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Hawaii Menschenfutter für die Riesenechse

20.02.2007 ·  Die Bewohner der Hawaii-Insel Molokai wehren sich erfolgreich gegen den Massentourismus. Nicht ohne Stolz behaupten die wehrhaften Insulaner: „Wer sich in Waikiki amüsiert, wird sich auf Molokai zu Tode langweilen.“ Und das ist auch gut so.

Von Ole Helmhausen
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Mit Lawrence Aki legt man sich besser nicht an. Missbilligend baut er seine massigen, von pechschwarzem Haar umflossenen Einsneunzig vor dem pickeligen Nachzügler auf und raunzt: „Malama i ka' aina.“ Dann schickt er den jungen Menschen aus New Jersey mit einer knappen Handbewegung zum Lele, dem traditionellen Altar Hawaiis. „Malama i ka' aina“ bedeutet in etwa: Land und Ahnen Respekt erweisen. Erst wenn das geschehen ist, geben die Vorfahren ihre Einwilligung, erst dann kann Lawrence Aki mit seiner kleinen Gruppe das überwucherte Halawa Valley talaufwärts ziehen.

„Malama“ heißt auch schützen und bewahren. Und auf Molokai, der fünftgrößten Insel des Hawaii-Archipels, meint man es ernst damit. Nach einem Fünfundzwanzig-Minuten-Hüpfer von Honolulu, der Hauptstadt Hawaiis mit ihren Bürotürmen und verstopften Freeways, landet man zunächst auf einem schmalen Rollfeld zwischen struppigen Bäumen und vertrocknenden Feldern. Ein warmer Wind streicht durch das Ein-Zimmer-Terminal.

Getuschel und Gelächter

Vor dem Miniaturflughafen grüßt ein Schild mit der Aufschrift „Aloha. Slow down. This is Molokai“. Und weil die Insel sechzig Kilometer lang und sechzehn Kilometer breit ist und von gerade einmal achttausend Menschen bewohnt wird, ist man schon einen Lidschlag später im Hauptort Kaunakakei, in einer schläfrigen Angelegenheit aus drei, vier flachen Häuserblocks, die sich an der anämischen Ala Malama Street festhalten. Es gibt keine Ampeln, keine Fastfood-Restaurants, kein Kino. Es gibt weder den sonst in Amerika grassierenden urbanen Siedlungsbrei noch überlaufene Strände. Die höchsten Gebäude sind die Kirchen, und der Insulaner liebste Freizeitbeschäftigung ist das sonntägliche Softballmatch.

Die oft zitierte stehengebliebene Zeit scheint hier keine Metapher, sondern Wirklichkeit zu sein. Ihren Vorwärtsdrang gab sie schlagartig auf, als der Nahrungsmittelgigant Del Monte Ende der siebziger Jahre hier seine Ananasplantagen schloss. Seither findet der Inselalltag auf den Bürgersteigen statt: Nachbarn zeigen einander ihre Einkäufe, Großeltern inspizieren Enkelkinder, Hunde dösen unter staubigen Autos, die mit offenen Fenstern auf ihre Besitzer warten. Das einzige nennenswerte Geräusch ist das Schlurfen von Gummischlappen. Und hin und wieder Getuschel und Gelächter, das aus einem der kleinen, dunklen Tante-Emma-Läden dringt.

Der heimische Gen-Pool

Das ist Kaunakakei, eine Vision aus der guten alten Zeit, als man sein Auto noch nicht reflexartig abschloss und auch sonst alles menschlicher war. Und einfacher. Sogar nachts. Selbst wer um drei Uhr morgens Heißhunger auf Süßes hat, wird auf Molokai bedient. Zwischen Imamura's und dem Mango Mart zweigt von der Hauptstraße eine unbeleuchtete Gasse zur graffitibekleckerten Rückseite der Kanemitsu-Bäckerei ab. Familie Kanemitsu versorgt Molokai seit achtzig Jahren mit Teigwaren. Im Flackerlicht einer alten Glühbirne wartet man, bis ein schweißtriefender Lehrling den Kopf durch die Türe steckt und die Bestellung aufnimmt. Minuten später ist er wieder da und überreicht eine Plastiktüte mit ofenwarmen Plätzchen oder dem kuchenähnlichen, „Hotbread“ genannten Weißbrot mit hineingespritzter, hausgemachter Marmelade.

Kanemitsus Hintertür ist der beste Ort auf der Insel, um in Ruhe den heimischen Gen-Pool zu studieren. In den braunen Gesichtern spiegelt sich, deutlicher als auf den übrigen Inseln, das hawaiische Erbe, durch Einsprengsel aus Japan und den Philippinen nur wenig variiert. Ein zehnjähriger Steppke kann nicht warten und schiebt sich eine riesige Brotkante in den Mund. „Maona!“, sagt er mit vollem Mund. „Danke für das Essen.“ Seine Mutter lächelt verlegen und verschwindet mit dem mampfenden Sohn in der warmen Nacht.

Urahn aller Hawaiianer

Lawrence Aki verzieht den Mund. „Wer sich in Waikiki amüsiert, wird sich auf Molokai zu Tode langweilen.“ Früher half Aki als Direktor des örtlichen Fremdenverkehrsamts seine Insel als Reiseziel zu vermarkten, doch davon hatte er bald genug. Er erinnerte sich an seine Vorfahren und deren Lebenskraft, die unter seinen Sandalen die Erde durchströmte, und an die Erzählungen der Kupunas, der Ältesten. Seither bewirtschaftet er die Tarofelder seiner Familie im Halawa Valley und führt gelegentlich kleine Besuchergruppen durch das enge Tal. Seit dem siebten Jahrhundert leben hier Menschen, die Reste ihrer Häuser und Tempel ragen bis heute aus der subtropischen Vegetation heraus. „Das da drüben ist ein Heiau“, sagt Aki leise und zeigt auf eine freitreppenähnlich zu einer Plattform ansteigende Struktur aus bearbeiteten Steinen.

Dort, wo einst die Priester heilige Handlungen vollzogen, wuchert heute der Regenwald. Der Trail führt um die Anlage herum, sie zu betreten ist für traditionell lebende Hawaiianer wie Aki bis heute undenkbar. Meterhohe Mauern tauchen jäh aus dem feuchten Dunkelgrün auf und verschwinden wieder. Hier ein moosbedeckter Altar, dort die Reste der viele hundert Jahre alten Grabstätte eines Adligen. Aki hat die Geschichte des Tals von seinen Großeltern und anderen Ältesten gelernt. Nach fünf Kilometern endet das Tal bei den Mouala Falls. Unvermittelt öffnet eine Lichtung den Regenwald und gibt den Blick auf eine düstere Felsenwand frei. Durch einen Riss stürzt das Wasser des Halawa River in ein achtzig Meter tiefer liegendes schwarzes Becken. Aki wirft seinen Rucksack auf einen Felsen über dem Becken und öffnet eine Tüte mit Poi, dem traditionellen Tarobrei. „Früher glaubten wir beim Anblick einer Schale Poi auf dem Tisch, dass Haloa anwesend war, der Urahn aller Hawaiianer.“ Dann steckt er zwei Finger in den frischen Brei und lässt es sich schmecken.

Bloß kein zweites Waikiki

Die rauschenden Wasser machen Aki gesprächig. Der Hawaiianer erzählt von der Riesenechse Moo, die in dem Becken lebt und hin und wieder einen Schwimmer verschlingt; von seiner Großtante, die ins Gefängnis kam, weil sie gegen die Sprachgesetze der Amerikaner protestierte, die Hawaiisch in den Schulen durch Englisch ersetzten; und von den Kahoolawe Nine, den neun auch aus Molokai stammenden Aktivisten, die 1976 mit ihrer Besetzung des Eilandes Kahoolawe die Bombenabwürfe der Air Force dort beendeten und damit eine Welle hawaiianischen Patriotismus auslösten. Moo hat keinen Appetit. Der Jüngling aus New Jersey zieht unbehelligt seine Bahnen im lianenumrankten Becken. Aki steht auf und streckt die Arme aus, als wolle er die Fälle umarmen. „Schaut euch um und fragt euch, warum ihr an diesem schönen Ort keine Straße und kein Hotel seht. Weil wir auf Molokai aufpassen, dass aus unserer Insel kein zweites Waikiki wird.“

Und das meinen sie bitterernst. So verhinderten empörte Insulaner im Jahr 2003 die Landung von Kreuzfahrtschiffen, indem sie mit ihren Auslegerbooten die Hafenzufahrt blockierten. Unverhältnismäßig viele Kapu-Schilder - im weitesten Sinn bedeutet „kapu“ verboten - warnen auf der ganzen Insel vor dem Betreten von Privatgrundstücken und verstärken das Gefühl der Ausgeschlossenheit - auch wenn sie sich, das ist hier kein Geheimnis, nicht gegen Fremde, sondern vor allem gegen illegale Marihuana-Pflanzer richten. „Wir haben gesehen, was auf Maui und Kauai passiert ist“, zitiert eine Lokalzeitung den bekannten hawaiischen Aktivisten Walter Ritte jr. „Der Tourismus zerstört unsere Kultur und lässt uns in den Hotels nur die Laken wechseln.“

Lieber wandern als einkaufen

Tatsächlich ist der Tourismus auf Molokai während der vergangenen fünf, sechs Jahre ständig zurückgegangen. 2005 wurden knapp 75.000 Besucher gezählt, ein Dreißigstel des Touristenaufkommens auf der Nachbarinsel Maui und ein Fünftel weniger als 2003, dem Jahr, als Hawaiian Air seinen Molokai-Dienst einstellte. Seitdem gelangt man nur mit den Propellermaschinen von Island Air oder per Fähre hierher.

Ein anderer, nicht weniger wichtiger Grund für die Skepsis gegenüber touristischen Großprojekten ist die Wasserknappheit auf der Insel: Landwirtschaft - Mais, Kaffee, Melonen - ist das wirtschaftliche Rückgrat Molokais, Resorts und Golfplätze gelten da zwangsläufig als gefährliche Konkurrenten. Die Hälfte aller Besucher sind ohnehin Hawaiianer von anderen Inseln: Auf Molokai entspannen sie sich vom Rummel auf Oahu oder Maui. Die andere Hälfte ist ein bunter Haufen von Individualreisenden aus aller Welt, die lieber wandern als einkaufen und keinen Wert auf Nachtleben legen. So gibt es auf der Insel nur ein einziges großes Ferienresort sowie eine Handvoll kleinerer Hotels und Pensionen, die zusammen gerade einmal achthundert Zimmer anbieten - so viele wie ein einziges Hotel in Waikiki.

Die letzten Leprakranken

„Wir wollen zwar keinen Massentourismus, aber interessierte Einzelreisende sind herzlich willkommen“, sagt Aki auf dem Rückweg vom Wasserfall. Ihnen hat Molokai noch weit mehr zu bieten, die Strände zum Beispiel, einsam und verschwiegen meist und immer leicht erreichbar wie Murphy's Beach und Moomomi Beach. Und natürlich den Kalaupapa National Historic Park im Norden, eine von mehr als fünfhundert Meter hohen Klippen von der Außenwelt abgeschnittene Landzunge, auf der einst die hawaiischen Könige Leprakranke zum Sterben aussetzten. Der belgische Pater Damien gründete dort 1873 eine bis heute existierende Leprakolonie, die nur auf den Rücken schwindelfreier Maultiere erreichbar ist. Ein Handvoll Leprakranker lebt hier noch, ärztlich betreut und von Krankenschwestern umsorgt, doch abgeschirmt von der Außenwelt. Ein kleines Museum erzählt ihre Geschichte, eine unbefestigte Straße führt durch den Busch zum Grab des glaubensstarken Paters, von dem aus man einen Sensationsblick auf die grandiose Steilküste hat, die 1993 als Kulisse für Steven Spielbergs „Jurassic Park“ diente.

Poesie in Bewegung

Freitagnachmittags treffen sich die Kupunas von Kaunakakei im Molokai-Hotel zur Jamsession. Jeder, der eine Ukulele halten kann, macht mit. Auntie Julie ist mehr als siebzig Jahre alt und wiegt die Hüften wie ein junges Ding. Doch mit der Bauchtanzerei in Honolulu hat dies hier nichts gemein. Hula, haucht sie schüchtern ins Mikrophon, sei Poesie in Bewegung, eine Spiegelung der Schönheit ihrer Insel. Und bald wiegt sich ihr Körper wie eine Palme unten am Strand, und mit ihren geschmeidigen Händen erzählt sie die uralten Geschichten von Göttern, Halbgöttern, Königen und Prinzessinnen.

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften, darunter die Lufthansa, fliegen von Deutschland mit Zwischenstopps auf dem amerikanischen Festland nach Honolulu. Von dort geht es mit Island Air weiter nach Molokai.

Übernachtung: Die Unterkunftsmöglichkeiten beschränken sich auf einige wenige Hotels. Am oberen Ende der Preisliste rangiert die zu den Small Luxury Hotels of the World gehörende Molokai Ranch (100 Maunaloa Hwy., Maunaloa, Molokai, Telefon: 001/808/6602824, Web: www.molokairanch.com), ein Ferienresort im Westen der Insel, das aus einer rustikal-eleganten Lodge und dem Beach Village mit vierzig Wohnzelten besteht. Herrliche Strände und ein Golfplatz gehören ebenfalls zur Anlage. Preiswerter ist das Molokai Hotel in Kaunakakei (Kamehameha V. Hwy., Kaunakakei, Molokai, Telefon: 001/808/5535347, Internet: www.hotelmolokai.com), ein von tropischer Vegetation umgebenes Mittelklassehaus mit Pool, Bar und Strand.

Touren: Der Halawa Valley Hike und zahlreiche andere geführte Touren sind bei der Molokai Visitor Association zu buchen.

Informationen: Molokai Visitor Association, Moore Center, 2 Kamoi St., Suite 200, Kaunakakei, HI 96748, Telefon: 001/808/5533876, Web: www.molokai-hawaii.com.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2007, Nr. 39 / Seite R8
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