meer. Über die Eisdecke laufen wir geradewegs auf den Horizont zu, an dem sich Schweden erahnen lässt. Und tief unter uns vermuten wir reges Leben im Wasser.
Wir schnallen die Schneeschuhe ab und machen uns ans Werk, bohren dicke Löcher in die Eisdecke, durch die wir ebenso dicke Fische zu ziehen hoffen. Ab und zu zuckt die Schnur, doch anstelle von Barschen angeln wir Eisbrocken. Unsere Köder, neongelbe Plastikskorpione, überzeugen nicht einmal das winzigste Fischchen. Entmutigt geben wir auf, um unsere Gesichter lieber der Wintersonne entgegen zu strecken und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Mit ruhiger Stimme erzählt Vepe von Angelwettbewerben, vom Maßhalten und vom Glücksgefühl, wenn er sein Mittagessen selbst gefangen hat. Er nennt es nicht Liebe zur Natur, das klänge zu pathetisch für einen bärtigen Mann, der einen Dolch am Gürtel trägt, doch sie lässt sich zwischen den Zeilen lesen.
Mit Pilvi und Lumi im Mökki
Die Naturverbundenheit der Finnen deutete sich schon im Flughafen von Helsinki an, wo wir das Flugzeug wechselten, um nach Oulu zu gelangen: selbst das Raucherkabinchen ist holzvertäfelt, und Lautsprecher tragen Vogelgezwitscher in den stickigen Qualm hinein. Die Frauen dieses Landes heißen Pilvi („Wolke“), Marja („Beere“) oder Lumi („Schnee“), und ein Viertel aller finnischen Familien besitzt ein Mökki, ein simples Blockhaus auf dem Land.
Manche ziehen auch gleich hinaus in den Wald. So wie Johanna und ihr Mann Janne, die ihr Leben in Oulu aufgegeben haben, um in Syöte Huskys zu halten. Sie leben hundertvierzig Kilometer nordöstlich von Oulu, die Fahrt über die verschneite Straße dauert zwei Stunden, und abwechslungsreich ist sie nicht gerade: Es geht immerzu geradeaus, links Bäume, rechts Bäume und am Straßenrand ein halber Meter Schnee. War er in Oulu noch anthrazitfarben verklumpt, wird er mit zunehmender Wegstrecke immer heller, bis er staubfein ist und sich das Wort schneeweiß von selbst erklärt.
Zwischen stummer Einsiedlerin und bellenden Huskys
Vor zwei Jahren kamen Johanna und Janne hierher, in dieses dünnbesiedelte Hügelland mit seinen sternklaren Nächten. Unter räumlicher Distanz versteht Johanna etwas anderes als wir. Verglichen mit der Weite hoch oben in Lappland, wird sie später erzählen, seien die Wege hier kurz, das nächste Haus stehe doch nur einen halben Kilometer entfernt. Es sei allerdings bewohnt von einer Einsiedlerin, die niemand je ein Wort sprechen hörte.
Die Stille dieser Gegend wird nun von den Huskys zerbellt. Es sind sechsundachtzig, und sie bringen es auf einige Dezibel. Sie sind kleiner, als der Lärmpegel vermuten lässt, und sie erweisen sich als erstaunlich zurückhaltend. Wir nähern uns vorsichtig, doch sie beschnüffeln uns nicht einmal. Stattdessen springen sie aufgeregt umher und bellen so lange, bis sie, in Sechsergruppen vor unsere Schlitten gespannt, endlich loshasten können. Einmal in Bewegung, verstummen sie augenblicklich. Sie haben es so eilig, dass uns ein frischer Fahrtwind entgegenweht. Vierzig Minuten später werden wir zwölf Kilometer zurückgelegt haben und nur ungern wieder vom Schlitten steigen.
Toristisch und einigermaßen wildromantisch
Wenn es bergab geht, treten wir die Bremse, und wenn es bergauf geht, schieben wir ein bisschen mit an. Zu viel natürlich auch wieder nicht, damit der Ehrgeiz unserer schlauen Huskys nicht erlahmt. Sie machen die Arbeit, wir verschaffen uns einen Überblick: Uns umgeben die finnischen Nationalfarben, blauer Himmel und weißer Schnee, der leise unter den Kufen unserer Schlitten knirscht. Dazwischen erstreckt sich ein dunkler Wald aus Fichten und Kiefern, aufgehellt von ein paar Birken. Von den wiesengrünen Sümpfen, in die sich die Landschaft im Sommer angeblich verwandelt, fehlt um Ostern herum noch jede Spur.
Dass unser Programm höchst touristisch ist, stört uns nicht. Als Touristen wissen wir eben, was Spaß macht, und so eine Schlittenfahrt ist außerdem wildromantisch - zumindest einigermaßen wildromantisch, denn da ist ja noch das Snowmobil. Janne fährt damit vorweg, und es holpert und knattert und verpestet die Waldluft. Reine Vorsichtsmaßname, falls einer vom Schlitten fällt. Wenn keiner mehr auf der Bremse steht, sagt Janne, sind die flinken Hunde mit dem Schlitten schnell auf und davon. Das Snowmobil hat er, um sie notfalls wieder einzufangen.
Das Herz ist eine Delikatesse
Anderswo kennt man diese Sorgen nicht. In Taivalkoski wohnt Juha Virkkunen in einem zartgelben Holzhaus, wie man es aus Bilderbüchern kennt, ein ehemaliges Postamt mit hohen Decken und vielen Fotos an den Wohnzimmerwänden. Hinter dem Haus hält er Rentiere, die gemächlich durch das Gehege trotten, wobei ihre Hufe dumpf auf der gefrorenen Erde klappern. Juha zufolge sind sie recht anhänglich: Von Mai bis Dezember, sagt er, lasse er sie frei durch die Wälder streifen. Manche zögen aber gar nicht erst los, und die anderen kehrten meist von alleine zurück - nur Rudolph nicht, den er Jahr für Jahr mit dem Pick-up auflesen müsse.
Als wir das Gehege betreten, kommen sie neugierig auf uns zu, stupsen uns sanft mit ihrem Geweih und präsentieren sich als durch und durch freundliche Zeitgenossen. Wir tätscheln ihnen den struppigen Rücken, doch bald lassen sie uns wieder links liegen und umringen Juha, der mit einem Eimer Trockenfutter in den Händen deutlich höher in ihrer Gunst steht. Manchmal werde eines seiner Rentiere geschlachtet, ihr Herz sei eine Delikatesse, sagt Juha flüsternd. Seine Rentiere sollten das lieber nicht hören, raunt er uns zu, schon gar nicht Rudolph, dieses eigenwillige Tier, es sei schon so schwierig genug mit ihm.
Wie die Buttermilch umgerührt wird
Juha trägt eine karierte Jacke, am Revers haften zwei bronzene Rentiere als Anstecker. Es ist bitterkalt, und dicke Schneeflocken wehen vom Himmel, doch unter seiner Pelzmütze doziert er unermüdlich, als wolle er uns das Bild vom wortkargen Finnen ein für alle Mal austreiben. Unterbrechen lässt er sich ungern, und später wird zur Gewissheit, dass Juha einmal Lehrer war. Bis dahin lernen wir allerhand über Flechten im Wald, Rucksäcke aus Birkenrinde und Harpunen zum Lachsfang. Aus einem Schuppen kramt er ein Gefäß aus Holz hervor, eine Flasche, in die man früher Buttermilch füllte, und, wie Juha erzählt, einen Frosch mit hineinsetzte: Dort sei er kleine Kreise geschwommen und habe so beständig in der Buttermilch gerührt. Ob das stimmen kann? Juha besteht darauf, dass es wirklich so war: „Alte Männer lügen nicht, zumindest nicht in Finnland.“ Unvermittelt stimmt er ein finnisches Lied an, wir kennen es nicht, doch es klingt gut.
Juha will zur nächsten Geschichte ansetzen, und müssten wir nicht los, blieben wir gern länger und hörten zu. Aber es gibt noch mehr zu tun in dieser Gegend, die Reiseführern oft nur eine Randnotiz wert ist und die allenfalls Oulu ein paar Seiten widmen. In der kurzen Zeit, die uns bleibt, haben wir vor, in Karaoke-Bars Schnaps zu trinken, eine Rauchsauna zu beschwitzen und mit dem Snowmobil durch den Schnee zu brettern. Als Touristen wissen wir, was Spaß macht.
Anreise nach Oulu: Flüge nach Oulu mit Umstieg in Helsinki bietet zum Beispiel Finnair ab München, Düsseldorf, Hamburg und Berlin an. Hin- und Rückflug kosten ab 300 Euro. Für Exkursionen ist ein Auto praktisch, aber nicht unbedingt nötig.
Aktivprogramm: GoArctic bietet Outdoor-Aktivitäten von Oulu aus an, zum Beispiel Eisfischen für 100 Euro pro Person und Husky-Touren für 180 Euro pro Person, inklusive Transfer ins Umland. Programm und weitere Informationen unter www.goarctic.fi.
Unterkunft: In Oulu gibt es mehrere Hotels, zum Beispiel das Hotel Lasaretti mit hübschen Zimmern und gutem Frühstücksbuffet, Doppelzimmer kosten mit Frühstück ab 75 Euro, je nach Saison. Oder das Hotel Iso-Syöte, Doppelzimmer mit Frühstück ebenfalls ab 75 Euro. Dieses Hotel organisiert neben Flughafen-Transfers auch Snowmobil-Touren und Besuche der Rentierfarm in Taivalkoski.