14.10.2006 · In der charmanten Bibliothek im Madrider Hotel „Lope de Vega“ gibt es Bücher des Dramatikers de Vega - verschlossen hinter einer Vitrine. Diese ungewöhnliche Bibliothek ist eine der elf, die die Autoren bei ihren Reisen aufsuchten.
New York, Jordan Mejias
Vor 130 Jahren erfand der amerikanische Bibliothekar Melvil Dewey die seitdem nach ihm benannte Dezimalklassifikation menschlicher Erkenntnis. Seinetwegen weiß der Bibliotheksbesucher, wo er was wie findet. Zum Beispiel im Hotel: Das Library Hotel hält sechstausend Bände parat, die keineswegs alle in einem zentralen Leseraum dezimalklassifiziert wurden. Das gesamte Hotel hat sich a la Dewey organisiert: Wer ein Zimmer bucht, muß damit eine Lektüre auswählen. Jedes Stockwerk ist einer der zehn Hauptkategorien des Wissens gewidmet, wie Dewey sie sich ausdachte, und folglich stapeln sich im Haus die Bände von den Sozialwissenschaften über die Künste und die Literatur bis zur Philosophie und die Religion (im obersten). Das Zimmer mit der erotischen Literatur ist allerdings möglichst zeitig zu reservieren. Es ist öfter ausgebucht als jedes andere.
Mekong, Michael Winter
"Alle lesen, außer mich", war mal eine auf T-Shirts verbreitete Klage während der Frankfurter Buchmesse. Vergeblich durchstöbert der Autor mit niedrigen Verkaufszahlen und hohen Vorschüssen im Nacken sogar Hotelbibliotheken an Ferienorten. Leider sind die entweder zur Repräsentation in die Kaminecke gestellt und enthalten Meterware aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, oder es sind kniehohe Regale neben Tischtennisplatten voller ausgelesener Bestseller. Die Bordbibliothek des Mekongdampfers stand neben der Bar. Die Bücher waren in ein vierstöckiges Bambusgestell gestopft, das Boot dümpelte ohne Fahrtwind vor der Grenze nach Kambodscha. Zuerst kam der Schock, mein Buch ausgerechnet hier zu entdecken. Ungelesen, entsorgt, den Tropen ausgeliefert, zurückgelassen wie ein Hund auf dem Rastplatz. Dann kam der Stolz: sogar hier! Das Buch hatte auf der Titelseite den Stempel der Rederei. Und dann kam die Erschütterung: Auf dem Vorblatt fand sich die Widmung an einen guten Freund. Mit Datum und Unterschrift.
Tokio, Silke Pfersdorft
Das alte Tokio riecht nach Yakitori-Hähnenspießen und warmem Licht hinter geheimnisvollen Reispapier. Im Stadtteil Ningyo-cho zum Beispiel, hier liegt das kleine Hotel "Kitcho". In seiner Bibliothek stehen Bildbände zu Japans berühmtesten Theaterschauspielern, zu den schönsten Bonsai-Gärten, zum Zauber der Geishas. Auf dicken Holzborden reihen sich japanische Anleitungen zum Briefeschreiben, zur Etikette bei Hochzeiten, Essays über Gesichter. Bücher, die nach Flohmarkt riechen und amerikanische Billigkrimis gnädig in ihre Mitte nehmen. Da, ein Fundstück mit spanischer Widmung "für die wunderbaren Menschen, den wir in dir getroffen haben, deine Lora und Marco". "A perfect landing", ein Heftchen mit Lore-Roman-Format. Andrea Camilleris "Der Kavalier der späten Stunde", sogar in Deutsch. Wer mag sie hier gelassen haben? Und wann? "Japanese love poems", "Adventures in old Japan" - ein Fotobildband in Schwarzweiß. Im "Kitcho" landet man immer wieder in der Vergangenheit. Früher oder später.
Indien, Verena Mayer
Zugfahren ist eine der besten Arten, Indien zu bereisen. Es gibt ein dichtes Schienennetz, es gibt zuverlässige Fahrpläne, und dann gibt es Züge wie "The Deccan Odyssey", der von Bombay nach Goa, Pune, Aurangabad und wieder zurückfährt. Einen Waggon nimmt die Bibliothek ein. In den Regalen stehen schwere Bildbände und Wörterbücher, der neueste Dan Brown und Titel wie "Jesus lived in India". Das Herzstück der Bibliothek aber ist der Plasma-Fernseher. Er hat die Größe eines Konferenztisches und es laufen Tag und Nacht: Bollywood-Filme. Am Anfang der Reise werden die DVDs noch mehrmals täglich gewechselt, gegen Ende kristallisiert sich ein Favorit heraus, "Der tapfere Held wird die Braut erobern". Nachts, wenn die Passagiere endlich in ihren Kabinen schlafen und das Rattern des Zuges das einzige Geräusch ist, trippeln die Bediensteten des Zuges, all die Stewards in ihren roten Uniformen, die Köche und Zimmermädchen, in die Bibliothek und versammeln sich vor dem Fernseher, vor dieser Endlosschleife tanzender Männer und wehender Saris, und für ein paar Stunden ist alles vergessen, nur die Liebe nicht.
Tirol, Andreas Lesti
Das Hotel Stanglwirt ist eine perfekte Welt voller perfekt lächelnder Menschen mit perfektem Aussehen - in der Stangl-Alm, im Beauty Salon, in der Kristallsauna. Man würde den Glauben an die Fehlerhaftigkeit der Menschheit verlieren, wäre da nicht die Bibliothek, ein kleiner Raum hinter der Empfangshalle, der wirkt, als hätte ihn schon lange keiner mehr betreten. Auch jetzt sind wohl alle Gäste in der "Wilder Kaiser-Sauna". Bücher sind auch nicht viele da. Nur diese hier: Das Astronauten-Buch. Knaurs Lexikon von A - Z. Schillers Werke, Band II. Hardy Krüger: Junge Unrast (Mängelexemplar). Readers Digest-Auswahlbücher in Kunstledereinbänden. Johannes Maria Simmel: Das geheime Brot. Etwas versteckt zwischen Schiller und Krüger ragt eine Broschüre hervor. "Schönheit ist machbar", steht darauf, der Slogan der "Schwarzl Tagesklinik für plastisch-ästhetische Chirurgie". Beim Blättern in den anderen Bücher findet sich überall diese Broschüre, die für Brustverkleinerung, Brustvergrößerung, Bauchdecken- und Oberschenkelstraffungen, Fettabsaugung, Botoxbehandlungen und Venenchirurgie wirbt. Schön, daß man auch in schlecht sortieren Hotelbibliotheken noch etwas über die Geheimnisse dieser Welt erfahren kann.
Neuseeland, Anke Richter
Geben und Nehmen, so funktioniert Bücherleiste auf dem Kaminsims in Christchurchs schönster Backpacker-Herberge, dem Old Countryhouse. Es gibt auch eine plüschige Lese-Lounge, da dort jedoch abends für die wandermüden Besucher der Fernseher läuft, ist das Bücherbord in die Gemeinschaftsküche verbannt worden: Es beginnt mit Robinson Crusoe, steigert sich von der französischen Ausgabe des "Phantoms der Oper" über einen kunstledernen Readers Digest-Sammelband und gipfelt im zerfledderten, grünleinern gebundenen "The Lord of the Rings", dem die ersten 72 Seiten fehlen. Über Danielle Steel und Henning Mankell arbeitet sich die 32teilige Sammlung schließlich dem unvermeidlichen Ende zu: der Neuseeland-Ausgabe des "Lonely Planet". Wer sich ein Buch nimmt, ersetzt es durch ein neues. Denn so geht das hier, wo ein Bett kaum mehr als zehn Euro kostet. Ähnliches gilt für den Kühlschrank mit durchsichtiger Glastür nebenan. Da versammeln sich mindestens zehn Mini-Tüten Milch in verschiedenen Gärungsstadien.
Madrid, Sören Meschede
"Nein, einen Schlüssel haben wir leider nicht." Das Lächeln der Rezeptionistin des Hotel Lope de Vega ist freundlich bestimmt. Das Schloß an den Glasvitrinen zur "Spezialbibliothek Siglo de Oro" versperrt die in Schweineschwarte gebundenen 29 Bände des Dramatikers Lope de Vega. Schade, denn der diskrete Charme des Raumes - dunkel gebeizte Furniermöbel gruppieren sich um ein kleines Beistelltischen mit Zitronenbonbons - lädt förmlich zum Lesen ein. Aber wer sollte sich auch im diskretem Corporate-Design-Hotel der Kette Kris für Lope de Vega und das "Siglo de Oro" interessieren? Die Geschäftsreisenden, die hier absteigen, sicher nicht. Der Gang zur nahen Bar "Vega", die zwar keine spanische Literatur aus dem 17. Jahrhundert, aber dafür deutsches Bier anbietet, fällt den Managern deutlich leichter als der Griff zu einem Titel wie "Die valenzianische Witwe". Manchmal aber, erklärt die Rezeptionisten diplomatisch, "haben wir auch Kunden, die sowas lesen wollen".
Tanger, Peter Henning
Das erste Mal trafen wir uns im Frühling 1993 in Tanger. Bowles trug damals eine Art Pepitahut, einen braunen Anzug, dunkle, blitzende Halbschuhe, eine schwarze Sonnenbrille und einen Schal. Wir waren zum Essen verabredet, damals, im "El Minza", jenem sagenhaften Hotel am Scheitelpunkt des Heiligen Berges, in der Rue de La Liberte 85, in dem er sich 1931, gemeinsam mit seiner Frau Jane aus New York kommend einquartierte, auf der Suche nach einer festen Bleibe in der Hafenstadt. Bowles bestellte wieder - genau wie bei seinem allerersten Besuch im "El Minzah"- Boeuf Stroganoff und säbelte unter den staunenden Blicken der weißgekleideten Bediensteten kantig an seinem Fleisch, wortlos und offenbar ganz darauf bedacht, sich nicht zu verletzen. Nicht einmal den Hut und die Sonnenbrille hat er abgenommen.
Wir waren die einzigen Gäste im Speisesaal, denn er hatte mich vorab gebeten, einen Tisch für halb vier nachmittags zu bestellen, um ungestört zu sein, Bowles war damals 83 Jahre alt. Nach dem Essen hat er mir dann ein amerikanisches Exemplar seines Romans "Der Himmel über der Wüste", der Tanger berühmt gemacht hatte, noch am Tisch signiert. "I hope Your voyage in Morocco will prove pleasrable, My best Paul Bowles." Als ich Tanger drei Wochen später mit dem Fährschiff wieder verließ, ließ ich es in der kleinen Hotelbibliothek zurück. Vielleicht, um einen Grund zu haben, wiederkommen zu müssen. Als ich das vier Jahre später tat, war es noch da, allerdings vergilbt und ziemlich zerlesen. Inzwischen ist Paul Bowles seit sieben Jahren tot. Ich sollte mal wieder nach Tanger fahren, um zu sehen, wie es meinem Buch geht.
Moskau, Kerstin Holm
Von der Bibliothek des Hotels "Baltschug" hat man einen der schönsten Ausblicke auf die Stadt. Der balkonbewehrte Saal im achten Stock des Hauses liegt unmittelbar gegenüber dem Roten Platz und der Basilius-Kathedrale am Moskwa-Fluß. Kein Wunder, daß die Bibliothek geschätzt wird für kleinere Empfänge und Konferenzen und heute oft mehrmals am Tag gebucht ist. Hier stehen die deutschen Ausgaben von Schiller, Wilhelm Busch, Kafka und Brecht, englische und französische Romane, die Encyclopaedia Britannica sowie russische Klassiker von Tschechow, Pasternak bis Soschtschenko. Wenn nicht dafür gezahlt wird, ist die Bibliothek jedoch selbst für Hotelgäste geschlossen.
Das war früher nicht so. Im Jahr 1992, unmittelbar nach der Eröffnung des renovierten "Baltschug" unter dem damaligen deutschen Direktor Sebesta, der russische Literatur liebte, stand die Bibliothek als Bar offen, wo man mit oder ohne Drink lesen und sogar gegen Leihzettel Bücher mitnehmen konnte. Doch bibliophile Hotelgäste werden weniger. Unsere heutigen Geschäftsreisenden lesen kaum Bücher, sagt der für die Geschäftsentwicklung zuständige Eugene Bezel. Die Bestände schwanken gezeitenhaft: Nachdem ein Spender die Regale auffüllt, lassen Liebhaber wieder einige Bände verschwinden. Unter den Neuzugängen bieten sich, rot gestempelt, sind eine frische deutsche Ausgabe von Viktor Jerofejews Autobiographie "Der Gute Stalin". Die bibliographische Kostbarkeit des Hauses ist Michail Gorbatschows Erinnerungsbuch "Leben und Reformen", das der Sowjetpräsident hier im Oktober 1995 vorstellte, gemeinsam mit seiner Frau. "Für die Freunde des Hotels und die Bibliothek", hat Gorbatschow auf die erste Seite geschrieben. Da ihr Mann ihr die Hand führte, hat auch die damals schon kranke Raissa Gorbatschowa die Widmung mit unterzeichnet.
Ostsee, Ilona Lehnart
Rostock, Überseehafen. Ein sonniger Herbsttag. Am Skandinavienkai hat morgens um sechs das dänische Fährschiff "Ask" angelegt. Gegen Mittag rollt die neue Ladung über den Kai: Kilometerweit stauen sich Laster vor dem Schiff, deutsche, holländische, russische, lettische, estnische, litauische, denn die Reise geht nach Ventspils, der lettischen Hafenstadt am Eingang der Rigaer Bucht. 26 Stunden haben die Fahrer Zeit zum Pennen, Saufen, Kartenspielen und Quatschen. Oben, auf Deck 6, im "Saloon", lassen sie sich in schwarze Ledersessel fallen. In der Ecke plärrt ein Fernseher. Er ist außer den Navigationsgeräten das wichtigste Gerät an Bord, denn er dient der Ruhigstellung von Passagieren, die nur selten ein Buch mit sich tragen. Was dennoch an Lektüre achtlos vergessen oder zurückgelassen wurde, hat seinen Platz auf dem Regal unter dem Fernseher gefunden: Schund wie "Entflieh nicht meiner Zärtlichkeit" oder "Komm auf mein Schloß". Irgendjemand muß an F. Scott Fitzgeralds "Großem Gatsby" Gefallen gefunden haben. Wer auch immer es war, er hat es vorgezogen, sein Reisegepäck zu erleichtern. Wer viel unterwegs ist, weiß, daß Bücher eben gewichtig sind.
Hamburg, Anne-Dore Krohn
Fünf eigene Sommeliers, aber keine eigene Bibliothek - das ging nicht, fand Jost Deitmar, Direktor des Hotels "Louis C. Jacob". Also räumte er vor fünf Jahren sein Büro mit Blick auf Elbe und Elbchaussee, bestellte den Innenarchitekten und engagierte einen Eppendorfer Antiquar, der dem Fünf Sterne Hotel eine eigene Bibliothek zusammenstellte. Entstanden ist keine Bücherhalle, sondern ein intimer Rückzugsort: braune Ohrenbackensessel auf Perserteppich, Teetischchen, Gemälde - so stellt man sich die Privatbibliothek eines Hamburger Kaufmanns vor. Der Klingelknopf an der Wand zaubert Hausboten herbei, die Erfreuliches wie Wein, Pralinen oder Zigarren zurücklassen und sich dann wieder diskret in die Tiefen des Hauses zurückziehen.
Oft, sehr oft, sei der Raum belegt, erzählt Deitmar, viele kommen auch für Geschäftsgespräche. "Zurückhaltend, auf der Höhe der Zeit, niemals jedoch modisch" lautet eine Selbstdarstellung des Hotels. Lesbar auch als Beschreibung der Buchauswahl: Hamburger Stadtgeschichte, Wein- und Kochbücher, wertvolle lederne Gesamtausgaben von Goethe, Heine, Klopstock. Außerdem Literatur zur Gemäldesammlung im Haus, "mindestens ein Bändchen für jeden Künstler", so Deitmar. Mehr als das natürlich für Max Liebermann, der einige Wochen hier wohnte und eine Serie über die Hotelterrasse malte. Eine Version der "Lindenterrasse" hängt in der Bar neben der Bibliothek, fast wäre man daran vorbeigelaufen. Understatement? Nur auf den allerersten Blick.