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Hölderlin - Gontard : So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr

Folgen Sie diesem Gesicht: Logo des Hölderlinpfads von Hans Traxler Bild: Freddy Langer

Romeo und Julia in Frankfurt: Zwei Jahre lang tauschten Friedrich Hölderlin und Susette Gontard heimlich Briefe aus. Dazu lief der Dichter jedes Mal von Bad Homburg nach Frankfurt und zurück.

          Er muss schnell gelaufen sein. Sehr schnell. Drei Stunden soll er für die Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt gebraucht haben. Jeden ersten Donnerstag im Monat, so war es verabredet, machte er sich auf den Weg, zu fast noch nachtschlafender Zeit, denn wenn die Kirchturmglocken zehn Uhr schlugen, wollten sie sich sehen. Kurz wenigstens, und mitunter buchstäblich nur für einen Augenblick. Mal vor der Tür ihres Hauses am Großen Hirschgraben. Mal an der Hecke, die den Adlerflychthof umgab, ein kleines Gut unmittelbar vor den Mauern der Stadt. Dann würde sie am Fenster stehen, zu ihm hinunterschauen und aufpassen, dass er den Brief auch ja finde, den sie für ihn auf den Sims gelegt hatte oder zwischen den Zweigen versteckt. Und sie würde es nicht erwarten können, dass er das Kuvert aufreißt, und würde zuschauen, wie er hastig ihre Zeilen verschlingt: „So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nichts mehr.“ Und in einem anderen Brief schrieb sie: „Ich kann mir keinen Begriff machen welchen Eindruck, meine Worte auf Dich machten, ich sah aber Deine Trähnen fließen, sie fielen brennend auf mein Herz, ich konnte sie nicht trocknen!“ Da antwortete er: „Es ist himmelschreiend, wenn wir denken müssen, dass wir beide mit unseren besten Kräften vielleicht vergehen müssen, weil wir uns fehlen.“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Zwei Jahre lang ging das so. Doch zusammen kamen Susette Gontard und Friedrich Hölderlin, den sie erst Hölder nannte, wie seine engsten Freunde, am Ende aber nur noch Holder, zusammen also kamen die beiden tatsächlich nicht mehr. Da nutzte kein Plan, gemeinsam zu fliehen. Und keine geheime Macht lenkte, wie sie es einen Moment lang erhofft hatten, ihr Schicksal „gütig und tröstend“. Sogar den gemeinsamen Freitod hat sie in einem ihrer Briefe erwogen. Ob sie dann Schwindsucht hatte oder an Masern, Röteln oder der Ruhr erkrankt war, darüber sind sich die Quellen uneins. Dabei ist es viel naheliegender und schöner auch zu glauben, dass sie am 22. Juni 1802 an Liebeskummer starb. Und er? Er wurde darüber verrückt.

          Ein Pfad für die Liebe

          Die Liebe zwischen der Ehefrau des reichen Frankfurter Kaufmanns und Bankiers Jakob Gontard und dem Dichter, der im Haus der Gontards, dem Weißen Hirsch in unmittelbarer Nachbarschaft der Goethes, eine Zeitlang als Hofmeister und Hauslehrer beschäftigt war, diese leidenschaftliche, aussichtslose, unerbittliche Liebe müsste zur Folklore Frankfurts gehören, wie die von Romeo und Julia zu Verona gehört. Aber es wissen ja nicht einmal die Kassierer und Souvenirverkäufer im Goethehaus von Hölderlin und den Gontards, haben kein Buch, keinen Stich, keine Ansichtskarte, die an diese unheilvolle Verbindung erinnert. Immerhin: „Gibt es da nicht diesen Weg“, fragt einer der beiden Herren an der langen Theke im Eingang des Museums, wird aber gleich darauf unsicher und schüttelt mit gerunzelter Stirn kaum merklich den Kopf.

          Der Hölderlin-Pfad vom Sinclair-Haus in Bad Homburg zum Goethe-Haus in Frankfurt
          Der Hölderlin-Pfad vom Sinclair-Haus in Bad Homburg zum Goethe-Haus in Frankfurt : Bild: F.A.Z.

          Doch ja, den gibt es: den Hölderlinpfad. Er endet sogar ganz offiziell am Goethehaus, dem einzigen Gebäude im Umkreis etlicher Straßenzüge, an dem auch Hölderlin schon vorübergegangen ist. Und er beginnt in Bad Homburg, dort, wo Isaak von Sinclair, der Freund und Förderer Hölderlins, dem Dichter eine Anstellung als Hofbibliothekar vermittelt hatte und ihm auch immer wieder neue Unterkünfte fand, nachdem er wegen einer Auseinandersetzung mit Jakob Gontard Hals über Kopf die Stadt verlassen hatte. Das war am 25. September 1798. Da hatte längst die gesamte Frankfurter Gesellschaft über die Liaison getuschelt, und man muss sich wundern, dass der Rausschmiss so lange auf sich warten ließ. Nie wieder, bestimmte Gontard, sollte der Name Hölderlin in seinem Hause ausgesprochen werden.

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