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Hotelereignis auf Zeit : A bissl was geht immer

Das Lovelace liegt in Sichtweite der Frauenkirche. Bild: The Lovelace/Steve Herud

Wenn sich zwei streiten, eröffnen solange Dritte ein Hotel: „The Lovelace“ möbelt Münchens beste Altstadtlage auf – als Hotel, Bühne und Bar

          Was sollte das jetzt wieder? „The Lovelace“. „This is really happening“ stand monatelang an der Tür der ehemaligen Bayerischen Staatsbank in der Kardinal-Faulhaber-Straße 1, rechts und links davon sah man zwei zu Victory-Zeichen geformte Finger. Die Adresse könnte nicht besser sein: zwischen Salvatorstraße und Prannerstraße, die Brienner Straße und die Feldherrnhalle nicht weit und auch Frauenkirche und Promenadenplatz gleich um die Ecke. Hier kaufen Leute ein, die sich keine Gedanken um Geld machen müssen – alle anderen staunen, wie herausgeputzt und prächtig und auch menschenleer die Großstadt München in ihrem Herzen am hellen Tag manchmal daherkommt.

          Lovelace - Ada oder Linda?

          Barbara Liepert

          Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Hausnummer eins residierten zuletzt die Vorstände der Hypo-Vereinsbank, nachdem der neobarocke Bau erst 2005 für sie aufwendig entkernt und saniert worden war. Von einer dreistelligen Millionensumme war die Rede. 2011 wurde das Gebäude von der Bayerischen Hausbau erworben, die wiederum zur Schörghuber-Gruppe gehört (Hotels, Brauereien, Immobilien und Lachsproduktion). Ein Luxushotel mit 150 Zimmern sollte entstehen. Dagegen liefen die Nachbarn Sturm, allen voran die Chefin des „Bayerischen Hofs“, jenes Fünfsterneschuppens, an dessen Pool Mario Adorf als Fabrikant Heinrich „Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld“ Haffenloher Filmgeschichte geschrieben hat.

          Blick aus einem ehemaligen Vorstandsbüro, jetzt Hotelzimmer.
          Blick aus einem ehemaligen Vorstandsbüro, jetzt Hotelzimmer. : Bild: The Lovelace/Steve Herud

          Und jetzt? Monatelang wurden Möbel und Kartons und andere Dinge hinein- und herausgetragen. „The Lovelace“. Was bedeutet der Name, was passiert denn da nun? Kunst? Mathematik? Pornografie? Es geht schon beim bedeutungshochschwangeren Namen los: Nehmen die Macher Bezug auf Linda oder auf Ada?

          „Auf Ada Lovelace“, sagt Gregor Wöltje, Architekt und Mitbetreiber des Projekts, als er durch das Gebäude führt. „Und auf Linda auch ein bisschen – aber in ihrer späten Rolle als Aktivistin gegen die Pornoindustrie.“ Beide Ladys haben die Konventionen ihrer Zeit in Frage gestellt. Linda Lovelace war der Künstlername der Hauptdarstellerin des Films „Deep Throat“, des erfolgreichsten Films aller Zeiten, wenn man das Verhältnis von Produktionskosten (25 000 Dollar) und geschätztem Erlös (600 Millionen Dollar) verrechnet. Von dem Geld bekam Linda nichts, dafür aber grenzenlose Demütigungen und Prügel von ihrem Ehemann, wie zuletzt ein Hollywoodfilm sehr beklemmend vorführte. „Deep Throat“ hieß auch die geheime Quelle, die im Watergate-Skandal Bernstein und Woodward nachts in Parkhäusern mit Informationen versorgte.

          Es lebe die Zwischennutzung

          Ada Lovelace kennen meistens nur die smarteren unter den Nerds: Die 1815 geborene Britin, einzige eheliche Tochter der Dichters Lord Byron, zu dem sie aber nie Kontakt hatte, gilt als Mutter der Programmiersprachen, weil wiederum ihre Mutter ihr das Studium der Mathematik ermöglicht hatte.

          Rechnen, davon ist auszugehen, müssen auch die Betreiber des „Lovelace“-Projekts. Sie haben nämlich nur zwei Jahre Zeit, ihre Visionen wahr werden zu lassen und die Investition von rund einer Million Euro wieder einzuspielen. Denn der Plan vom großen Schörghuber-150-Zimmer-Grandhotel musste aufgrund der erfolgreichen Klage der Nachbarn erst einmal zurück in die Schublade. Bis alles geklärt ist, wird die Immobilie zwischengenutzt – das „Lovelace“-Konzept erhielt den Zuschlag. Und dieses Konzept lautet: nur ein kleines Hotel mit 30 Zimmern und Suiten, dazu auf fast 5000 Quadratmetern Lesungen, Diskussionen, Musik, Shops, Bar, Barber, Veganes, Yoga und Pingpong und was der moderne Großstädter so braucht, um im Flow zu bleiben.

          Treppenhaus in der ehemaligen Bayrischen Staatsbank.
          Treppenhaus in der ehemaligen Bayrischen Staatsbank. : Bild: The Lovelace/Steve Herud

          Vieles wurde so gelassen, wie es war. Das Hallenartige der Vorstandsbüros wird von einem Vorhang verschluckt, hinter dem sich die Zeitschriftenregale verstecken, in denen man jetzt keine Fachliteratur für Vorstände mehr, sondern aufregendere Printprodukte findet. Dazu kommen Schränke und ein deckenhohes Werk des Künstlers Florian Süßmayr; poetischeren Punk wird es hier nie gegeben haben. Die Räume, die viel zu hoch und groß sind, um profitable Hotelzimmer abgeben zu können, provozieren zum Hinschauen. Die Materialien sind vom Feinsten, der Blick aus den Fenstern ist unbezahlbar. Dabei fangen die Zimmerpreise bei 180 Euro an.

          Dafür gibt es dann viel Radau auf drei Etagen bei gleichzeitiger Möglichkeit absoluter Ruhe: Die Schlafzimmer sind dank Vorstandsvornutzung und 15 Zentimeter dicker Polsterung absolut schalldicht, man schwebt über Eichenparkett, im obersten Stock haben die Räume doppelte Türen. Ein Schreiner habe beinahe geweint bei der Idee, dass die bald rausgerissen werden, und was von „6000 Euro, für jede“ gemurmelt, erzählt Wöltje.

          Punk im Vorstandsbüro

          Das Projekt „Lovelace“ ist auf zwei Jahre begrenzt, bis 2019. „Wobei es natürlich schön wäre, wenn wir mehr Zeit bekommen würden“, sagt Wöltje, der neben Lissie Kieser, Cambis Sharegh und Alexander Lutz zum Team um Michi Kern gehört. Es ist damit zu rechnen, dass das Konzept aufgeht, denn fast alles, was Kern anfasst, wird was. Ähnlich wie der Künstler Florian Süßmayr hat er sein Handwerk in den Münchner Clubnächten der 80er Jahre gelernt, die meisten seiner Läden - unter anderem: Cafe Reitschule, Pacha, das Zerwirk, außerdem Yogaschulen und zuletzt das Lost Weekend, eine Buchhandlung mit Coffee-Shop - waren und sind aus dem Münchner Tag- und Nachtleben nicht mehr wegzudenken. Dazu kommt jetzt das „Lovelace“, das die Stadt um 3o vom dekadenten Odem der Finanzwelt durchwehte Zimmer, um die längste Bar Münchens und ein paar herrliche kleine Terrassen mit Blick auf die Türme der Altstadt bereichert, auf denen man seinen Tag wunderbar verdösen kann, ganz nach Ada Lovelaces Motto: „Ich bin eines dieser Genies, die sich darauf beschränken, sich zu erholen.“

          www.thelovelace.com, Doppelzimmer ab 180 Euro

          Quelle: F.A.S.

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