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Hochgebirgsutopia : Niemand in Shangri-La kennt Shangri-La

  • -Aktualisiert am

Glücksritter, Heilsuchende, Gralsforscher wollten das mystische Shangri-La finden. Nun ist es aufgetaucht: Der Wan-Gu-Pavillon auf dem Löwenberg über der chinesischen Stadt Lijiang. Bild: Stefan Nink

Er gilt als mythischer Hort der Glückseligkeit. Jetzt hat China Fakten geschaffen und einen Landstrich nach dem paradiesischen, asiatischen Ort genannt. Dort offenbaren sich kurze Momente perfekten Glücks.

          Am Ende wurde Wasser nachgegossen, immer wieder, das ist in China so. Die Teeblätter bleiben in der halb vollen Tasse, es gibt lediglich frisches Wasser dazu, unser westliches Nur-zwei-Minuten-ziehen-lassen-Mantra wird in der Heimat des grünen Tees komplett ignoriert. Es wurde also Wasser nachgegossen, und wir tranken Tee, Friedenstee gewissermaßen, denn vor dem Tee hatte es Streit gegeben und vor diesem einen Mord. Das war das Wort, das mein Fahrer im Englischen verwendete: murder, meinte er, die Dorfbewohner sagen, wir hätten einen Mord begangen. Ich war mir sicher, dass sich da in der Übersetzungskette Naxi-Mandarin-Englisch irgendwo eine kleine Bedeutungsverschiebung eingeschlichen haben musste, ganz bestimmt, aber an der allgemeinen Erregtheit änderte das natürlich nichts.

          Die Dorfbewohner hatten uns umzingelt, immer mehr waren es geworden, und alle hatten lautstark auf uns eingeredet und dabei wild gestikuliert, man kennt solche Bilder ja aus den Fernsehnachrichten. Der Leichnam lag vor uns auf der Straße; er war noch warm. Und wir beteuerten unsere Unschuld und bedauerten unser Tun, das Verdikt aber stand längst fest: Wir hatten den Yak umgebracht. Mit unserem Geländewagen. Unmittelbar hinter einer Kurve. Eine Minute später hatten uns die Dorfbewohner umzingelt, und nach langen Diskussionen war der Besitzer des Opfers mit umgerechnet fünfzig Euro versöhnt worden. Der Tee im „Shangri-La First Teahouse“ war im Preis enthalten.

          Das Land, von dem alle nur träumen

          Shangri-La! Jetzt ist es raus, und deswegen auch gleich Achtung: Wir waren in einem Land unterwegs, in das bis vor kurzem noch niemand reisen konnte – es wusste nämlich niemand, wo es lag. Wie für El Dorado, Xanadu oder andere Sehnsuchtsorte des Westens gab es auch für Shangri-La keine Koordinaten; das Land existierte lediglich in der Phantasie. Oder als Namensgeber für eine Hotelkette, für diverse Lieder, Filme, Bücher und Mangas. Costa Cordalis hat es besungen, aus dem Himalaja-Mythos in einem Akt geographischer Kühnheit allerdings eine Insel gemacht. Diverse Konsolen- und Computerspielhelden suchen es; der sonst so bodenständige Mark Knopfler benannte ein Album nach ihm.

          Und ein Mann namens James Hilton hat es 1932 für einen Roman – erfunden? Nein, nein, hat der Schriftsteller immer wieder beteuert, nicht erfunden, beschrieben habe er es! „Der verlorene Horizont“ handelt von vier Europäern, die nach einer Bruchlandung im Himalaja ein geheimnisvolles Tal mit einem Kloster entdecken. Dessen Bewohner sehen wie 45-Jährige aus, sind aber Hunderte Jahre alt und leben in einer Art himmlischem Frieden, sie lesen, meditieren, schauen zu den Sternen und sehen zu, wie die Schatten der fliegenden Vögel über die Bergflanken ziehen. Hilton behauptete, seine Informationen von einem der Europäer erhalten zu haben. Und setzte so den Mythos Shangri-La in die Welt.

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