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Hotels Das späte Frühstück

28.08.2005 ·  Frühstücken bis spätestens um 10 Uhr: Hotels benehmen sich in diesem Punkt gegenüber dem Gast wie verbitterte Erziehungsberechtigte gegenüber Kindern, die am Vorabend zu lange unterwegs waren.

Von Peter Richter
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Unser reichhaltiges Langschläfer-Frühstück servieren wir von 6.30 Uhr bis 10.00 Uhr.“

Das steht in den Unterlagen eines Hotels in München, das im übrigen vier Sterne hat. Es handelt sich dabei um ein marktübliches Frühstücksbüfett: also Jagdwurst, Schnitt- und Weichkäse, gekochtes Ei, Brötchen, Croissants, einem Orangensaft-Samowar mit extra kleinen Gläschen davor, damit niemand auf die Idee kommt, zuviel zu nehmen, außerdem Müsli, Quark und den Blechsärgen fürs Herzhafte. Darin liegen Rührei, gebratener Speck und Würstchen, die mehr nach Pathologie als nach Frühstück aussehen.

Im Fall des Münchner Vier-Sterne-Hotels steht sogar der Kaffee zum Selbereinschenken auf dem Tisch. Dagegen ist eigentlich auch gar nichts einzuwenden. Außer vielleicht, daß man unter „Servieren“ strenggenommen auch etwas anderes verstehen könnte. Aber: Wenn das, was es da bis zehn Uhr zu essen gibt, „ein reichhaltiges Langschläfer-Frühstück“ ist - dann fragt man sich natürlich, wie ein frugales Frühaufsteher-Frühstück zum Selberholen aussehen mag. Trockenbrot zwischen vier und sechs? Und was heißt hier überhaupt „reichhaltig“?

Verwöhnte Hotelpenner

Vermutlich ist dieses im Zusammenhang mit Frühstücksbüfetts sehr häufig anzutreffende Wort eine moralisierende Variante von „üppig“, die einem Bilder von kernigen Bauernburschen vor Augen führen soll, die ordentlich was im Magen haben müssen, bevor sie Dinge leisten, die wir verwöhnten Hotelpenner uns gar nicht vorstellen können.

Und genau da liegt das Problem. Das Frühstück ist ein Instrument des Puritanismus, der Gängelung, wenn nicht sogar des Faschismus. Der alte Kellog erfand seine Cornflakes, weil er glaubte, daß sie sinnliche Begierden dämpfen, was soweit ja auch ganz gut funktioniert. Und die Frühaufsteher erfanden neben Sprüchen wie „Morgenstund hat Gold im Mund“ das Hotelfrühstück bis zehn Uhr.

Lücken im Büfett

Hotels benehmen sich in diesem Punkt gegenüber dem Gast wie verbitterte Erziehungsberechtigte gegenüber Kindern, die am Vorabend zu lange unterwegs waren. In den meisten Hotels werden ab neun Uhr die Lücken im Büfett nur noch notdürftig oder gar nicht mehr aufgefüllt. Ein Bild der Verwüstung entsteht, das offenbar gewollt ist: Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muß nicht nur sehen, was übrigbleibt, sondern sich am besten auch was schämen.

Kurz vor zehn kommen die Leute aus der Küche und räumen einem noch unter der stochernden Gabel unbarmherzig die letzten welken Reste ab. Hotelchefs werden behaupten, das hinge mit Personalkapazitäten zusammen. Aber wenn bei einer Übernachtung ein Frühstück im Preis inbegriffen ist, dann ist es eben keine Dreingabe des Hotels, sondern Teil der Preiskalkulation und müßte deshalb dem Gast, genauso wie das Zimmer, mindestens bis zwölf Uhr zur Verfügung stehen.

Wer „erst“ um zehn aufsteht, der muß sich in Hotels praktisch vorkommen wie ein unerzogener Rocker, nur daß er statt des Fernsehers das Geld fürs Frühstück zum Fenster rausgeschmissen hat. Er hätte Grund, den Fernseher hinterherzuwerfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite V1
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