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Das kulinarische Burgenland : Erkältungstee gibt es nur für die Reben

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So ist das Burgenland: Mit einem Fuß in der Puszta, mit dem anderen im Himmel und immer bereit für das beste Essen und die besten Weine. Bild: Wolfgang Kraus/Anzenberger

Sie sind die Paprikaprinzessin, der Tomatenkönig und die Winzerkaiser - und wollen doch nur Bauern sein: Eine Reise von Mensch zu Mensch durch die Hochgenüsse des Burgenlands.

          Erich Stekovics redet sich in Rage, jedenfalls ein bisschen, denn eigentlich ist der Stekovics Erich die Ruhe in Person - aber nicht, wenn es um Tomaten geht, die in Österreich viel poetischer Paradeiser heißen. „Die reinste Inzucht betreiben diese Lebensmittelkonzerne, mit Wasserbomben stopfen sie die Supermärkte voll, höchstens eine Handvoll Hybridzüchtungen bekommt man dort noch“, wettert er mit tomatenrotem Kopf, keine Ahnung hätten die Menschen mehr von der Vielfalt der Paradeiser, eine Schande sei das! „Wissen’s, wie viele Sorten es auf der Welt gibt? Dreihunderttausend!“, ruft Erich Stekovics triumphierend aus, der sich selbst zum Tomatenehrenretter ernannt hat und deswegen von seinen Landsleuten zum Paradeiserkönig gekrönt worden ist.

          Der Tomatenkönig: Erich Stekovics
          Der Tomatenkönig: Erich Stekovics : Bild: Privat

          Dreitausend Sorten baut er auf seinem Hof im Seewinkel am Ostufer des Neusiedler Sees an, darunter Exoten wie Schneewittchen, Blondköpfchen und German Gold, das dank der frommen Amish People in Amerika überlebt hat und von Stekovics zurück nach Europa gebracht worden ist. Winzig wie ein Stecknadelkopf ist der gelbe Johannisbeerparadeis, seine kleinste Sorte, und fast anderthalb Kilo schwer die Rose des Libanon, das größte Nachtschattengewächs des Paradeiserkönigs, der so zärtlich von seinen Tomaten spricht, als seien es die schönsten Juwelen im Staatsschatz des Königreichs Stekovicsien. Mittlerweile besuchen dreißigtausend Menschen Jahr für Jahr den Herrscher der Tomaten und nehmen an stundenlangen Führungen samt Degustation teil. Gärtner, Gourmets und fast alle Spitzenköche Österreichs versorgen sich am Königshof, der zu einer veritablen Sehenswürdigkeit im Seewinkel geworden ist, wovon sich Erich Stekovics allerdings am allerwenigsten aus der Ruhe bringen lässt.

          Die sozialsten Wesen des Tierreichs

          Vielleicht liegt das ja am Seewinkel selbst, an dieser brettflachen Landschaft, der jede dramatische Aufgeregtheit fremd ist. Nur die Kirchtürme, Getreidesilos und manchmal ein paar Pappeln ragen aus der Endlosigkeit der pannonischen Tiefebene, die gleich hinter der ungarischen Grenze zur Puszta wird und mit dem Neusiedler See den westlichsten Steppensee Europas wie eine riesige Badewanne in dieses Land des Langmuts plaziert hat. Mensch und Natur leben hier so friedlich miteinander wie einst die vielen Völker der . Monarchie unter Kaiser und König. Der Flickenteppich des Nationalparks Neusiedler See macht es sich zwischen den Feldern der Bauern gemütlich; die Weinberge schmiegen sich an Salzlacken voller Zugvögel; die frechen Wollschweine mit ihrem Kraushaar und ihren Schlappohren lassen großmütig die scheuen Großtrappen in Frieden, die schwersten flugfähigen Vögel der Erde, die so träge am Himmel stehen, als drohten sie, in jedem Augenblick herunterzuplumpsen. Und die Autofahrer nehmen artig Rücksicht auf die Graugänse, die sozialsten Wesen des Tierreichs, die so selbstverständlich die Straßen überqueren, als seien sie Schulkinder auf dem Nachhauseweg und Schülerlotsen hielten für sie den Verkehr auf. Oft haben sie einen ganzen Grauganskindergarten im Schlepptau, denn diese lebenslang ihrem Partner treuen und sich nur ganz selten eine Menage à trois erlaubenden Vögel kümmern sich liebevoll auch um den Nachwuchs ihrer Artgenossen, die mit dessen Aufzucht überfordert sind.

          Der Seewinkel ist kein Ort für Hitzköpfe, auch wenn er der heißeste und trockenste Winkel Österreichs ist, gesegnet mit der Fruchtbarkeit seiner vulkanischen Schwarzerde und manchmal mehr zerrupft als gestreichelt von ständigem Wind - übrigens allesamt ideale Bedingungen für die Paradeiserzucht, sagt Erich Stekovics, und nicht nur für sie, fügt er fast verschwörerisch hinzu. Denn er wisse jetzt mit absoluter Sicherheit, dass überall dort, wo gute Paradeiser gedeihen, auch guter Wein wachse.

          Ein wahrscheinlich wahnsinniger Winzer

          Josef Umathum ist der beste Beweis dafür und außerdem wahrscheinlich wahnsinnig - nicht nur, weil dieser Weltstar von Winzer aus Frauenkirchen im Seewinkel wahnsinnig sympathisch ist, wie er uns da bei der Paprikawirtin in größter Bescheidenheit und ausgebeultester Weinbauernkluft gegenübersitzt, sondern auch, weil er sich eine wahnwitzige Mühe mit seinen Weinbergen gibt. Mindestens sieben Durchgänge gönnt er den Reben pro Saison, schneidet die Stöcke zurück, justiert die Triebe, prüft die Schalen. Maximal dreitausend Kilogramm Trauben erntet er pro Hektar, ein Drittel der gesetzlich erlaubten Menge. Und nach starkem Regen rührt er einen Erkältungstee aus Kamille und Brennnessel an, um seine Weinstöcke damit zu besprühen, als seien es seine Kinder, die sich nicht verkühlen sollen. So keltert Josef Umathum aus den klassischen burgenländischen Sorten Blaufränkisch-, Zweigelt- und St.Laurent-Rotweine von kolossaler Komplexität und tiefgründiger Seelenreife, die trotzdem eine solch leichtfüßige Eleganz und Finesse besitzen, dass man am liebsten Halleluja rufen möchte.

          Der Winzerweltstar: Josef Umathum
          Der Winzerweltstar: Josef Umathum : Bild: Privat

          Unsere Lobpreisungen entlocken Josef Umathum nur ein leises Lächeln, während Ilona Püspök, die Paprikawirtin und größter denkbarer Gegensatz zum Weinbauern Umathum, an unserem Tisch lauthals zu lachen beginnt - was nicht ungewöhnlich ist, weil die Paprikawirtin pausenlos lauthals lacht. Sie ist die Chefin des Alten Brauhauses in Frauenkirchen, hat ihre Gaststätte zum einen wegen ihres flammenden Temperaments und zum anderen wegen ihrer ungarischen Wurzeln zur Weihestätte der Paprika erkoren, wirft säckeweise Paprikapulver in ihr Szegediner Gulasch, verarbeitet Paprika sogar zu Marmeladen und ist deswegen im gesamten Burgenland nur als Paprikawirtin bekannt. Die Paprika sei eine ihrer drei Leidenschaften, die beiden anderen seien Tanzen und Jagen, sagt unsere Paprikaprinzessin lauthals lachend, die mit ihrem rapunzellangen Pferdeschwanz, ihrem samtenen, sündhaft eng taillierten Gehrock und den blitzblank polierten Reiterstiefeln so fesch und forsch wie eine Puszta-Husarin oder gleich wie die Csárdás-Fürstin wirkt und uns doch daran zweifeln lässt, ob der Seewinkel wirklich kein Ort für Hitzköpfe ist.

          Die Paprikawirtin: Ilona Püspök
          Die Paprikawirtin: Ilona Püspök : Bild: Privat

          Judith Beck aus Gols am Nordufer des Neusiedler Sees ist bestimmt keine Frau, die zum Lachen in den Keller geht, dort hat sie ja auch Ernsthafteres zu tun. Doch nach der Paprikawirtin wirkt wohl jeder Mensch auf Erden ein wenig wie eine Trauerweide. Judith Beck, die sich nicht nur weinstilistisch, sondern auch modisch eher an Josef Umathum als an der Paprikawirtin orientiert, hat indes nicht den geringsten Grund, Trübsal zu blasen. Denn mit Mitte dreißig gehört sie zu den renommiertesten Nachwuchswinzern des Burgenlandes, dessen ramponierter Ruf nach dem Glykol-Skandal in den achtziger Jahren von Männern wie Josef Umathum grandios repariert wurde und dessen Ruhm heute von Frauen wie Judith Beck eifrig gemehrt wird - wobei sie das Frauenthema längst satthat, selbst wenn sie als Frau unter den Weinbauern noch immer eine Exotin ist.

          Weibliche Weine gibt es nicht

          Feminine oder maskuline Weine gebe es nicht, sagt Judith Beck, sondern nur gute oder schlechte. Und schlecht seien für sie als Winzerpatriotin all jene Weine, die nicht die Seele des Burgenlandes widerspiegeln. Warum solle sie globale Trauben wie Sauvignon Blanc anbauen, wenn es hier herrliche autochthone Sorten wie den Neuburger gebe? Und warum solle sie Chardonnay, den die Zisterzienser schon im vierzehnten Jahrhundert an den Neusiedler See gebracht hätten, als Bonbonniere ausbauen wie die Winzer aus Übersee? Viel lieber singt sie das Loblied des Regionalismus und lächelt dabei so streng, dass wir ein ganz klein wenig Sehnsucht nach unserer Paprikawirtin bekommen.

          Die Nachwuchsweinbäuerin: Judith Beck mit ihrem Partner
          Die Nachwuchsweinbäuerin: Judith Beck mit ihrem Partner : Bild: Privat

          Alain Weissgerber ist als größter kulinarischer Lokalpatriot unter den Spitzenköchen des Burgenlandes Judith Becks Bruder im Geiste am Herd, obwohl er eigentlich aus dem Elsass stammt. Doch nach fast drei Jahrzehnten in Österreich darf er als so vollständig wie erfolgreich austrianisiert gelten. Er kocht in einem unscheinbaren Dorf am Westufer des Neusiedler Sees, ganz in der Nähe von Rust, der einzig wirklich schönen Stadt des Burgenlandes, wie sogar die heimatstolzen Burgenländer mit achselzuckendem Fatalismus bekennen, die Türkenkriege hätten halt doch eine Menge kaputtgemacht - nicht aber Rust, dieses barocke Schatzkästlein mit schmiedeeisernen Brunnen und gepflasterten Gassen, klassizistischen Kirchen und Storchennestern auf Bürgerhäusern in Pastellfarben, über deren Portalen steinerne Löwen und Weinranken wachen. Vor allem jüdischen Weinhändlern verdankte der Ort einst seinen Reichtum, der nach dem Anschluss Österreichs und der Deportation der Händler jäh versiegte und das Städtchen in einen Dornröschenschlaf verstieß. Seither bettet sich Rust in seine Weinberghügel wie auf weiche Kissen und lässt sich auch von den vielen Touristen nur widerwillig wachküssen.

          Der Wahrheitssucher in der Küche

          Dass ausgerechnet hier, in einem Nest mit dem wenig weltläufigen Namen Schüt-zen am Gebirge, eines der am höchsten bewerteten Restaurants Österreichs überleben soll, können wir kaum glauben und fahren prompt dreimal am Eingang zu Alain Weissgerbers Taubenkobel vorbei, bevor wir ihn entdecken: ein Türchen, kaum größer als der namensgebende Taubenschlag, hinter dem sich eine Schatzkammer der Hochgenüsse verbirgt. Drei der typischen, langgestreckten, kaum fünfzehn Meter breiten, dafür aber hundert Meter tiefen Bauernhöfe des Burgenlandes sind zu einem verborgenen Reich aus Vier-Hauben-Restaurant, Designer-Suiten, Seerosenteich, Streichelzoo und Chillout-Terrassen verwoben - kein Protz, kein Prunk nirgendwo, sondern ein bodenständiger, keinesfalls aber bäuerlicher Charme, der sich als die exakte Fortsetzung von Alain Weissgerbers Küchenstil entpuppen wird.

          Die Kochkoryphäe: Alain Weissgerber
          Die Kochkoryphäe: Alain Weissgerber : Bild: Privat

          Der österreichische Elsässer, ein großer, schöner, ernsthafter Mann, frei von allen Allüren, ist ein Wahrheitssucher. Er will zurück zum Kern der Kulinarik, zu den Wurzeln der pannonischen Küche, dieser k. u. k. Monarchie auf dem Teller mit österreichischen, böhmischen, ungarischen, slowenischen Ingredienzien. Er will raffiniert und dennoch unkompliziert kochen und hat nichts am Hut mit der „Pinzettenküche“, wie er das lockenglatzendrehende l’art pour l’art vieler seiner Kollegen nennt. Deswegen hat er sich ganz vorne in der Küche einen Schamottofen mit Buchenholzgrill bauen lassen, in dem er Fleisch und Fisch vor den Gästen am liebsten gart. Deswegen ersetzt er den Platzteller durch eine Akazienholzscheibe, lässt seine Kellner am Tisch das Brot brechen wie in einer Bauernstube, serviert zum Hauptgang Bier und hält sich auch sonst an keine Konvention der Haute Cuisine.

          Kraftnahrung für Feinschmecker

          Dieser radikale Purismus, gepaart mit einem noch kompromissloseren Regionalismus, fordert selbst den fortgeschrittenen Gourmet heraus. Wir bekommen nichts, was es sonst in der Sterneküche immer gibt, keinen Hummer, keine Austern, keine Trüffel - stattdessen Haferflocken mit Bärlauchcreme, Weinbergschnecken und Radieschen, Panna cotta mit Kerbel, Vogelmiere, Schwarzwurzel, Pimpernelle und wildem Feldsalat, eine Heukartoffel im Tonmantel, der mit dem Hammer am Tisch zerschlagen wird, oder eine grüne Jungzwiebelsuppe mit Brandteigkrapfen, in denen sich ein Blauschimmelkäse versteckt - allesamt Kraftnahrung für Feinschmecker, die Deftigkeit mit Raffinesse und geschmacklichen Purismus mit handwerklicher Perfektion vereint, immer nach dem Motto des Chefs, aus Nichts das Beste zu machen. Das meiste davon überzeugt uns in seiner Radikalität, manches aber macht uns aus genau diesem Grund ratlos.Und zum Abschied schenkt uns Alain Weissgerber ein tiefgründiges Lächeln, als wisse er genau, vor welche Herausforderung er seine Gäste stellt. Wohin es als Nächstes gehe? Ganz in den Süden, in die Weinidylle und dann zum Csencsits. Ach, zum Csencsits, den sollen wir aber mal ganz herzlich grüßen, der habe fünfzehn Jahre lang bei ihm im Taubenkobel gearbeitet, ein feiner Kerl sei das.

          Der Csencsits heißt Jürgen mit Vornamen, doch das interessiert keinen Menschen. Vor sieben Jahren hat er das Wirtshaus seiner Eltern in Harmisch im äußersten Süden des Burgenlandes übernommen, in der allerhintersten Ecke Österreichs, also aus austriakischer Sicht am Ende der bewohnten Welt. Genauso fühlen wir uns auch in dieser Gegend, die sich Weinidylle nennt, das kleinste Weinbaugebiet des Burgenlandes versteckt und genau das Richtige für Freunde der Stille, Liebhaber der Einsamkeit und gelegentliche Weltenflüchtlinge ist. Es ist nicht das Land der Seen und der Berge, als das sich Österreich am liebsten besingt, sondern der Hügel und der Wälder, zwischen denen sich Kuriositäten wie das Kellerviertel von Heiligenbrunn verstecken: hundertvierzig altertümliche Weinkeller aus Lehm und Holz, die oft noch ein Dach aus Roggenstroh tragen, wie Hexenhäuschen oder Gnomenbehausungen aussehen und dicht wie eine Schafherde zusammenstehen.

          Ihr Suffköpfe seht ja aus wie Uhus!

          Früher kelterten die Bauern hier ihren Wein für den Eigenbedarf, den sie als arme Schlucker nicht aus veredelten Trauben, sondern aus den amerikanischen Unterlagsreben gewannen, die nach der Reblausplage importiert worden waren. Die Heiligenbrunner propften ihnen aber keine vornehmen Sorten auf, sondert steckten die robusten Reben einfach so in den Boden. Bis heute gewinnen sie daraus einen säurehaltigen, kräftig nach Waldbeeren schmeckenden und weltweit einzigartigen Wein, der Uhudler genannt wird - was sich etymologisch recht simpel erklären lässt: Da sich die Bauern gerne in ihren Kellern zusammenrotteten, um Karten zu spielen und dabei ihre Vorräte an Uhudler bedenklich zu dezimieren, mussten sie von ihren Frauen gelegentlich vor sich selbst gerettet werden. Und beim Anblick ihrer volltrunkenen Gatten sollen die Damen ausgerufen haben: Ihr seht ja aus wie Uhus!

          Der kochende Alleskönner: Jürgen Csencsits
          Der kochende Alleskönner: Jürgen Csencsits : Bild: Privat

          Der Csencsits serviert zum Aperitif einen Uhudler-Sekt, der knackig frisch schmeckt und alle Lebensgeister weckt, um dann eine grundehrliche, mit den Methoden der Haute Cuisine verfeinerte und um ein paar Souvenirs aus der großen weiten Welt der Feinschmeckerei bereicherte Küche des Südburgenlandes zu servieren. Er schmeckt seine Halászlé, die typische ungarische Paprika-Fischsuppe, mit Ingwer und Zitronengras ab und macht aus dem Klassiker Rahmsuppe mit Sterz ein wahres Kunstwerk: Den Sattmacher Sterz, in Schweineschmalz angeröstetes Mehl, ersetzt er durch viel leichteren, körnigeren Gries; den Rahm dickt er nicht mit Mehlschwitze an, sondern mit Sellerie, Petersilienwurzel, Fenchel und Lauch; und als Krönung verleiht er dieser im Original doch arg rustikalen Suppe einen aristokratischen Ritterschlag mit einem wunderbar erfrischenden Tartar aus einer Forelle, die mit Koriander und Limetten mariniert wurde. Während wir uns bei unserem Menü Lippen und Finger lecken, sitzen in der anderen Hälfte des Schankraums die üblichen Verdächtigen eines typischen Dorfwirtshauses, essen Schnitzel und Schmarrn und prosten zu uns Gourmets ganz ohne Neid und Groll herüber. Und wir denken uns: Drei Kerzen wollen wir mit der Fürbitte anzünden, dass der Csencsits in seinem toten südburgendländischen Winkel durchhalten und die Fackel der Feinschmeckerei hochhalten möge, damit auch künftig in seinem Haus der Feinschmecker vor seinem Stubenküken und der Grantler vor seinem Schnitzel Obdach finden möge.

          Dem Winzer mit Herzblut blutet das Herz

          Hermann Krutzler ist jemand, der sich auf beiden Seiten von Csencsits’ Wirtsstube wohl fühlt. Denn einerseits ist er als Rotweinwinzer mit Verehrern auf allen Erdteilen im Olymp des guten Geschmacks zu Hause und andererseits ein geradezu archetypischer Bewohner des südlichen Burgenlandes mit dem knorrigen Charme einer unverbiegbaren Herzlichkeit. Dieser Mann, der mit seiner majestätischen Wampe so schwer wie die Lehmböden seiner Weingärten und trotzdem so voller Lebensleichtigkeit wie seine besten Blaufränkischen ist, nimmt uns gleich unter die Fittiche, als seien wir ein verlorener Sohn, zeigt uns ohne jede Spur von Eitelkeit oder Ehrfurchtserbietung sein Weingut und deutet im Vorbeigehen auf die Dutzenden von Ehrenurkunden für lauter erste Plätze bei Rotweinprämierungen, mit denen die Wände tapeziert sind. „Zettel“ nennt er sie mit einer wegwerfenden Handbewegung, um dann mit uns ins nahe Ungarn zu fahren, denn er will uns die Weinberge der Nachbarn zeigen - und Hermann Krutzler, dem Winzer mit Herzblut, blutet das Herz, wenn er die Verwahrlosung bei den ungarischen Cousins sieht.

          Der Rotweingott: Hermann Krutzler
          Der Rotweingott: Hermann Krutzler : Bild: Privat

          „Wie Laternenmasten“ sähen die verwitterten Betonstützpfeiler der Rebenreihen aus, grantelt er, „ganz verludert“ seien die unkrautüberwucherten Stöcke, überhaupt keine Mühe gäben sich die Kollegen und müssten zur Strafe ihren Wein in Plastikkanistern für einen Euro den Liter verscherbeln. Und dann gelangt er mühelos zu apodiktischen, völkerpsychologischen Wahrheiten: „Die Ungarn denken eben mehr als wir, dafür arbeiten’s weniger.“ Das mag nach klassischem k. u. k. Rassismus klingen. Doch Hermann Krutzler sagt das mit solcher Nachsicht und solcher Zärtlichkeit, dass uns schlagartig klar wird, warum das alte kaiserliche Vielvölkerösterreich so lange glücklich existieren konnte.

          Vom Rüssel bis zum Ringerl

          Max Stiegl könnte in jedem Roman über Glanz und Gloria, Exzess und Exzentrik der Donaumonarchie die Hauptrolle spielen. Bekennender Slowene von Geburt, kochender Extremist von Gemüt, war er mit Anfang zwanzig der jüngste Sternekoch der Welt und ist jetzt mit Anfang dreißig vermutlich der einfallsreichste und eigensinnigste Chef des Burgenlandes. Innereien sind seine große Liebe, nicht nur aus Respekt vor dem Tier, das ein guter Koch „vom Rüssel bis zum Ringerl“ zu verarbeiten habe, also vom Maul bis zum Schwänzchen. Nur das Filet zu verwenden und den Rest wegzuwerfen, das sei keine große Kunst, sagt Stiegl mit ebenso viel Empathie wie Empörung. Den wahren Könner unter den Köchen erkenne man daran, was er mit den scheinbar weniger kostbaren Teilen anstelle. Und Scharlatane sind für ihn die Spiegelfechter unter seinen Kollegen, die dem Gast unidentifizierbare Dinge vorsetzen. „Da kann ich ja gleich eine Katze in die Ravioli werfen“, meint dieser Temperamentsquerkopf, der seit sieben Jahren in Purbach in einem alten Wirtshaus mit herrlichem Innenhof voller Platanen kocht, seine Küche zu neunzig Prozent autark versorgt, sein Gemüse in einem 6500 Quadratmeter großen Garten zieht und sich jetzt ein kurzes Gähnen nicht verkneifen kann - mit der hervorragenden Entschuldigung, dass er heute Nacht um halb drei aufgestanden sei, um ein Dutzend Lämmer zu schlachten. Und schon stürmt Stiegl mit uns ins Kühlhaus, um stolz wie ein Freibeuter seine Schätze zu zeigen.

          Der Küchenanarchist: Max Stiegl
          Der Küchenanarchist: Max Stiegl : Bild: Privat

          Seine Passion für Innereien wird nicht jeder teilen. Doch selbst die größten Skeptiker beginnen mit ihnen zu flirten, wenn Max Stiegl sein gebeiztes Lammherz serviert, hauchdünn geschnitten wie ein Carpaccio, in dem sich der extrem intensive Herzgeschmack wie in einer Aromenwolke aufzulösen scheint; oder wenn die Lammhoden kommen, die eine Konsistenz so fein wie ein Mousse haben. Dann folgt ein Lammschlögel, der mit Zwiebeln gespickt, mit Senf bestrichen, mit Bier übergossen und mit einem unglaublichen Kartoffelgratin serviert wird - eher einem Kartoffel-Millefeuille, denn es besteht aus mindestens zwei Dutzend fein gehobelter Kartoffelscheiben, die von eingekochter, abgeschöpfter und mit Thymian aromatisierter Sahne hauchzart umschmeichelt werden. Zum Abschluss gibt es dann noch Lady Gaga, den Klassiker des Hauses: ein Mousse au chocolat in Gestalt eines Frauentorsos mit Brustwarzen aus Meersalz, das Stiegl ab und zu Ärger mit offensiv emanzipierten Gästinnen einbringt. Er nimmt es mit Humor und Schmäh und wünscht sich, dass es eines Tages richtig Rabatz gibt und „diese, na wie heißen die noch, diese Protestdamen mit den nackten Brüsten“, ach so, die Femen-Frauen von der Feministinnenfront, geräuschvoll bei ihm aufkreuzen.

          Wir verspeisen Lady Gaga, und alles bleibt ruhig. Sie schmeckt viel verführerischer, als sie singt, so verführerisch wie das Burgenland, von dem sie bestimmt noch nie etwas gehört hat, das arme Kind.

          Die Winzer: Weingut Umathum, St. Andräer Straße 7, A-7132 Frauenkirchen, Tel.: 0043/2172/24400, www.umathum.at; Judith Beck, In den Reben 1, A-7122 Gols, Telefon: 0043/2173/2755, www.weingut-beck.at; Weingut Krutzler, A-7474 Deutsch-Schützen Nr. 250, Tel.: 0043/3365/2255, www.krutzler.at. Weitere Informationen über empfehlenswerte Winzer aus dem Burgenland gibt es bei Wein Burgenland, Tel.: 0043/2682/702631, www.weinburgenland.at.

          Die Restaurants: Altes Brauhaus (Die Paprikawirtin), Kirchplatz 27, A-7132 Frauenkirchen, Telefon: 0043/2172/2217, www.altesbrauhaus.at; Relais und Château Hotel Restaurant Taubenkobel, Hauptstraße 27, A-7081 Schützen am Gebirge, Telefon: 0043/2684/ 2297, www.taubenkobel.at; Gasthaus Csencsits, Harmisch 13, A-7512 Harmisch, Telefon: 0043/ 3366/77220, www.gasthaus-csen-csits.at; Gut Purbach (Max Stiegl), Hauptgasse 64, A-7083 Purbach, Telefon: 0043/2683/56086, www.gutpurbach.at.

          Der Paradeiserkönig: Erich Stekovics, Schäferhof 13, A-7132 Frauenkirchen, Tel.: 0043/676/96607, A-7132 Frauenkirchen, www.stekovics.at.

          Informationen: Burgenland Tourismus, Johann-Permayer-Straße 13, A-7000 Eisenstadt, Telefon: 0043/2682/63384, www.burgenland.info/de. Die Reise wurde von Burgenland Tourismus unterstützt.

          Quelle: F.A.Z.

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