http://www.faz.net/-gxh-8u6i4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 07.02.2017, 15:37 Uhr

Hüttenzauber Über Berg, Wald und Wisent

Das Bergdorf Liebesgrün zeigt das Sauerland von einer geradezu kuscheligen Seite.

von
© Sabrinity Ingo Brunert (links) und Liebesgrün-Wirt Ralf Blümer vermitteln Stadtkindern ein Gefühl für Wald.

Ausgerechnet hier soll ein Hüttendorf sein? Schlechter Scherz, dachten wir, als wir in der Nähe eines Bushäuschens abbogen und hügelan fuhren, durch ein Neubaugebiet, wie man sie in den siebziger, achtziger Jahren um gewachsene Städte gelegt hat.

Eva-Maria Magel Folgen:

Überhaupt hatten wir uns eher auf einen Witz eingerichtet. Bergdorf im Sauerland, das klingt für Leute, die aus Bayern stammen, ein wenig unglaubwürdig. Wir wurden gründlich eines Besseren belehrt. Sogar die Wisente, die seit 2013 eine bizarre Karriere als wiederangesiedeltes Naturwunder hinlegen, haben wir gesehen. Eine Art nicht sehr freundlich aussehender Urkühe, die weit entfernt von uns durch den Tiefschnee zogen.

Als wir am späten Nachmittag in der Kuschelecke unseres Wohnzimmers lümmelten, Blick hinaus in die Dämmerung, sah es wirklich aus wie eine Art Dorf, nicht mal das Wohngebiet war zu erkennen. Und die Skepsis, die uns angesichts dieser auf der Wiese dahingewürfelten Designerholzhäuser befallen hatte, die deutlich mehr Wohnfläche haben als unser Zuhause, begann zu schmelzen.

Kyrill schafft Platz für niederländische Skinovizen

Ein paar hundert Meter nur sind es vom Schmallenberger Ortskern zur Handweiser Hütte, die so klingt, als liege sie im Salzburgerland. So sieht sie auch fast aus, außen dunkles, innen helles Holz und warmes Licht, „Skiverhuur“ steht an dem Häuschen gleich dahinter, die Teller eines Schlepplifts baumeln im Wind. Denn der Niederländer lernt im Sauerland Skifahren. Wandern auch. Hochnäsige Süddeutsche lernen in den schmucken Dörfern schwarzweißes Fachwerk ohne Schnitzbalkone schätzen und vorbildlich beschriftete und gewartete Wegweiser. Denn der Sauerländer ist nicht nur beim Schneeräumen gründlich – er hält offenbar auch nichts davon, seine Fremden in die Irre zu leiten.

Am nächsten Tag kehren wir dem Tal samt Wohngebiet den Rücken und gehen bergan. Mann, Frau, Kind, der Wirt des Liebesgrüns, Ralf Blümer, und sein Kumpel, der Jäger Ingo Brunert, samt Hund Wilma. Die Städter sollen im Bergdorf Liebesgrün auch das Grün lieben lernen. Deshalb kann man geführte Touren durch den Wald buchen, den Brunert mit anderen jungen Jägern nebenberuflich zu einem Vorbildrevier gemacht hat, wie er stolz berichtet.

44659796 © Sabrinity Vergrößern Gleich hinter der Stadt: das Bergdorf.

Er erklärt uns, was eine Fährte ist und was eine Spur, das Kind findet haufenweise beides im Schnee und kraxelt mit seinen vier Jahren so hoffnungsfroh auf den Hochsitz, dass es erst recht eine Schande ist, wie viel wir während der Wanderung palavert haben: Nicht ein einziges Wildtier kriegen wir zu Gesicht – obwohl auf der Rehlichtung unverkennbar frische Fährten zeigen, was wir hätten sehen können, wären wir ein Stündchen ruhig sitzen geblieben. Schön ist dieser Bilderbuchwald, den kahle Stellen durchziehen: „Kyrillflächen“. Zehn Jahre ist es her, am 18. Januar 2007 hat der Orkan „Kyrill“ das Gesicht des Sauerlands verändert. Oben am Rothaarsteig erinnert ein „Kyrillpfad“ daran, wo die Förster den Wald belassen haben, wie er damals fiel.

Hüttenidyll mit Fußbodenheizung

Nicht zuletzt dank „Kyrill“, der die Baumgrenze Schmallenbergs deutlich nach oben verschoben hatte, konnten Ralf Blümer und seine niederländische Frau Jessica Gerritsen ihren Traum von einem Premium-Hüttendorf bauen. „Ursprünglich“, wie es heißt, ist das nicht gerade. Wer unter Hüttenübernachtung ein Bettenlager nach mehrstündigen Wanderungen versteht, muss Liebesgrün erst verkraften: Die Feuerstelle zum Selbsteinheizen, der erste Korb Holz ist gratis, jeder nächste kostet zehn Euro, was allerdings nur dem Budenzauber dient dank Fußbodenheizung. Die Infrarotkabine mit Lichttherapie im Badezimmer, nein, in einem der Badezimmer. Und, das Beste, zwei Esel und zwei Ponys direkt neben dem kleinen Spielplatz. Obwohl das Kind schwankt, ob nicht doch das Frühstück toller ist. Es wird morgens auf leisen Sohlen als Bausatz in einer Holzkiste gebracht. Tee, Kaffee, Eier kochen wir selber, kramen in entzückenden Gläschen abgefüllte Marmelade aus der Verpackung.

Fast ein bisschen viel das Ganze, mit den ausgesägten Sternen und Herzen und Holzklötzen als Tischchen, Hocker, Küchendeko, samt dem freundlichen Hinweis, diese doch bitte nicht zu verfeuern. Die Handweiser Hütte hat nichts mit den von Skistiefeln malträtierten Essensausgaben südlicher Bergsportgebiete zu tun. Sie öffnet von 18.30 Uhr an für alle, die in den zehn Anwesen des Liebesgrüns wohnen und für Gäste, die reserviert haben. Alles atmet personalisierte Gastlichkeit, ist hip, aber rustikal. Spielzeug und Bücher stehen bereit und ein Büfett mit Kinderessen, das Chefkoch Blümer, Vater von Zwillingen, wichtig ist. Alles regional, das meiste bio, wie am Elterntisch.

Blümer, Slowfood-Pionier im Sauerland, ist ein Fan von Effizienz im Küchenbetrieb, das merkt man seinen bodenständigen Menüs an. Zu warmem Kartoffelbrot mit Kräuterquark und Steckrübencremesuppe mit Knochenschinken gibt es fast ausschließlich deutsche Weine, eine feine Auswahl, die man sich zu fairen Preisen auch mit in die Hütte nehmen kann. Das Kind ist, kaum hat es seine Bolognese mit Nudeln und Gemüse verputzt, in die Küche geflitzt, um sich dort ein Eis abzuholen, und kreiselt nun wie ein kleiner Satellit zufrieden um die sicher verglaste Feuerstelle inmitten der Hütte. Die Eltern essen in einer Ruhe wie selten, das lassen sich viele offenbar gerne etwas kosten. Trotz Mindestaufenthalten und saisonalen Preissprüngen gibt es kaum Lücken in der Buchung. Wer einmal entdeckt hat, dass Hütte auch ohne kalte Dusche geht, kommt bestimmt wieder. Und als nachts das Schneetreiben loslegt, pocht das bunte Holzherz im Wind dumpf an die Hüttenwand. Als müsse uns die Natur beweisen, dass sie sich trotz W-Lan, Flatscreen und sonstigem Zivilisationskram tatsächlich da draußen befindet, gleich hinter der Stadt.

Karte / Liebesgrün © F.A.Z. Vergrößern

Der Weg ins Bergdorf Liebesgrün

Anfahrt über A 45 oder A 46 und Bundesstraße oder mit Bahn und Bus. Preise für eine Hütte ab 250 Euro, Kinder von drei bis zwölf Jahren 39 Euro. Es gelten komplizierte Mindestaufenthalte und -belegungen. Bergdorf Liebesgrün, 57392 Schmallenberg, Tel. 29 72/96 17 97, www.liebesgruen.de

Frankfurter Allgemeine Reise auf Facebook
Zur Homepage