Home
http://www.faz.net/-gxh-76bh3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hausbootfahren in England Die Ente bettelt schon wieder!

 ·  Zwischen eleganten Flussseglern und aufdringlichem Wassergeflügel kann man erstaunlich gut entspannen: Mit dem Hausboot unterwegs in den Norfolk Broads.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)
© Andrea Diener Enten: Laut, gefräßig, aufdringlich. Uns kratzt das nicht, wir sind mit gemächlichen sechs Meilen pro Stunde unterwegs und daher tiefenentspannt. Noch etwas Tee?

Da vorne fährt ein Segelboot über die Wiese. Dann schauen wir noch mal hin, das kann ja nicht sein, aber doch: Das weiße Dreieckssegel bewegt sich langsam, aber sicher über das hohe Gras, schert ein wenig nach links oder rechts aus und verschwindet hinter einer Baumgruppe. Erst als wir mit unserem bräsigen Hausboot der Sache langsam näherkommen, sehen wir, dass sich da ein Flussarm durch das Feld windet. Dorthin könnten wir auch abbiegen. Oder doch noch ein bisschen geradeaus bis ins nächste Dorf fahren, anlegen und im Pub etwas so dermaßen Frittiertes essen, dass wir den Nachmittag entweder spazieren gehen oder faul verdauend auf dem Deck verbringen müssen.

Flussarme gibt es nämlich viele in den Norfolk Broads, insgesamt zweihundert Kilometer ohne Schleusen. Diese ganze Gegend im Südosten Englands, unweit der Küste und dem Badeort Great Yarmouth, ist ein einziges, menschengemachtes Wasserlabyrinth. Es besteht aus natürlichen Flüssen wie dem Waveney, dem Ant, Bure und Yare und künstlichen Kanälen, die sich immer wieder zu Seen weiten, den sogenannten Broads. Einst wurde hier Torf abgebaut, der im Mittelalter als Brenn- und Baustoff diente, bis sich im vierzehnten Jahrhundert die Torfgruben mit Wasser füllten, was den Abbau derart erschwerte, dass man ihn aufgab. Es entstand in den folgenden Jahrhunderten ein unüberschaubares Geästel an Wasserflächen und Wasserarmen, das fortan Vögeln, Ottern, Schmetterlingen und anderen Tieren als Heimat diente. Und den ansässigen Bauern als Transportweg - anstelle der Kutsche oder des Pferdekarrens nutzte man hier ganz selbstverständlich das Boot.

Luxuskoje mit Schminktischchen

Immer wieder fährt man auch an Windmühlen vorbei, in denen aber kein Getreide gemahlen wird. Die Mühlensegel treiben Pumpen an, mit denen das Sumpfwasser abgeleitet wird, sodass sich die trockengelegten Felder für die Landwirtschaft nutzen lassen. Entlang der Kanäle, die regelmäßig ausgebaggert werden müssen, damit sie nicht wieder versumpfen, wächst Riedgras, das zum Decken von Hausdächern geschnitten wurde. Die Technik des Reetdachdeckens ist in England inzwischen aber nahezu ausgestorben, sodass man sich Entwicklungshilfe vom Kontinent holen muss.

Jahrhundertelang wurden die Wasserstraßen zudem mit hölzernen Frachtseglern - den Wherries - befahren. Im kleinen, privat betriebenen Museum of the Broads in Stalham kann man sehen, wie die Kapitäne und die Schiffsjungen - es waren üblicherweise zwei Männer, die ein Schiff bewirtschafteten - in ihrer engen Kabine hausten: Ein kleiner Kamin, daneben zwei Kojen, kaum lang genug, um sich auszustrecken. Unsere Hausbootkojen mit Schminktischchen und angeschlossener Toilette erscheinen uns da plötzlich sehr luxuriös und geräumig. Wir können ja sogar duschen!

Hunderte Schiffsleichen auf dem Grund

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts herum gerieten diese großen, bunt bemalten, etwas behäbigen Lastkähne aus der Mode. Eisenbahn und Lkw waren schneller und geräumiger, und so schlug man die Wherries nach und nach leck und ließ sie sinken. Bis heute liegen wohl Hunderte dieser Schiffsleichen auf dem Grund der Broads. Nur eine einzige originale Wherry überlebte, die Albion, die von einem Förderverein liebevoll in Schuss gehalten wird und für Gruppenfahrten gemietet werden kann. Wenn sie mit ihrem knallroten Holzrumpf und dem hohen schwarzen Segel über den Fluss gleitet, ist das ein so imposanter Anblick, dass ihr alle hinterher schauen, Bootsfahrer, Segler und die Anwohner in ihren Vorgärten.

Doch auch nach dem Ende der Flussschifffahrt spielt sich ein Großteil des Lebens in den Broads auf dem Wasser ab. Gesegelt wird hier schon seit viktorianischen Zeiten zum Vergnügen, man lieferte sich im Sommer regelmäßig Regatten. Gerudert wird mit ähnlicher Begeisterung, und seit einigen Jahrzehnten tuckern gemächlich die flachen Motorschiffe übers Wasser. Eilig hat es hier keiner, die Höchstgeschwindigkeit wird streng eingehalten, denn die ganze Gegend ist Naturschutzgebiet und das Wassergeflügel geht vor.

Toastscheiben auf der Bootsterrasse

Urlauber und Einheimische, Geburtstagsfeiern und Junggesellenabschiede, sie alle fahren mit höchstens sechs Meilen pro Stunde aneinander vorbei und winken sich zu. Einige ältere Ehepaare geben einen Eindruck davon, wie man beim höchst eleganten Flusssegeln zu einem eingespielten Team werden und sich praktisch wortlos verständigen kann. Die Segler haben außerdem immer Vorfahrt mit ihren schmalen, im Zickzack die Breite des Flussarms ausnutzenden Holzbooten.

Wir Touristen sind auf unserem behäbigen Kahn weniger ambitioniert und vor allem weniger anmutig unterwegs, wir hängen im Wasser wie ein Nilpferd. Dafür hat unser Hausboot alles dabei: Bett, Küche und einen Esstisch, über dem bei schönem Wetter das Dach geöffnet werden kann. Und weil das Wetter schön ist, können wir auf der Bootsterrasse frühstücken, mit Blick auf die ersten vorbeifahrenden Schiffe und die ziemlich aufdringlichen Enten, die auf der Reling hocken, sich hungrig nach unseren Toastscheiben recken und nachts sogar mit einiger Vehemenz und Ausdauer mit den Schnäbeln an die Scheibe klopfen, wenn sie vermuten, dass es bei uns etwas zu holen gibt.

In zwanzig Metern kommt die Kurve

So verteilen sich unsere Aufgaben: Einer steht am Steuer, der Rest schaut, fotografiert oder sorgt für die ununterbrochene Teeversorgung der Mannschaft. Wer nicht am Steuer steht, springt beim Anlegen mit den Seilen ab und knotet. Und natürlich wechseln wir uns dabei ab. Das mit dem Hausbootfahren bekommen wir zum Glück alle erklärt, bevor wir mit dem riesigen, aber nicht sehr hohen Kahn auf die Broads losgelassen werden. Man braucht hier nämlich besonders flache Schiffe, um unter den alten Brücken hindurchzupassen - die Wherries hatten deshalb Segelmasten, die sich recht einfach umlegen ließen. Auch die richtigen Knoten müssen wir üben, damit sich das Schiff nicht plötzlich selbständig macht, während wir noch im Pub sitzen.

Schwierig ist das zum Glück erst einmal nicht, und bald hat man den Bogen raus. Man muss eben schon zehn, zwanzig Meter lenken, bevor die Kurve kommt, weil das Wasser ein so träges Element ist. Und schon vor der Kurve wieder zurücklenken, damit es hinterher geradeaus weitergeht und nicht im Kreis. Irgendwann weiß man auch, wie lang das Heck und wo der Drehpunkt des Bootes ist und was man aus Versehen alles mitnehmen kann (Poller, Blumenkübel, andere Boote).

Modelleisenbahnlandschaft mit Duchess

Zugegeben, das mit den Anlegemanövern ist nicht so einfach, aber an jeder Anlegestelle finden sich im Notfall Dutzende erfahrener Freizeitkapitäne, die gern tatkräftig helfen, wenn es mit dem Einparken nicht auf Anhieb klappt. Wir sind schließlich alle zum Vergnügen hier, haben es nicht eilig, schauen uns gern die hübschen Dörfchen an, schlendern durch die krummen Gassen und kehren in den Pubs ein. Wir besichtigen Dorfkirchen, unter denen sich so manche Perle befindet, zum Beispiel in Ranworth. Wir planen einen ganzen Nachmittag ein für Somerleyton Hall, das Schloss mit den schönen Gärten, und werden von den Hunden der jungen Duchess umgerannt, aber die Duchess hat ihre Köter zum Glück bestens im Griff und schimpft sie sogleich aus, bis sie den sprichwörtlichen Hundeblick aufsetzen.

Die Norfolk Broads sind eine kleine, abgeschiedene und sehr eigene Welt. Ein bisschen wie eine Modelleisenbahnlandschaft, nur dass es hier keine Schienen gibt, stattdessen aber Wasserwege. Irgendwann dreht sich auch das Bewusstsein für Erreichbarkeit um - Wasser ist nicht länger ein Hindernis, Land ist eher lästig und im Weg. Was sich über den Wasserweg nicht erreichen lässt, kann es eigentlich auch nicht wert sein, dass man es besucht. Man gewöhnt sich schnell an die Gesetzmäßigkeiten des trägen Elements, an das verzögerte Lenkverhalten, das sich irgendwann anfühlt wie Walzertanzen in Zeitlupe, an die Strömungen aus Seitenarmen, gegen die man anlenken muss, an die ziemlich entspannte Geschwindigkeit. Auch an das Tuckern des Motors, an das aufdringliche Entenvolk und die stets gut gefüllte Bordteekanne.

Durch Englands Wasserlabyrinth

Anreise: Die Norfolk Broads erreicht man am besten über den Flughafen Norwich, zum Beispiel mit KLM über Amsterdam. - Bootsvermietung: Boote mieten kann man zum Beispiel über Le Boat an den Basen in Horning und Somerleyton. Informationen telefonisch unter 06101/5579175 oder im Internet unter www.leboat.de. Ein Boot mit Schiebedach für 6 bis 8 Personen kostet je nach Saison zwischen 1200 und 2200 Euro, ein kleines Boot für zwei Personen oder Kleinfamilie etwa 1000 bis 1700 Euro. - Auf dem Boot: Einen Bootsführerschein braucht man nicht, um sich in den Broads ein Hausboot zu mieten. Es genügt die Einweisung, die ein erfahrener Skipper an der Basis gibt. - Literatur: Das Standardwerk für Hausbooturlauber „Die Norfolk Broads“ von Bernd-Wilfried Kießler, erschienen in der Edition Maritim, ist leider nur noch antiquarisch, im Internet aber recht häufig zu bekommen. - Informationen zu den Norfolk Broads auf visitnorfolk.co.uk oder enjoythebroads.com (beide Seiten auf Englisch). Allgemeine Informationen bei der englischen Fremdenverkehrszentrale Visit England unter www.visitengland.de. - Diese Reise wurde unterstützt von Le Boat und von der englischen Fremdenverkehrszentrale Visit England.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen